Süddeutsche Zeitung

Gerechtigkeit:Alle sollen erben

Nie wurde in Deutschland so viel vererbt wie heute. Doch diese Milliarden spalten das Land. Deshalb muss jeder etwas von seinem Erbe abgeben.

Essay von Christian Endt und Pia Ratzesberger

Es gab da diesen Moment, ungefähr nach dem dritten Gin Tonic. Eine Gruppe von Freunden Ende zwanzig, wir standen draußen auf dem Balkon, unter uns die Stadt, über uns der Himmel, wir schworen uns mal wieder ewige Zuneigung, genau wie damals schweißtrunken auf dem Konzert von Tocotronic. "Pure Vernunft darf niemals siegen", an diesem Abend hatten wir das ziemlich gut hinbekommen.

David wankte, er streckte die Hand über das Geländer und wisperte: Der alte Wagen da unten auf der Straße, der silberne Mercedes, das sei jetzt seiner. Habe ihm die Großtante in ihrem Testament vermacht. Mensch, Glückwunsch, grölten die anderen, beugten sich hinab, um den Karren zu inspizieren, fragten die Daten ab: 120 PS, zwanzig Jahre alt zwar, aber die Dinger laufen ja ewig. Eine steckte sich eine Zigarette an, relativ unbeeindruckt; sie werde bald das verwinkelte Altstadthäuschen übernehmen, das die Großeltern so mühsam renoviert haben. Der Freund neben ihr schwadronierte von einer hellen Neubauwohnung direkt am Fluss, auf die er aber noch lange warten müsse. Zwei Gäste drückten wortlos ihre Kippen aus und verschwanden nach innen. Das waren wohl die, die nichts zu erwarten hatten.

Alles nur geerbt

Erben ist schön. Erben ist ungerecht. Erben verpflichtet. Erben befreit. Nichts verändert Deutschland in den kommenden Jahren so stark wie die Milliarden, die von einer Generation an die nächste gehen. Was das Erben mit uns macht - ein Themenschwerpunkt der Volontäre der Süddeutschen Zeitung.

So vieles hängt von dieser einen Frage ab: Erbst du oder erbst du nicht?

Noch sind wir alle ungefähr in der gleichen Situation. Mitte bis Ende zwanzig, Anfang dreißig. Das letzte Semester, der erste Job, die nächste Liebe. Stück für Stück bauen wir uns ein Leben zusammen. So wie wir es uns vorstellen, weil wir glauben, dass das doch möglich sein muss in Deutschland. In ein paar Jahren aber werden einige von uns enttäuscht sein. Wenn es um eine größere Wohnung geht mit einem Extrazimmer für die Kinder. Um das Startkapital für den eigenen Laden. Oder einfach nur darum, den doofen Job endlich hinzuschmeißen und neu zu beginnen. Spätestens dann werden wir merken, wie sehr unsere Zukunft davon abhängt, was Eltern und Großeltern für uns bereithalten. Wie schicksalhaft diese eine Frage ist: Erbst du oder erbst du nicht?

Noch nie haben die Deutschen so viel Vermögen an die nächste Generation vermacht wie heute. Da ist natürlich auch viel Plunder dabei, Sofas und Fotoalben, Schnurtelefone und Kristallgläser. Aber eben auch Häuser und Firmen, Sparbücher und Festgeldkonten. Niemand weiß genau, wie viel in Deutschland vererbt wird, die meisten Ökonomen gehen aber von 200 bis 300 Milliarden Euro im Jahr aus. Wir sind die erste Generation, in der diese Milliarden maßgeblich darüber entscheiden werden, wie wir einmal leben werden - und nicht mehr unser selbst verdientes Geld. Auch bestens ausgebildet und voller Ehrgeiz können viele kaum je das erreichen, wofür andere nur ein Blatt Papier unterschreiben müssen, das ihnen der Notar über den Tisch schiebt.

Die Älteren, die uns die großen Vermögen einmal hinterlassen werden, entgegnen darauf gerne: Leistet doch erst mal selbst was, baut euch etwas auf! Anstatt schon vor dem 30. Geburtstag darüber nachzudenken, was ihr einmal erben werdet! Berechtigter Punkt. Wir wollen auch gar nicht jammern, dass Aufstieg durch Arbeit für unsere Generation längst nicht so einfach ist, wie es für euch war. Das stimmt zwar, aber damit kommen wir schon irgendwie zurecht. Es ist nur so, dass wir nicht in einer Gesellschaft leben möchten, die sich teilt in Erben und Nicht-Erben. Egal, auf welcher der beiden Seiten wir selbst geboren sind.

An jenem Abend auf dem Balkon hatten wir das Gefühl, dass so vieles längst ausgemacht ist, wenn wir gerade erst loslegen, uns ein Leben aufzubauen. In einer Gesellschaft, in der Leistung zählt, haben die einen mehr als die anderen, völlig in Ordnung. Schön wäre aber, wenn auch tatsächlich die Leistung entscheidet.

