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Gemeinwohl:Von Hand zu Hand

Rund zehn Menschen arbeiten mit den Gründern Timm Duffner (unten links), Christian Schmidt und Stefan Buchholz (hinten, Dritter und Zweiter von rechts) im Team.

(Foto: oh)

Soziale Start-ups wollen gesellschaftliche Probleme lösen, doch sie müssen von ihren Geschäftsmodellen leben können. Damit das klappt, brauchen sie Unterstützung aus der Politik.

Matthias ist 31 Jahre alt und Rentner. Er habe psychische Probleme, erklärt der gelernte Chemikant. In einem regulären Betrieb hätte er mit diesem Hintergrund keinen Job mehr gefunden, Vollzeit arbeiten ginge ohnehin nicht. Dass Matthias trotzdem etwas dazu verdienen kann, dafür braucht es Firmen wie Heyho. Das Lüneburger Start-up ist ein Sozialunternehmen, sein Motto "die soziale Müslirösterei", die Gründer nennen sich Granola Aktivisten.

Heyho produziert Bio-Müsli in vier Sorten, die Zutaten bezieht das Team aus der Region. Die Brezeln für die "Latenight Breakfast"-Variante werden in einer Pralinen-Manufaktur in der Nähe schokoliert, die Prise Salz für "Saltcity Original" stammt aus der Produktion der Salzstadt Lüneburg. Seit eineinhalb Jahren rösten und mischen die Gründer Haferflocken und arbeiten dabei mit Menschen aus der Wohnungslosenhilfe, psychisch- oder Suchterkrankten zusammen. Menschen wie Matthias, denen die Arbeit die nötige Tagesstruktur gibt, aber die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance haben.

Was das Start-up sozial macht, ist seine Zielrichtung. Social Entrepreneurship, soziales Unternehmertum also, entwickelt "Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen auf unternehmerische Art und Weise". So definiert es das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (siehe Interview). Den Unternehmern geht es nicht um Profit, sondern um die Wirkung. Oder wie es die Gründer aus Lüneburg ausdrücken: "Bei Heyho stellen wir keine Menschen an, um Granola zu rösten - wir rösten Granola, um Menschen einzustellen."

Allein in Berlin sind etwa 185 000 Menschen in sozialen Firmen beschäftigt

Rund 80 000 Non-Profit-Organisationen und 200 000 Unternehmen in Deutschland ordnen sich selbst als soziale Betriebe ein. Allein in Berlin sind etwa 185 000 Menschen in solchen Firmen beschäftigt - dort ist nicht nur die Hauptstadt für klassische Start-ups, sondern auch für soziale Gründungen. Ecosia etwa hat dort seinen Sitz. Die Internetsuchmaschine wurde 2009 gegründet und generiert pro Suchanfrage 20 Cent, um Bäume dort zu pflanzen, wo sie dringend benötigt werden. Bisher kamen so knapp sieben Millionen Euro zusammen, von denen 42 Millionen Bäume in 20 Ländern gepflanzt wurden. Die meisten Social Start-ups arbeiten aber lokal orientiert. Sie bieten flexible Arbeitszeiten, haben deswegen besonders viele Teilzeitkräfte und geben Menschen eine Aufgabe, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Zugang finden.

So wie Torsten, 53. Er ist Alkoholiker, hat Entgiftungen und stationäre Therapien hinter sich. Seit vier Jahren ist er trocken und lebt in einer stationären Einrichtung der Wohnungslosenhilfe in Lüneburg. Der gelernte Fleischer war lange arbeitslos. Nun beklebt er bei Heyho seit rund einem Jahr die Deckel der Müsligläser, bindet Etiketten um deren Hälse, stempelt das Mindesthaltbarkeitsdatum auf. Zweimal die Woche, je zwei bis drei Stunden. "Das macht Spaß und ist eine Abwechslung. Ich fühle mich hier wohl", sagt er. Sein Kollege Matthias kümmert sich um das Verpacken der Gläser, verschickt die Bestellungen und soll zukünftig auch das Materiallager im Blick behalten. Der Job ist für ihn wichtig, "um aus dem Haus zu kommen und mich nützlich zu fühlen."

Für die drei Gründer Timm Duffner, 42, Christian Schmidt, 33, und Stefan Buchholz, 52, stand von Beginn an fest, dass sie ein Sozialunternehmen gründen. Duffner arbeitete lange bei Unilever, betreut als Freiberufler die Kampagnen von Ben & Jerry's. Der Eishersteller aus dem US-Bundesstaat Vermont lässt die Brownies für sein Eis von der Greyston Bakery liefern. Diese arbeitet mit einem Open Hiring-Konzept: Jeder kann sich bewerben, unabhängig von seinem Hintergrund. So gibt die Bäckerei auch ehemaligen Gefängnisinsassen eine Arbeit - und inspirierte die Gründer aus Lüneburg.

In ihrem Gesellschaftervertrag ist festgelegt, dass immer ein Drittel der Mitarbeiter "besondere Biografiebrüche" haben muss. Und sobald das Start-up Gewinn erwirtschaftet, geht die Hälfte davon in Projekte, die Wohnungslose unterstützen. Alle Mitarbeiter bekommen den gleichen Mindeststundenlohn von zehn Euro, egal, wie produktiv sie sind oder welchen Hintergrund sie haben. "Wir wollen damit raus aus der Ellbogenmentalität", sagt Buchholz. Der Sozialwirt arbeitet seit Jahren in der Wohnungslosenhilfe und kennt die Herausforderungen der Betroffenen.

Für Wagniskapitalgeber ist ein solches Konzept oft abschreckend, zu wenig Rendite. Wie schnell kann ein Unternehmen wachsen, das mit Menschen arbeitet, die nur zwei bis drei Stunden am Tag schaffen? Die Finanzierung ist für Social Start-ups daher ein Problem.

Heyho etwa wurde bisher aus eigener Tasche finanziert, das stößt aber an seine Grenzen. "Wir sind auf Geldsuche", sagen die Gründer ganz offen. Doch sie brauchen zwischen 300 000 und 500 000 Euro für die nächsten zwei Jahre, um wirtschaftlich zu werden. Das sei zu wenig für ein Fondsticket für Risikokapital, aber zu viel für einen einzelnen Investor. 2018 verkauften die Müsliröster 20 000 Gläser. In diesem Jahr ist diese Zahl schon jetzt fast erreicht. Doch erst mit der zehnfachen Leistung wären die Produktionsräume und Mitarbeiter bezahlt. "Wir arbeiten wie viele Start-ups noch nicht kostendeckend", sagt Duffner.

Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD ist zu lesen, dass soziales Unternehmertum bei der Lösung gesellschaftlicher und sozialer Herausforderungen eine zunehmend wichtige Rolle spiele. "Social Entrepreneurship wollen wir noch stärker als bisher fördern und unterstützen." Da ist aber noch Luft nach oben. Derzeit erwirtschaften die besonderen Firmen rund vier Prozent der Bruttowertschöpfung in Deutschland. 2016 untersuchte die Thomson Reuters Foundation 45 Staaten, welche von ihnen die beste Umgebung für Sozialunternehmer bietet. Auf Platz 1 ist die USA, Deutschland erst auf Platz 15. Bei der Frage, wo die Regierungspolitik das Konzept am besten unterstützt, steht die Bundesrepublik erst an 34. Stelle.

Neben dem Geld fehlt vielen Gründern auch eine Rechtsform. Rund die Hälfte der Sozialunternehmen sind wie Heyho Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH), Vereine oder gemeinnützige GmbHs. Doch Social Start-ups sind Hybride, arbeiten unternehmerisch und fürs Gemeinwohl. Das lässt sich nicht im Handelsregister abbilden. Eines der bekannteren Unternehmen ist etwa Lemonaid. Der Hamburger Betrieb, eine GmbH, produziert Limonade aus Bio-zertifizierten Zutaten, die aus fairem Handel stammen. Fünf Cent pro verkaufter Flasche gehen an den Verein Lemonaid & ChariTea, bisher mehr als vier Millionen Euro. Die Organisation wiederum unterstützt mit den Einnahmen Projekte in der Entwicklungshilfe.

Das Heyho-Team würde mit frischem Kapital die Kosten für Mitarbeiter und Produktion decken können. Gerade ziehen die Aktivisten um in eine eigene Produktionshalle mit Lager und Büro. Bisher waren sie Untermieter in einer Großküche und konnten dort erst ab 15 Uhr ihre Schicht beginnen: Müsli rösten, mischen, abfüllen, alles von Hand. Das fertige 310 Gramm Glas kostet 6,99 Euro, was beim Einzelhandel regelmäßig für große Skepsis sorgt, so die Gründer. "Aber die Gesamtidee ist schon ein Türöffner", sagt Buchholz.

Im März hatte etwa der Bio-Lebensmittelhändler Alnatura rund 4000 Gläser für einen Testverkauf bestellt. Das war so erfolgreich, dass das Granola aus Lüneburg nun in 120 Läden der Kette bundesweit gelistet ist. Auch die norddeutsche Drogeriekette Budni testet das Müsli in 53 Filialen. Für die kleine Produktion ist das Stress für alle, aber die Mitarbeiter hielten auch den Wahnsinn der Gründer gut aus, sagen Duffner und Buchholz: "Die sind auf ihre Art nämlich durchaus sehr belastbar."