Geobra Brandstätter Angst im Spielzeugladen

Beim Playmobil-Hersteller klagen Mitarbeiter über Einschüchterungsversuche, das Management schweigt.

Von Uwe Ritzer, Nürnberg

Es ist eine friedliche Welt, die ohne Hass und Kampf auskommt, wo fröhlich gewunken wird und man sich gegenseitig hilft. Genau das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Eltern und Großeltern ihren Kindern und Enkeln zum Spielen Playmobil kaufen. Drei Milliarden Exemplare der fingerlangen Kunststofffigürchen bevölkern den Erdball inzwischen, und egal, ob sie Abenteuer erleben, zur Schule gehen, sich im Reiterhof oder im Prinzessinnenschloss rumtreiben - sie tun es immer mit einem aufgemalten Lächeln. Vielen Mitarbeitern der Herstellerfirma ist das Lachen hingegen längst vergangen.

Sie erzählen von Arbeitsbedingungen und Umgangsformen, die nicht mit dem Prädikat "pädagogisch wertvoll" in Einklang zu bringen sind und am Heile-Welt-Image eines der größten deutschen Spielwarenherstellers kratzen. "Jeder, der aufmuckt, bekommt ein existenzielles Problem", sagt Bianka Möller von der IG Metall. Sie spricht sogar von "feudalen Strukturen, wie ich sie in zehn Jahren Gewerkschaftsarbeit noch nie erlebt habe".

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IG-Metall-Rhetorik könnte man meinen, zumal der gewerkschaftliche Organisationsgrad verhältnismäßig niedrig ist am größten deutschen Standort der Firma Geobra-Brandstätter im fränkischen Dietenhofen. Etwa 1200 der insgesamt 4250 Mitarbeiter fertigen hier Kunststoff-Pflanzkübel und Gartenmöbel der Marke Lechuza sowie die Kulissen und Spielewelten für die Playmobil-Figürchen, die ihrerseits auf Malta produziert werden.

Dass es bei den Klagen über die Zustände in Dietenhofen eben doch nicht um gewerkschaftlichen Krawall geht, dafür sprechen Aussagen altgedienter Mitarbeiter wie Markus Steiner (Name geändert). Er versichert gleich mehrfach, "hundertprozentig hinter dem Produkt Playmobil und der Firma zu stehen". Aber was er in seinem Arbeitsalltag erlebe, sei "nicht mehr die Firma, die ich kenne".

Steiner und mehrere seiner Kollegen erzählen von Vorgesetzten, die keinen Widerspruch dulden. Von angeblichen Einschüchterungsversuchen und scheinbar willkürlichen Sanktionen bis hin zu Abmahnungen und Freistellungen ohne Angabe von Gründen. Sie erzählen, dass Mitarbeiter ihre Gewerkschaftsausweise plus eine aktuelle Mitgliedsbestätigung ihrer Gewerkschaft vorlegen müssten, wenn sie Sonderleistungen wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld beantragen. Der Arbeitgeber wolle so kontrollieren, wer bei der IG Metall sei und wer nicht, mutmaßen sie.

Man äußere sich nicht, so ein Firmensprecher

Betriebsräte wiederum erzählen von Schikanen und Behinderungen bei ihrer Arbeit. So habe ein Manager nicht akzeptieren wollen, dass ein Arbeiter zu einem Gespräch mit seinem Vorgesetzten einen Betriebsrat als Begleiter mitnahm, obwohl das sein gutes Recht ist. Der Manager habe sogar versucht, den Betriebsrat körperlich aus dem Raum zu drängen. Gerne würde man zu alldem die Darstellung der Firmenleitung erfahren, doch ein detaillierter Fragenkatalog bleibt unbeantwortet. Man äußere sich nicht, so ein Firmensprecher.

So bleibt auch offen, was genau die Firmenleitung mit "Aktionen von Betriebsratsmitgliedern" meint, die "weder zum Wohle ihrer Kollegen noch des Unternehmens" seien. Mit der Begründung lehnte die Firmenleitung regelmäßige Treffen mit dem Betriebsrat schroff ab. Auch würde man gerne erfahren, warum sie empfindlich auf IG-Metall-Betriebsräte reagierte, die angesichts der Hitze ihre Kollegen über die Bestimmungen in Sachen hohe Temperaturen an Arbeitsplätzen informierten. In einem Rundbrief ohne Seitenhiebe auf und sogar mit Lob für das Management. Das drohte umgehend mit "disziplinarischen Maßnahmen", falls jemand es wage, unerlaubt Hitzepause zu machen.

Kaum war Firmengründer Brandstätter unter der Erde, begann Playmobil sich abzuschotten

Hinter alledem stecken sicher keine wirtschaftlichen Probleme. Bei 642,4 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete das Unternehmen 2017 gut 107 Millionen Euro Gewinn vor Steuern und Zinsen. Der Konzern ist schuldenfrei und hat große Reserven. Bis zum 3. Juni 2015 herrschte Friede in der realen Playmobilwelt. An dem Tag starb Firmengründer Horst Brandstätter. Seither ist seine frühere Assistentin Marianne Albert die starke Frau in einem Konstrukt aus Stiftungen und Gesellschaften. Ihre Qualifikation ist umstritten; Fragen nach ihrer beruflichen Vita werden nicht beantwortet.

Kaum war Brandstätter unter der Erde, begann Playmobil sich abzuschotten. Manager und Mitarbeiter liefen davon oder wurden rausgeworfen, wie zuletzt die in Firma und Branche geschätzte Geschäftsführerin Silke Heinrich. Angeblich musste sie umgehend ihren Schreibtisch räumen und wurde zum Ausgang gebracht. Ob das stimmt, ist unklar; auch dazu machte die Firma auf Anfrage keine Angaben. In Dietenhofen begannen die Probleme, als bei der Betriebsratswahl 2014 eine Kandidatenliste der IG Metall einfach nicht zugelassen wurde. Die Gewerkschaft klagte dagegen erfolgreich durch alle Instanzen.

Seitdem hat sich der Ton verschärft, die Auseinandersetzungen häufen sich, und bisweilen wird die Gewerbeaufsicht bemüht, um nach dem Rechten sehen. Von "Bossing und Mobbing" spricht Metallgewerkschafterin Bianka Möller, und von einer "Kultur der Angst, der man eine Kultur des Wandels entgegensetzen muss". Mitbestimmungsrechte würden ignoriert, und "Betriebsräte, die sich für ihre Kollegen einsetzen, werden schikaniert, diffamiert und bedroht". Es tobt zumindest ein bizarrer Kleinkrieg. Als eine kleine Abordnung von Playmobil-Mitarbeitern, allesamt IG-Metaller, die Figürchen-Fertigung auf Malta besichtigen wollte, ließ man sie nicht rein. Trotz vorheriger Terminzusage.

Oder die Geschichte mit dem Bäumchen. Das haben Mitarbeiter in Dietenhofen viele Jahre großgezogen und in einem fahrbaren Pflanzkübel als grünen Farbtupfer in einer Logistikhalle platziert. Nie schien sich jemand daran zu stören. Bis ein Vorgesetzter anordnete, der Baum müsse weg. Es kam zu hitzigen Diskussionen mit den Arbeitern. Kurz darauf wurden mehrere von ihnen freigestellt, abgemahnt und strafversetzt. Begründung: Sie hätten sich geweigert, Leiharbeiter einzuarbeiten. Zum Schicksal des Bäumchens gibt es unterschiedliche Angaben.

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