MV-Werften:Das Ende einer Saga

Lesezeit: 4 min

MV-Werften: Der malaysische Milliardär Lim Kok Thay, Eigentümer des Tourismuskonzerns Genting Hong Kong, mit seiner Frau.

Der malaysische Milliardär Lim Kok Thay, Eigentümer des Tourismuskonzerns Genting Hong Kong, mit seiner Frau.

(Foto: Norbert Fellechner/imago images)

Mit einem Unternehmer aus dem fernen Malaysia sollte an der Ostsee der große Schiffsbau losgehen. Luxusliner für den asiatischen Markt. Corona hat das Geschäft zerstört.

Von Saskia Aleythe, Hamburg, und Christoph Giesen, Peking

Die Aktien sind ausgesetzt. An der Börse in Hongkong werden die Papiere des Mischkonzerns Genting bis auf Weiteres nicht mehr gehandelt. Die Pleite der MV-Werften strahlt inzwischen bis nach Fernost aus. Am Montag hatte das Unternehmen Insolvenz anmelden müssen. Die Bundesregierung war zwar grundsätzlich bereit auszuhelfen, wollte aber nicht von ihrer Forderung nach einem Eigenbeitrag des Eigentümers abrücken. Was fehlte, war ein klares Bekenntnis von Genting, dem Eigentümer.

2016 war das noch ganz anders: Mit Blumensträußen und Feten hatte man den Konzern und seinen malaysischen Patriarchen, den Milliardär Lim Kok Thay in den ostdeutschen Werften begrüßt, vor allem am Hauptsitz in Wismar. Der Mann mit dem Faible fürs Glücksspiel kam den Deutschen damals selbst wie ein Lottogewinn vor, hatte man unter dem russischen Vorbesitzer doch ein paar leidvolle Jahre hinter sich gebracht. Und Genting kam mit vollen Taschen, Verträgen für den Bau von zehn Schiffen, alles dabei von Yachten bis zu Vergnügungsschiffen wie die Global Dream, das größte je in Deutschland gebaute Kreuzfahrtschiff.

"Es gab damals nicht nur einen Investor, sondern auch eine gute Idee, nämlich Kreuzfahrtschiffe für Asien zu bauen. Es gab einen Markt", sagt Daniel Friedrich von der IG Metall Küste. "Ich habe in meinen über 20 Jahren keinen Investor in Ostdeutschland erlebt, der so vorbildlich und verabredungsgemäß in die Standorte investiert hat." Etwa zwei Milliarden Euro soll Genting in die Werften gesteckt haben. Die strukturschwache Region applaudierte: Die Zahl der Angestellten verdoppelte sich in wenigen Jahren auf etwa 3000. Sagenhaft.

Ähnlich sagenhaft klang die Unternehmensgeschichte von Genting. Gegründet wurde der Konzern von Lim Goh Tong, dem Vater des heutigen Firmenoberhaupts. 1937 war der Senior als 19-Jähriger während der japanischen Invasion aus der südostchinesischen Provinz Fujian nach Malaysia ausgewandert. 1963 besuchte er die Cameron Highlands im Herzen Malaysias, eigentlich sollte er dort ein Wasserkraftwerk bauen. Aber weil er so angetan war von der frischen Luft, entschied er kurzerhand einen Freizeitpark auf der Kuppe des Bergs Ulu Kali zu errichten. Heute besteht das Resort aus einem Casino und fast 200 Restaurants, Gäste können in sechs Hotels auf 1800 Meter Höhe übernachten, zum Beispiel im First World Hotel, das 2015 einen Erweiterungsbau erhielt und seitdem mit 7351 Zimmern als größtes Gasthaus der Welt gilt.

In der Not bieten Reeder Reisen nach Nirgendwo an

Dem Kraftwerksbau blieb Genting treu. Palmölplantagen kamen hinzu. Und natürlich die Kreuzfahrtschiffe: Star Cruises, Dream Cruises und Crystal Cruises heißen die Linien. 2003 zog sich der Alte zurück und übergab an seinen Sohn, der das Geschäft seitdem vor allem internationalisierte. In einem Resort auf der Insel Sentosa in Singapur und auch in USA mischt Genting mit: Ein Hotel mit angeschlossenem Casino ließ Lim in Las Vegas bauen. 3500 Zimmer. 4,3 Milliarden Dollar kostete das. Im vergangenen Sommer war die Einweihungsfeier.

Da lief es in bei den MV-Werften schon nicht mehr rund. Corona hat Genting schwer getroffen. Während einer Pandemie werden keine neuen Dampfer gebraucht, schon gar nicht im völlig abgeriegelten China oder in Hongkong, wo das Geschäft in den Jahren zuvor gewachsen war.

In ihrer Not haben die Hongkonger Reeder damit angefangen, Reisen nach Nirgendwo anzubieten. Passagiere steigen in der ehemaligen britischen Kronkolonie aufs Schiff, die dann - ohne zu landen - durch den Pazifik kreuzen. Mal in Richtung der Philippinen oder nach Norden gen Taiwan. Bands spielen an Bord, es gibt üppige Büffets und natürlich wird auch in den Schiffscasinos gespielt. Black Jack, Roulette. Nach ein paar Tagen laufen die Dampfer dann wieder im Hafen von Hongkong ein.

An der Ostsee spürten sie die Auswirkungen sofort: So schnell wie die Werften wuchsen, ging es auch wieder bergab: Im vergangenen Februar waren Schiffsbauer an den drei Standorten in Wismar, Stralsund und Rostock zum Demonstrieren zusammengekommen, ein geplanter Abbau von 1200 Arbeitsplätzen machte ihnen Angst. Ende Juni war Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) bei der Taufe der Luxus-Yacht Crystal Endeavor in Stralsund dabei: Sie sprach von "einem Zeichen des Aufbruchs für den Schiffbaustandort Deutschland". In den Werften wusste man es damals schon besser.

Am vergangenen Freitag hätten die Beschäftigen ihre Dezember-Löhne bekommen sollen; dass erst am Montag Insolvenz angemeldet wurde, sorgte für Unmut in der Belegschaft. "Entweder, ich kann zahlen oder ich stelle den Antrag sofort", sagt IG-Metall-Mann Friedrich. Einen vorläufigen Insolvenzverwalter gibt es mittlerweile: Das Amtsgericht Schwerin bestellte den Hamburger Rechtsanwalt Christoph Morgen. Er wird für vier der acht Gesellschaften zuständig sein, die für die Produktion verantwortlich sind. Für die anderen vier soll im Laufe der Woche ein weiterer Verwalter verkündet werden.

"Die Insolvenz ist bitter, es ist aber eben auch nicht das Ende", sagte Ministerpräsidentin Schwesig am Mittwoch, der Schwerpunkt der Bemühungen soll nun darin liegen, die Global Dream, die zu 75 Prozent fertiggestellt in Wismar liegt, zu Ende zu bauen - und vor allem eine Perspektive für die Standorte zu finden.

Und die Aktien von Genting in Hongkong? Die bleiben vorerst vom Handel ausgesetzt. Zumindest bis zum Ausgang eines Gerichtsverfahrens am Landgericht Schwerin. Genting klagt gegen das Land Mecklenburg-Vorpommern auf die Auszahlung eines Darlehens von 88 Millionen Dollar (78 Millionen Euro). Schwerin hatte den Kredit im Juni 2021 gewährt, um eine mögliche spätere Liquiditätslücke bei Genting zu schließen. Das Gericht will seine Entscheidung am kommenden Montag verkünden.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB