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Gemeinwohl-Ökonomie:Verantwortung übernehmen

Vaude-Firmenchefin Antje von Dewitz, 43, will mit gutem Beispiel vorangehen.

(Foto: oh)

Wirtschaften soll zum Wohl aller stattfinden, nicht nur für einige wenige. Die Vermehrung des Geldkapitals darf kein Ziel mehr sein.

Von Dagmar Deckstein

Nachhaltigkeit in Sachen Umweltsensibilität und Ressourcen-Schonung haben mittlerweile viele Firmen auf ihrer Agenda. Der Begriff Gemeinwohl-Ökonomie aber geht noch darüber hinaus. Vaude-Chefin Antje von Dewitz sagt: "Vor einigen Jahren saß ich gemeinsam mit Christian Felber, dem österreichischen Attac-Gründer und Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung, in einer Veranstaltung. Kurze Zeit später besuchte er uns auf meine Einladung hin hier im Betrieb. Seine Ausführungen überzeugten mich sehr, denn die Gemeinwohl-Ökonomie ist die Verkörperung dessen, womit wir uns seit Jahren in Sachen Nachhaltigkeit und Transparenz auseinandersetzen. Also haben wir beschlossen, eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen. Wirtschaften zum Wohle aller, um Verantwortung da zu übernehmen, wo ich handle."

Das ist nach Dewitz das Grundprinzip der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Die von ihr geleitete Firma Vaude hat dieses Prinzip in zehn Eckpunkte gegossen. Darin heißt es unter anderem: "Die Gemeinwohl-Ökonomie ist der Aufbruch zu einer ethischen Marktwirtschaft, deren Ziel nicht die Vermehrung von Geldkapital ist, sondern das gute Leben für alle." Für die Vaude-Chefin besteht die Krux des herrschenden Paradigmas darin, "dass unser Wirtschaftssystem eben so funktioniert, dass finanzieller Erfolg der einzige wesentliche Fokus zu sein hat." Am allgemeinen Wohl ausgerichtete Unternehmensführung umfasse aber weit mehr Themen - wie etwa, dass Mitarbeiter sich ihre Führungskräfte selbst wählten, anstatt welche vorgesetzt zu bekommen, oder aber Mechanismen zu entwickeln, mit denen auch die Bedürfnisse der kleineren Kunden auf dem Radar blieben anstatt nur die der großen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie beleuchtet neben der finanziellen Stabilität eines Unternehmens auch die weiteren Werte, die im Unternehmen geschaffen werden, und das sehr viel umfassender und verbindlicher als in der herkömmlichen Nachhaltigkeitsberichterstattung üblich. Wer solch umfassende Maßstäbe anlege und eine Gemeinwohl-Bilanz erstelle, so Antje von Dewitz, der sollte auch steuerlich belohnt werden. Nach GWÖ-Maßstäben bemisst sich der Erfolg eines Unternehmens nicht länger am reinen Finanzgewinn, sondern auch an ethischen Faktoren wie Ressourcenschonung, fairen Löhnen oder Gleichstellung von Mitarbeitern. Das Ziel der GWÖ-Bewegung: Unternehmen mit positiven Gemeinwohl-Bilanzen werden für ihr Verhalten belohnt. Sie müssen weniger Steuern zahlen, erhalten günstigere Kredite und Vorrang bei Forschungsaufträgen. Das GWÖ-Konzept sieht auch eine Grenze für Erb-Vermögen vor. Der Vorschlag: Bis zu 500 000 Euro pro Person dürfen steuerfrei vererbt werden. Was darüber hinaus geht, soll in einen sogenannten "Generationenfonds" gehen, der Geld dann weiterverteilt. Das vermindere wachsende Vermögensungleichheiten.

GWÖ-Aktivist Felber und Antje von Dewitz sind im Sommer vergangenen Jahres auch schon in Brüssel vorstellig geworden, um ihr Konzept vorzustellen. Durchaus mit Erfolg. In der im September 2015 veröffentlichten Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) heißt es: "Nach Auffassung des EWSA sollte das Gemeinwohl-Ökonomie-Modell sowohl in den europäischen als auch in die einzelstaatlichen Rechtsrahmen integriert werden. Ziel ist es, die Verwirklichung des Binnenmarkts über eine verstärkt ethische Wirtschaft voranzubringen, die auf europäischen Werten und der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung gründet und diese synergetisch untermauert."

© SZ vom 06.10.2016
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