General Electric Ende eines Machtkampfs

Der künftige General Electric-Chef John Flannery (links) und sein Vorgänger Jeffrey Immelt. Am 1. August übernimmt der Neue.

(Foto: Stephane de Sakutin/AFP)

Jeff Immelt, seit 16 Jahren Chef des Siemens-Konkurrenten, tritt ab. Die hohen Erwartungen hat er nicht erfüllt, mächtige Hedgefonds machten Druck. Nachfolger wird John Flannery.

Von Karl-Heinz Büschemann und Kathrin Werner, New York / München

Der US-Industriekonzern General Electric (GE) bekommt einen neuen Chef: John Flannery, der bisher die Sparte für Medizintechnik leitete, wird am 1. August den Vorstandsvorsitz von Jeffrey Immelt übernehmen. Der 61-jährige Immelt, der zu den bekanntesten Industriechefs der USA zählt, bleibt noch bis Ende des Jahres Chef des Verwaltungsrates, bis Flannery auch dieses Amt von ihm übernimmt. Der Wechsel an der Führungsspitze sei das Ergebnis des Nachfolgeplans, an dem man schon seit Jahren arbeite, teilte der Konzern mit.

Gleichwohl ist es eine Zäsur: Immelt führte das Industriekonglomerat mit Sitz in Boston seit knapp 16 Jahren. Die jüngsten Quartalsergebnisse waren besser als von Analysten erwartet, der Umsatz stieg um sieben Prozent auf rund 27,7 Milliarden Dollar. Trotzdem hat sich der Aktienkurs zuletzt nicht so entwickelt, wie sich Investoren das wünschten. Anleger sorgen sich gleich um mehrere Geschäftsbereiche, zum Beispiel um den sinkenden Umsatz im Öl- und Erdgasgeschäft, das unter schwachen Rohstoffpreisen leidet.

Druck machte vor allem ein Hedgefonds, der dafür bekannt ist, einen Wechsel im Management durchzusetzen, wenn die Zahlen zu wünschen übrig lassen: Trian Partners, hinter dem der berüchtigte Milliardär und Manager-Kritiker Nelson Peltz steckt. Kurz nach dessen Einstieg 2015 hatte Immelt bereits neue Kostensenkungen versprochen. Peltz hatte daraufhin erst einmal Ruhe gegeben. Vor wenigen Wochen änderte sich das wieder. Laut Medienberichten verlor Trian Partners die Geduld mit Immelt und dem schlechten GE-Aktienkurs und forderte, dass er vorzeitig in Rente geht.

Im März verkündete GE noch einmal Kostensenkungen und versprach steigende Gewinne in der Industriesparte. Trotzdem fiel der Aktienkurs weiter. Seit dem Jahresanfang ist der Börsenwert um zwölf Prozent geschrumpft, während die Aktienindizes weiter stiegen. Die Nachricht über den Chefwechsel kam bei den Investoren entsprechend gut an: Der GE-Aktienkurs stieg nach Börseneröffnung am Morgen um rund vier Prozent. Immelt hat nie öffentlich angedeutet, dass seine Rente so kurz bevorsteht.

Ein Führungswechsel bei GE findet mehr Beachtung als in anderen Unternehmen

Dass GE den neuen Chef im eigenen Hause gefunden hat, ist normal für das Unternehmen. Vorgänger Immelt war seit 1982 bei GE, Flannery arbeitet seit 30 Jahren im Konzern. Der 55-Jährige war lange in Argentinien und Indien, später wirkte er als verantwortlicher Manager für Fusionen maßgeblich an der Übernahme von Teilen des französischen Konkurrenten Alstom mit. "John ist die richtige Person, um GE heutzutage zu führen. Er hat einen breiten Erfahrungsschatz in verschiedenen Geschäftsbereichen, mit verschiedenen Produktzyklen und in verschiedenen Erdteilen", sagte Immelt. "Er hat eine gute Erfolgsgeschichte und eine unserer wichtigsten Sparten geführt."

Ein Führungswechsel bei General Electric findet mehr Beachtung als bei anderen Unternehmen. Der amerikanische Technologiekonzern galt unter seinem legendären Chef Jack Welch bis in die 1990er-Jahre als das am besten geführte Unternehmen der USA. Der Siemens-Konkurrent pflegte bereits das Shareholder-Value-Denken, als der Begriff in Deutschland noch kaum bekannt war. Jack Welch, der im Ruf stand, für gute Unternehmenszahlen nach Belieben Mitarbeiter zu feuern, wurde als "Neutronen Jack" beschimpft, der dafür sorge, dass am Ende seiner Gewinnmaximierungsstrategie keine Menschen mehr im Betrieb sein werden.

GE galt als das Unternehmen, das im Interesse des Aktienkurses scheinbar nach Belieben Firmen kaufte und verkaufte, um Gewinne zu steigern und den Aktionären hohe Dividenden auszuschütten. Dieser Ruf ging unter der Regie von Jeff Immelt aber verloren. Der GE-Aktienkurs erreichte seinen historischen Höchststand im Jahr 2000. Seitdem ist er um mehr als die Hälfte gefallen. Einer der Gründe war, dass GE eine starke Finanzabteilung betrieb, die mit der Finanzkrise in erhebliche Turbulenzen geraten war.

Kurios ist, dass dieser Konzern, der auf den amerikanischen Elektropionier Thomas Alva Edison zurückgeht, in seiner Geschichte ein bunt zusammengewürfelter Mischkonzern geblieben ist und damit dem derzeit vorherrschenden Idealbild der Shareholder-Value-Fans in keiner Weise entspricht. Für Investmentbanker gelten Unternehmen als vorbildlich, die auf eine oder wenige Branchen fokussiert sind. Nur so ließen sich gute Zahlen erwirtschaften, heißt es. GE dagegen produziert Kraftwerke, Glühbirnen und sogar Flugzeugtriebwerke. Der große Finanzbereich, der lange für die Bilanz des gesamten Konzerns entscheidend war, finanziert Immobilien, Flugzeuge und Industrieinvestitionen, er macht aber auch private Vermögensberatung. GE beschäftigt weltweit 300 000 Mitarbeiter in mehr als 100 Ländern, davon 80 000 in Europa. Zwischen 2001 und 2005 war der Konzern nach der Marktkapitalisierung das teuerste Unternehmen der Welt.

Jeff Immelt war 1982 zu GE gekommen. Er wurde in einem langwierigen Auswahlverfahren im November 2000 zum Nachfolger von Jack Welch ernannt. Kaum hatte er im Jahr 2001 den Posten übernommen, setzten Krisen ein - den Anfang machte der Angriff von Terroristen auf die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York im September 2001. In den ersten sieben Jahren verkaufte Immelt Geschäfte im Wert von 50 Milliarden Dollar. Umgekehrt kaufte er in dieser Zeit bis zum Beginn der Finanzkrise 2007 seinerseits Geschäfte zu im Wert von 80 Milliarden Euro. Das sogenannte Portfolio-Management galt lange als das Patentrezept zur Steigerung des Aktienkurses. Doch mit der Finanzkrise 2008 endete der Mythos von der unverwüstlichen Gewinnmaschine GE. Plötzlich stand der Konzern wegen seiner Finanzgeschäfts sogar am Rand des Abgrunds und musste eingestehen, verwundbar zu sein.

Immelt, der nie an die glänzenden Erfolge seines Vorgängers anknüpfen konnte, erklärte später, warum er den US-Konzern nicht mehr als globales Unternehmen verstehe, sondern als amerikanischen Konzern mit einem "extrem wichtigen globalen Geschäft". Diesen feinen Unterschied begründete er damit, dass ein Konzern, der sich als global empfinde, vermeintlich über den Dingen stehe und sich abkoppele. "Das ist nicht gut."