Geldwerkstatt Zweifel an Mischfonds

Sie sind seit Jahren beliebt, weil sie Schutz vor Verlusten versprechen. Doch die hohen Erwartungen können Mischfonds oft nicht erfüllen.

Von Jan Willmroth, Frankfurt

Die Kunden von Thomas Soltau glauben zu wissen, was sie tun. Sie entscheiden selbst, welche Wertpapiere sie kaufen, anstatt sich von Banken oder Anlageberatern welche empfehlen zu lassen. Soltau betreibt von Berlin aus die Webseite Fondsdiscount, eines der größeren Online-Portale in Deutschland, auf dem Privatanleger günstig Fondsanteile kaufen und Sparpläne abschließen können. Er sieht in Echtzeit, wie die mehr als 23 000 Sparer auf seiner Plattform investieren. Aber seit einiger Zeit gefällt ihm nicht mehr, was er beobachtet.

Jahrelang schon gehören Mischfonds zu den beliebtesten Produkten, ob in den Filialen von Banken und Sparkassen, in Verkaufsgesprächen mit dem Finanzberater am Wohnzimmertisch oder auf Soltaus Plattform. "Die meisten Anleger investieren in Mischfonds in der Hoffnung, dass die eine Anlageklasse die Verluste der anderen ausgleicht, wenn es zu einem Kurssturz kommt", sagt der Fondsexperte. "So war das früher auch. Aber dieser Zusammenhang gilt derzeit nicht mehr."

Klassische Mischfonds teilen das Vermögen der Anleger überwiegend in Aktien und Anleihen auf. Sie sind weniger riskant als reine Aktienfonds, deren Kurse stärker schwanken. Sie versprechen mehr Rendite als reine Rentenfonds, die wegen der niedrigen Zinsen kaum noch etwas abwerfen. Je nach Produkt mischen die Fondsmanager noch ein wenig Währungen, Rohstoffe oder Zertifikate dazu, um das Beste aller Welten zu vereinen. Das lässt sich dann prima vermarkten, vor allem an risikoscheue deutsche Bankkunden: Ende August hatten Sparer hierzulande mehr als 251 Milliarden Euro in Mischfonds angelegt; allein 2017 flossen bisher 22 Milliarden in diese Produkte.

Niedrige Zinsen, hohe Unsicherheit - wie soll man da noch sein Geld investieren? In der "Geldwerkstatt" erklären wir aktuelle Fragen zur Geldanlage.

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Das Sicherheitsversprechen zieht also noch. Aber die Zweifel an den Produkten wachsen, je länger die Phase hoher Aktienkurse und zugleich niedriger Anleiherenditen andauert. Der britische Economist hat die aktuelle Lage Anfang Oktober als "The Bull Market in Everything" beschrieben, der Bullenmarkt in allem: Vom Aufschwung an den Finanzmärkten blieb in den vergangenen Jahren nahezu keine Anlageklasse verschont. Genau das wird Mischfonds jetzt zum Verhängnis, denn sowohl bei Aktien, als auch bei Rentenpapieren besteht gleichermaßen ein Risiko fallender Kurse, wenn die Notenbanken ihre lockere Geldpolitik allmählich beenden. "Mischfonds allein schützen heute nicht mehr ausreichend vor möglichen Verlusten", befürchtet Soltau.

Aktien und Anleihen in einem Fonds zu vereinen und die Aufteilung zwischen beiden einem findigen Manager anzuvertrauen, ist eine gereifte Idee. Im Jahr 1950 legte der Vorläufer des zweitgrößten deutschen Vermögensverwalters Allianz Global Investors den ersten klassischen Mischfonds auf. Lange verharrten die Produkte in einer Nische. Das änderte sich nach der Finanzkrise: Seitdem haben Fondshäuser immer neue Mischfonds aufgelegt, die das Anlegergeld flexibel zwischen verschiedenen Anlageklassen hin- und herschieben.

