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Generation D:Wohnen mit allen Sinnen

Studenten aus Coburg gestalten den Lebensbereich demenzkranker Menschen in einem Münchner Seniorenheim um.

Noch sind es nur Pläne, Skizzen und Entwürfe, aber davon jede Menge. Ines Nöbel, 50, hat sie fein säuberlich in Klarsichthüllen gesteckt und abgeheftet. Die Gerontologin und Betriebswirtin leitet das Altenheim des Bayerischen Roten Kreuzes in München-Pasing.

Die angehenden Innenarchitektinnen Sina Bühler (links) und Kristin Weber mit Professor Rudolf Schricker im Altenheim in München-Pasing.

(Foto: Foto: etd)

Auf ihrer Karte steht natürlich nicht Altenheim. Das Wort hat schon lange keinen guten Klang mehr. Der Slogan "Seniorenwohnen - zuhause in besseren Händen" steht auf rotem Grund in Schreibschrift auf Nöbels Visitenkarte.

Die Pläne zeigen den "beschützenden Bereich" des Seniorenheims. Das Vokabular ist oft weit schöner als die Realität. 25 demenzkranke Menschen leben im Wohnbereich I, das Durchschnittsalter liegt bei 85 Jahren. Der Wohnbereich ist nicht frei zugänglich. Für die Bewohner muss ein Unterbringungsbeschluss vorliegen, erklärt Nöbel. Die Station hat die Form eines L, wie alle anderen acht Wohnbereiche auch.

Humanes Altenheim

In dem Heim haben mehr als 300 Menschen Platz. Ganz ausgelastet ist es nicht. Das Haus wurde 1984 eröffnet, man sieht es ihm an. Ein schnörkelloser Bau, eine Station sieht aus wie die andere. "Damals stand die Funktionalität im Vordergrund", sagt Nöbel: "Heute gelten andere Kriterien."

Auch Altenheime stehen im Wettbewerb. Wer Kunden will, muss attraktiv sein. Die Pläne und Skizzen zeigen die humanere Zukunft. Sie fängt im beschützenden Bereich an. Rudolf Schricker, 53, Professor an der Fakultät für Design der Hochschule Coburg, und ein knappes Dutzend seiner Studenten haben intensiv darüber nachgedacht, wie man Räume human gestaltet.

Zum Ortstermin nach Pasing hat Schricker die Innenarchitektur-Studentinnen Sina Bühler, 23, und Kristin Weber, 24, aus Coburg mitgebracht. Sie waren schon ein paar Mal in Pasing. Zum ersten Mal hat Weber das Wohnheim im Winter 2006 besucht, das war kurz nach dem Start des Projektes. "Es war dunkel und unpersönlich", erinnert sie sich. "Wir waren zuerst erschrocken", fügt Bühler hinzu.

"Das Problem ist, dass wir die Bewohner selbst kognitiv nicht erreichen konnten", sagt Schricker: "Auf so etwas ist ein Innenarchitekt gar nicht vorbereitet." Die Menschen leiden unter schwerer Demenz, deren Verlauf Schricker als "die Rückentwicklung der Menschwerdung bis hin zum Status eines Kleinkindes mit dem völligen Kontrollverlust über die Primärfunktionen" beschreibt.

Emotionen wecken

Der Professor und seine Studenten haben sich tief in die Materie eingearbeitet. Sie haben sich auch Rat in anderen Fakultäten gesucht, wie der für soziale Arbeit und Gesundheit in Coburg. "Wir haben mit dem Pflegepersonal geredet, das im Leben der alten Menschen eine zentrale Rolle spielt. Wenn sich das Pflegepersonal wohlfühlt und es einen guten Job machen kann, dann haben auch die alten Menschen etwas davon", sagt Schricker.

Bühler hat ihre Großmütter auf einmal mit anderen Augen angesehen, sie leiden nicht an Demenz. "Aber ich habe mich schon öfter gefragt, wo sie sich wohlfühlen würden", sagt Bühler. Und Weber hat an ihren Vater gedacht, der bis zu seinem Tod vor drei Jahren zuhause gepflegt wurde. "Wir müssen bei den demenzkranken Menschen Erinnerungen wecken, Emotionen, die sie aus ihrer Lethargie herausreißen", sagt Schricker.

Aber was weckt Erinnerungen? Gerüche, Klänge, Berührungen, Licht. "In unserem synästhetischen Raumkonzept sprechen wir alle Sinne an", sagt Bühler. "Noch viel zu selten werden solche synästhetischen Ansätze verfolgt und in die Praxis umgesetzt", sagt Schricker.

Innenarchitektur als Therapie

Die Planung und Gestaltung "sozialer Brennpunkte" wie Schulen, Kindergärten oder eben Heime sind Schrickers Leidenschaft. Er ist auch Präsident des Bundes deutscher Innenarchitekten. "Solche Projekte sind nicht spektakulär, und in die Hochglanzmagazine kommt man damit auch nicht". Aber Innenarchitektur diene eben nicht nur der "Verhübschung", sondern werde zur Therapie.

In Pasing hat vor knapp drei Wochen der Umbau des "beschützten Bereichs" begonnen. Zunächst werden nur die Gemeinschaftsräume umgebaut. Schricker läuft den L-förmigen Gang entlang, die Studentinnen folgen ihm.

Wo das L einen Knick macht, soll die Piazza entstehen mit Küche und einem offenen Kamin mit Brennpaste. Dort soll es am hellsten sein. Künstliche Duftquellen sollen im Sommer nach Blumen duften lassen oder im Winter nach Zimt und Tannen, Vögel sollen zwitschern und Wasser plätschern, die Geräusche kommen vom Band. "Licht, Töne und Farben sollen den alten Menschen die Orientierung erleichtern", sagt Weber. Unterschiedliches Licht simuliert Tag und Nacht, Winter und Sommer.

Einige Baumaterialien, die sich Schricker und die Studenten ausgedacht haben, mussten erst entwickelt werden. Dafür haben sie sich Partnerfirmen gesucht. So hat Knauf eine Gipsdecke produziert mit abgehängten Elementen, die aussehen wie Wolken. Dahinter ist die Beleuchtung untergebracht. Die Decke soll an den Himmel erinnern.

Architektur der Erinnerung

Zum Ende des Ganges wird die Atmosphäre gedämpfter, an einem Ende wird ein Aquarium stehen und Sitzbänke. "Fische beruhigen", sagt Schricker, "das ist wissenschaftlich erwiesen." Der lange Flur ist die "Rennstrecke". Runde um Runde legen die alten Menschen dort zurück. Ein alter Mann grüßt freundlich, zwei, drei Mal, bei jeder Begegnung. Eine alte Frau zetert, die Fremden missfallen ihr.

Vor jedem Zimmer wird eine "Erinnerungsbox" angebracht, in denen die Bewohner Bilder, geliebte Gegenstände oder Dinge, mit denen sie früher gearbeitet haben, verstauen können. Der Hobel eines Schreiners, die Lockenwickler einer Friseurin. "Es ist eine Architektur der Erinnerung", sagt Weber. Weihnachten soll der Umbau, für den 300000 Euro veranschlagt wurden, fertig sein.

Kristin Weber und Sina Bühler schreiben gerade ihre Diplomarbeit. Im Herbst beenden sie ihr Studium. Sie sind noch nicht auf der Stellensuche, dazu bleibe keine Zeit, sagten sie. "Ich mache mir um die beiden keine Sorge", sagt Schricker: "Ihr Markt hat Zukunft."