Den "Aufstieg durch Bildung", den etwa die SPD seit einem halben Jahrhundert verspricht, schaffen noch immer viel zu wenige. Daran würde auch eine deutlich höhere Erbschaftsteuer nichts ändern. Vielleicht würde die Regierung diese Einnahmen für mehr Lehrer und besser ausgestattete Schulen ausgeben. Womöglich aber auch für Kampfflugzeuge und Landesgartenschauen, wer weiß das schon?

Und deshalb finden wir: Erben sollen alle. Jeder Erbe soll von dem ihm übertragenen Vermögen einen Teil an alle anderen abgeben - nicht indirekt über den Staat. Sondern unmittelbar. Sagen wir, zehn Prozent von jeder Erbschaft gehen an die Allgemeinheit. Sie kämen in einen Topf, dessen Inhalt am Ende jedes Jahres gleichmäßig auf alle aufgeteilt wird.

Eine Erbenrepublik ist eigentlich ein glückliches Land

Es ist höchste Zeit, dass etwas passiert, denn das Erbe verändert dieses Land, und nicht zum Guten. Trotzdem sprechen die Menschen viel zu selten darüber. Klar, dem Erbe geht der Tod voraus, und Tod ist ein Tabu. Der Politiker schweigt, wer will schon seine Wähler vergrämen. Der Nachbar schweigt, wer will schon zugeben, dass der neue Sportwagen nicht wegen eines großzügigen Jahresbonus in der Garage parkt, sondern weil das Herz des Onkels aussetzte. Und der Millionär, der Papas Villa noch obendrauf bekommt, sagt sowieso nichts - er kennt ja den Neid.

Die Leute hätten solchen Reichtum nicht verdient, ist von links zu hören, man müsse ihnen das Erbe entreißen. Also: Enteignen, keine Macht für niemand, macht kaputt, was euch kaputt macht!

Der Mensch hat schon immer den Drang gehabt, nach seinem Tod etwas zu hinterlassen. Ob Erben aber gerecht ist, darüber herrscht seit jeher Uneinigkeit. Lebten die Bedachten allein vom Geld der Alten, mache sie das "träge, liederlich und verschwenderisch", schrieb etwa John Stuart Mill im 19. Jahrhundert. Gesellschaften sind nun einmal darauf angewiesen, dass sich jeder anstrengt. Verwehrt man den Erben ihren Besitz jedoch, werden die Menschen vielleicht genauso träge, weil sie ohnehin kein Geld anhäufen dürfen. Noch immer ist dieser Widerspruch nicht gelöst, noch immer weiß die Gesellschaft nicht, wie sie mit dem Erbe umgehen will.

Wer schon im idyllischen Vorort wohnt, erbt dazu noch ein Ferienhaus

Eine Erbenrepublik ist eigentlich ein glückliches Land. Unsere Eltern und Großeltern können uns ja nur deshalb etwas vermachen, weil lange kein Krieg mehr gewütet hat, weil keine Häuser mehr unter Bomben zusammenkrachten. Viel Erbe heißt letztlich auch: viel Frieden. "Der Krieg setzt den Zähler der Vermögensakkumulation auf null", schreibt der französische Ökonom Thomas Piketty in seiner hunderttausendfach verkauften Abhandlung "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Verwüstung macht gleich, aber eben gleich arm.

Das Erbe dagegen macht reich, nur leider nicht alle. Vor allem diejenigen, die ohnehin schon viel haben, bekommen das Vermögen der Vorfahren. Wer das Glück hat, zu den reichsten 20 Prozent im Land zu gehören, erbt doppelt so oft wie jemand aus den ärmsten 20 Prozent, heißt es in einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge. Wer schon im idyllischen Vorort wohnt, erbt dazu noch das Ferienhäuschen der Tante, die Krankenpflegerin aber muss sich mit einem dünnen Sparbuch begnügen. Ein Drittel des gesamten Erbvolumens entfällt auf jene 1,5 Prozent der Erben, die mehr als eine halbe Million Euro kriegen.

Zwar haben nicht allein die Erbschaften Schuld daran, dass Deutschland so ein ungleiches Land ist, hat der Berliner Ökonom Timm Bönke ausgerechnet. Trotzdem vertiefen sie den Graben. Erben besitzen oft so große Vermögen, wie sie sich innerhalb einer Generation ohne Erbschaft kaum aufbauen lassen. Das gelte, so Bönke, besonders für die Gruppe der Superreichen.

