Kommentar:Grüne Gentechnik braucht klare Regeln

Silvia Liebrich, 16:9

Illustration: Bernd Schifferdecker

Die EU Kommission lässt die ungeliebte Technologie neu bewerten. Das ist richtig und wichtig. Worauf es bei der Prüfung nun ankommt.

Von Silvia Liebrich

Werden die Europäer in naher Zukunft mehr Gentechnik im Essen vorgesetzt bekommen? Und haben sie dann noch die Wahl "Nein" zu sagen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich derzeit die EU-Kommission, zumindest im weiteren Sinne. Genauer gesagt geht es darum, die sogenannte grüne Gentechnik, also deren Einsatz in Landwirtschaft und Ernährung neu zu bewerten. Nötig macht dies der technische Fortschritt in Form von modernen Methoden in der Pflanzenzucht wie CRISPR-Cas und anderen. Damit steht ein altes Thema wieder ganz oben auf der Agenda: der Streit um die Gentechnik in Europa.

Die Frage ist nun, ob dieser Kampf erneut in all seiner Heftigkeit ausbrechen wird. In den zurückliegenden drei Jahrzehnten gab es Zeiten, in denen Kritiker hierzulande jedes Versuchsfeld mit Genmais systematisch zerstörten. In der Folge gaben Saatgutfirmen wie Bayer und andere ihre Gentechnikforschung in Europa weitgehend auf und verlegten sie in die USA oder nach Südamerika. Strenge Anbauregularien in der EU führten außerdem dazu, dass ein Anbau in Europa kaum noch stattfand.

Neue Pflanzensorten können schneller gezüchtet werden

Doch die Gentechnik hat sich in den vergangenen Jahren entscheidend weiterentwickelt. Da ist es nur fair und richtig, sie neu einzuschätzen. Mit den grobschlächtigen alten Methoden der Gentechnik haben die neuen nichts mehr gemein. Sie erlauben es, das Erbgut von Pflanzen präzise zu verändern. Zuchtprozesse können so möglicherweise beschleunigt werden, neue Sorten schneller auf den Markt kommen. Gerade die Landwirtschaft braucht rasch robustere Pflanzensorten, die den Folgen der Klimakrise gewachsen sind und gleichzeitig gute Erträge liefern.

Interessant sind Pflanzen aus dem Gentechnik-Labor für die Unternehmen aber vor allem auch deshalb, weil sie sich im Gegensatz zu konventionell gezogenen Pflanzen patentieren lassen. Das so entwickelte Saatgut lässt sich in der Regel teurer verkaufen, und muss für jede Erntesaison von den Bauern neu gekauft werden. Das kann Abhängigkeiten schaffen.

Ob die neuen Verfahren tatsächlich auch billiger sind, wie Gentechnikbefürworter anführen, lässt sich schwer beurteilen. Es besteht aber zumindest das Risiko, dass sie dazu beitragen können, kleine und mittelständische Zuchtbetriebe aus dem Geschäft zu drängen. Was fatal wäre, schon jetzt kontrollieren vier internationale Saatgutkonzerne 60 Prozent des Marktes, was die gesamte Branche zu einem Fall für die Kartellbehörden macht.

Viele Risiken bestehen weiterhin, auch mit den neuen Verfahren

Für die Methoden der alten wie auch der neuen Gentechnik gilt, sie müssen denselben Anspruch erfüllen. Wer sie einsetzt, darf jenen, die sie ablehnen, keinen Schaden zufügen. Risiken müssen sorgfältig abgeklärt werden. Bahnt sich das Erbgut gentechnisch-veränderter Pflanzen den Weg in die freie Natur, dann ist das ein unumkehrbarer Prozess mit unabsehbaren Folgen. Daran ändern auch die neuen Methoden nichts. Sichergestellt werden muss auch, dass Bioerzeuger nicht benachteiligt werden. Taucht etwa gentechnisch-manipulierter Mais auf dem Feld eines Ökobauern auf, führt das zu einem Totalausfall von dessen Ernte.

Vor allem aber müssen Verbraucher nach wie vor die Wahlfreiheit haben. Immerhin lehnen 90 Prozent der Deutschen Gentechnik im Essen ab. Damit das so bleibt, braucht es auch in Zukunft eine klare Kennzeichnung von Lebensmitteln.

Gut ist, dass die Debatte um die ungeliebte Technik heute differenzierter geführt wird. Unternehmen und Forscher lernen, allgemein verständlich zu erklären, an was sie da genau im Labor tüfteln und welchen Nutzen die Menschheit davon hat. Kritiker wissen, dass es besser ist, den Dialog zu führen, anstatt Vandalismus walten zu lassen.

Bei alldem hilft es, Gentechnik als das zu sehen, was sie ist: eine Methode unter vielen in der Pflanzenzucht. Die Gefahr an sich geht weniger von der Technik aus, sondern davon, wie sie genutzt wird. Ihren schlechten Ruf verdankt sie vor allem dem Gentechnik-Pionier Monsanto, der heute zu Bayer gehört. Dessen lukratives Geschäftsmodell bestand vor allem darin, Gentechnikpflanzen gegen Pestizide resistent zu machen und beides teuer zu verkaufen - auf Kosten von Umwelt und Menschen. Den Bayer-Konzern kommt das nun teuer zu stehen, wie die Schadensersatzprozesse in den Vereinigten Staaten um den glyphosat-haltigen Unkrautvernichter Roundup zeigen. Ein Fehler, aus dem die gesamte Saatgutindustrie nur lernen kann.

© SZ
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