So sollen die Fonds in einem steigenden Markt profitieren und bei negativen Marktentwicklungen größere Verluste vermeiden. Den Käufern solcher Fonds müsse aber klar sein, dass Mischfonds "kaum noch Aufwärtspotenzial haben", sagt Frank Wieser, Geschäftsführer von PMP Vermögensmanagement in Düsseldorf.

Zur Auswahl geeigneter Fonds sind immer zunächst die Kosten wichtig. In der Regel zahlen Anleger zwischen einem und zwei Prozent Gebühren pro Jahr, die ein Mischfonds erst einmal wieder erwirtschaften muss. Derzeit sei es schon schwierig geworden, überhaupt die internen Fondskosten auszugleichen, sagt Wieser. Hinzu kommt in den meisten Fällen noch ein Ausgabeaufschlag von drei bis fünf Prozent, den die Banken berechnen. Fondsbanken wie die FIL Fondsbank oder Ebase und Online-Vermittler wie Fondsdiscount oder Fondssupermarkt verlangen die zusätzliche Gebühr dagegen nicht.

Mit niedrigen Kosten allein lässt sich aber noch kein Geld verdienen. Denn oft laufen sogar die eher teuren Fonds gut. Die 15 größten Mischfonds in Deutschland haben der Analysefirma Morningstar zufolge in den vergangenen fünf Jahren eine durchschnittliche Rendite von etwa 4,3 Prozent pro Jahr nach Kosten erwirtschaftet, wobei der Spitzenreiter sogar 7,82 Prozent verbuchen konnte. Wie bei allen Fonds gilt auch hier: Die Rendite der Vergangenheit ist ein erster Hinweis, lässt aber nicht auf die künftige Kursentwicklung schließen. Fonds-Ranglisten helfen Anlegern, den Überblick zu behalten. Die Ratingagentur Scope vergibt ihre Bestnoten derzeit unter anderem an den "Deutsche Concept Kaldemorgen" von der Deutschen Bank, den "Allianz Strategy 50" oder den "Privat Fonds Kontrolliert" von Union Investment. Berühmt, aber zuletzt schwächelnd ist der "Multiple Opportunities" des Kölner Vermögensverwalters Flossbach von Storch.

Rein auf Europa fokussierte Fonds dürften kaum noch Potenzial haben

Die Anlagestrategien unterscheiden sich teilweise erheblich. Gemeinsam haben die genannten Fonds den globalen Fokus: Alle investieren weltweit in Aktien- und Anleihemärkte. Vermögensexperte Wieser empfiehlt Sparern erstens, auf Fonds mit einem solch breiten Anlagespektrum zu setzen. "Weltweit anlegende Fonds können gerade in Märkten oder Währungen wie Asien oder dem Dollarbereich noch vernünftige Renditen erzielen", sagt er. Rein auf Europa fokussierte Fonds dürften kaum noch Potenzial haben. Bei einem weltweiten Fokus sei es entscheidend, wie der Fondsmanager arbeite: Steckt echtes Teamwork dahinter, oder trifft der Manager viele Entscheidungen allein? Es ist ein klassisches Problem der Geldanlage in Fonds: Man vertraut sein Geld einem Fondsmanager an, von dem man nicht genau weiß, wie er arbeitet - und der das Sicherheitsversprechen seines Produktes vielleicht bald nicht mehr einlösen kann.

Anlegern muss bewusst sein, dass sie mit einem Mischfonds immer einen Kompromiss eingehen. Sie verzichten auf Risiken, aber auch auf Chancen am Aktienmarkt und zahlen Gebühren für die Bequemlichkeit, kein eigenes Depot zusammenstellen zu müssen. Beim nächsten Verkaufsgespräch in der Bank sollten Kunden genau hinschauen, was ihnen warum empfohlen wird - und bedenken: Ein Mischfonds ist noch keine Absicherung.