Als die Welle über ihn hereinbrach, war Donald Trump wieder einmal mit anderen Dingen beschäftigt - mit dem Russland-Ermittler Robert Mueller etwa, über den er im Kurzmitteilungsdienst Twitter erneut zeterte und schimpfte. Dabei wusste der US-Präsident wohl längst, dass es ein Montag werden würde, der mit seinem Selbstverständnis als größtem anzunehmenden Wirtschaftspolitiker der Landesgeschichte kaum zusammenpasst: Der Autobauer General Motors (GM) will in den kommenden Monaten jeden siebten seiner gut 100 000 Arbeitsplätze in Nordamerika streichen, die Produktion herkömmlicher Pkw deutlich zurückfahren und den Bau unpopulärer Modelle stoppen.
Und zumindest hinter den Kulissen war dabei auch von Trump die Rede: Dessen aggressive Zollpolitik, die GM allein 2017 Hunderte Millionen Dollar kosten wird, hat wohl zur Entscheidung beigetragen, jetzt den größten Konzernumbau seit der Beinahepleite vor einem Jahrzehnt einzuleiten. Laut Vorstandschefin Mary Barra will sich das Unternehmen deutlich stärker als bislang auf die Entwicklung und Fertigung elektrischer sowie selbstfahrender Autos konzentrieren.
Außer Trumps Handelspolitik spielten bei dem Beschluss vor allem die Umwälzungen innerhalb der Branche eine Rolle: Die Nachfrage nach herkömmlichen Pkw mit Verbrennungsmotor sinkt, gleichzeitig wächst die Konkurrenz durch Elektroautobauer wie Tesla. Barra erklärte, man "passe die Kapazitäten an die Realitäten des Marktes" an. Es sei leichter, das jetzt zu tun, da Geschäft und Wirtschaft insgesamt noch gut liefen, als bis zum nächsten Konjunkturabschwung zu warten.
Agenturberichten zufolge will GM gut 8000 Jobs in der Verwaltung streichen, ein Viertel aller Managementjobs sollen wegfallen. Hinzu kommt ein zumindest vorläufiger Produktionsstopp in drei Montagewerken in Ohio, Michigan und Kanada sowie in zwei Getriebefabriken in Michigan und Maryland. Von dem Entschluss könnten noch einmal gut 6000 Beschäftigte betroffen sein, die Gesamtzahl der wegfallenden Stellen beliefe sich entsprechend auf mehr als 14 000. Ob alle Werke, in denen die Produktion jetzt stillstehen wird, am Ende tatsächlich geschlossen werden, hängt Barra zufolge auch von Gesprächen mit der Autogewerkschaft UAW ab.
Mehrere bekannte Modelle, darunter der Chevrolet Impala, der Chevrolet Cruze, der Cadillac CT6 und der Buick LaCrosse, sollen komplett aus der Angebotspalette verschwinden. Im Gegenzug will GM den Bau der in den USA sehr populären Sportgeländewagen (SUV) weiter vorantreiben. Das Unternehmen folgt damit dem Rivalen Ford, der im April angekündigt hatte, den Bau normaler Limousinen in Nordamerika praktisch vollständig zu stoppen.
Während der US-Absatz normaler Pkw in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 13,2 Prozent gesunken ist, haben die Verkäufe von SUV und Geländewagen mit offener Ladefläche um 8,3 Prozent zugelegt. Noch 2012 war jeder zweite in den USA verkaufte Neuwagen eine Limousine. Heute ist es weniger als jeder dritte, weil viele Amerikaner die größeren und komfortableren Sportgeländewagen bevorzugen. Zum Trend beigetragen haben auch die lange Zeit recht niedrigen Benzinpreise.
Barras Kampf beginnt jetzt erst
Der jetzige Stellenabbau soll, so weit wie möglich, mit Hilfe von freiwilligem Verzicht und Abfindungen vonstatten gehen. Nur wenn dies nicht reicht, soll es auch Entlassungen geben. General Motors hatte bereits im Oktober angekündigt, dass man 18 000 Stellen in Nordamerika streichen wolle. Dazu unterbreitete das Unternehmen 50 000 Mitarbeitern Abfindungsangebote.
Noch 2016 hatte die US-Autoindustrie zum wiederholten Male Rekordabsätze verbucht, seither jedoch ist die Entwicklung rückläufig. Dazu trugen sowohl sinkende Verkäufe im Inland als auch ein Absatzrückgang in China bei. Auch hier dürfte der Handelskrieg, den Trump mit dem größten wirtschaftlichen Rivalen seines Landes angezettelt hat, eine Rolle spielen. GM erklärte, der jetzt geplante Kostenabbau werde die freien Mittel für Investitionen um sechs Milliarden Dollar erhöhen. Entsprechend positiv reagierte die Börse: Die GM-Aktie schoss nach Bekanntwerden der Pläne um fast acht Prozent in die Höhe.
Dennoch: Barras Kampf beginnt jetzt erst - nicht nur mit der Gewerkschaft, sondern auch mit der Politik. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau, der mit Stellenverlusten im Werk Oshawa bei Toronto konfrontiert ist, schrieb bei Twitter, er sei von der General-Motors-Chefin persönlich enttäuscht und habe ihr das auch gesagt. "GM-Arbeiter waren über Generationen Teil des Herzens und der Seele Oshawas", erklärte er. Seine Regierung werde alles tun, um den betroffenen Familien dabei zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen. US-Senator Rob Portman, einer der beiden Vertreter des Bundesstaats Ohio im Kongress, sagte, er sei "zutiefst frustriert".
US-Präsident Donald Trump kritisiert den Stellenabbau bei GM. In einem Interview des "Wall Street Journal" forderte er das Unternehmen auf, die Autoproduktion in China einzustellen. GM solle seine Fahrzeuge lieber in den USA produzieren. Zu Reportern sagte Trump, dass er nicht glücklich mit der Entscheidung zur Stilllegung einer Anlage in Lordstown/Ohio sei. Er habe dies Mary Barra mitgeteilt. Diese habe ihm versichert, dass die Maßnahme nichts mit den jüngst verhängten Schutzzöllen zu tun habe. Der Beschluss sei auf magere Absatzzahlen zurückzuführen. Trump riet ihr daraufhin nach eigenen Angaben, ein Auto auf den Markt zu bringen, das sich gut verkaufe.