Das sind nicht nur die Krupps, Quandts oder Oetkers, sondern auch Familien, die kaum jemand kennt, die im Verborgenen Unmengen von Unternehmen sammeln. Die Autorin Julia Friedrichs schreibt in ihrem Buch "Wir Erben" etwa vom Reimann-Clan, der Marken wie Clearasil oder Sagrotan groß gemacht hat. Mittlerweile kontrolliert diese Dynastie mehrere Dutzend Firmen, handelt mit Schuhen und Kaffee, Reinigungsmitteln und Kosmetika. Die Reimanns besitzen eigenen Aussagen zufolge etwa 20 Milliarden Dollar.

Diese Reichsten werden uns nie beim Gin Tonic von ihren Erbschaften erzählen. Sie werden uns wahrscheinlich überhaupt nie irgendetwas erzählen. Sie leben in ihrer eigenen Welt, die sich hier nur sehr schemenhaft beschreiben ließe, denn wir kennen sie nicht. Es gibt da diesen etwas verstaubten Begriff vom sozialen Frieden, bei dem es letztlich genau darum geht: Es tut einem Land nicht gut, wenn sich eine dermaßen exklusive Klasse bildet. Wenn so viele Menschen keine Chance mehr sehen, es auch einmal nach oben zu schaffen, verlieren sie ihren Antrieb. Dann prahlen die einen, während sich die anderen zurückziehen, wortlos.

Klar, dass manche das Geld verprassen. Machen Kinder reicher Eltern aber auch

Von dem Vermögen, das die Deutschen an ihre geliebten Partner, Kinder und Enkel weitergeben, bekommt der Staat kaum etwas ab. Weniger als ein Prozent des gesamten Steueraufkommens brachte die Erbschaft- und Schenkungsteuer 2014 ein. An der Kfz-Steuer, die jeder Besitzer eines klapprigen Kleinwagens zahlen muss, verdienen die Behörden doppelt so viel. Und wieder sind es vor allem die Reichen, die von den Ausnahmeregeln profitieren, die etwa ihre Firmenanteile schonen.

Die Erbschaftsteuer sei "für große Vermögen faktisch regressiv", stellte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung kürzlich fest. Während Angestellte oftmals bei jeder kleinen Gehaltserhöhung einen höheren Steuertarif hinnehmen müssen, wird die Vererberei also immer billiger, je mehr es weiterzugeben gibt - dank findiger Berater und lückenhafter Gesetze. Die gerade verabschiedete Reform der Erbschaftsteuer wird daran nur wenig ändern. Ein Erbe für alle aber schon.

Die Erben könnten dann nicht mehr klagen, dass der Staat ihr Geld ja nur verschwende, zugleich dürften sie den Großteil ihres Geldes ohnehin behalten. Die Nicht-Erben bekämen zumindest ein wenig vom Reichtum der anderen ab; bei einer jährlichen Erbmenge von 250 Milliarden ergeben sich bei dem vorgeschlagenen 10-Prozent-Modell pro Bürger immerhin gut 300 Euro im Jahr. Zugegeben, das reicht kaum für eine Woche am Gardasee, aber in achtzig Lebensjahren kämen doch etwa 25 000 Euro zusammen - plus Zinsen, falls es die irgendwann wieder geben sollte. Auch jemand, der von seinen Eltern und Großeltern wenig zu erwarten hat, gewinnt so ein kleines Vermögen. Als Rücklage fürs Alter oder als Zuschuss für die eigene Firma, die Wohnung mit Kinderzimmer, warum nicht auch für eine Weltreise.

Schon klar, dass manche das Geld einfach verprassen werden. Aber tun das Kinder reicher Eltern nicht auch manchmal? Es geht darum, jedem eine Chance zu geben. Was er daraus macht, ist seine Sache. Für eine Volkswirtschaft wäre es jedenfalls sinnvoller, das Geld zu verteilen, als es bei den Reichsten zu belassen, damit die es in irgendwelchen Derivaten parken.

Okay, wie bei der Erbschaftsteuer müsste man sich in Ruhe über die Details unterhalten. Etwa, ob es weiter so etwas wie Freibeträge geben sollte, damit niemand Omas Häuschen verkaufen muss, um die dafür anfallenden Abgaben bezahlen zu können. Damit niemand die kleine Schreinerei zusperren muss, die seit 60 Jahren in Familienbesitz ist. Aber uns gefällt nun einmal nicht, wie sich dieses Land spaltet. Und was soll dagegen schon helfen außer neue Ideen?

Übrigens: Uns wird ja immer vorgeworfen, dass wir nicht mehr politisch seien, nicht mehr engagiert, zu angepasst und insgesamt ohne Vision. Jetzt aber hätten wir mal eine: Wir wollen eine Gesellschaft, in der sich jeder, der sich anstrengt, eine eigene Wohnung leisten kann. Eine Gesellschaft, in der Erfolg nicht nur vom Erfolg der Eltern und Großeltern abhängt. Eine Gesellschaft, in der alle erben.

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Quelle:
SZ vom 09.07.2016/ratz
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