Geldwerkstatt:Das Wagnis unter Kontrolle bringen

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Niedrige Zinsen, hohe Unsicherheit - wie soll man da noch sein Geld investieren? In der "Geldwerkstatt" erklären wir aktuelle Fragen zur Geldanlage.

Wie man als Anleger das eigene Risiko besser einschätzt: Tipps und Kennzahlen, die helfen.

Von Felicitas Wilke

Die Deutschen lieben zwar ihr Sparbuch, aber in fast zinslosen Zeiten wagen es einige, am Kapitalmarkt zu investieren. Zahlen der Bundesbank belegen, dass Anleger im vergangenen Jahr mehr Wert auf eine höhere Rendite legten und sich zunehmend für Aktien und Investmentfonds interessierten. Dass die Mehrheit trotzdem zögert, liegt auch daran, dass viele Menschen das mit Wertpapieren verbundene Risiko schlecht einschätzen können. Mehr als die Hälfte der Anleger in Deutschland würde gerne mehr Geld am Kapitalmarkt investieren, zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Aber fast genauso viele geben an, nicht abschätzen zu können, wie viel sie an der Börse verlieren könnten. Ein Überblick, worauf Anleger achten sollten.

Informationen sammeln

Je nachdem, welche Form der Geldanlage Verbraucher wählen, sollten sie sich unterschiedlich intensiv mit den Unternehmen beschäftigen, in die sie investieren möchten. "Wenn man jeden Monat eine bestimmte Summe sparen will und sich keine großen Gedanken um die Geldanlage machen möchte, sind günstige ETFs sinnvoll", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Diese passiven Fonds bilden einen bestimmten Index ab, zum Beispiel den Dax oder den MSCI World, zu dem mehr als 1600 Einzelwerte aus 23 Industrieländern gehören. Je mehr Märkte und Branchen solche ETFs oder auch die teureren, aktiv gesteuerten Investmentfonds umfassen, desto geringer fällt tendenziell das Risiko für Anleger aus.

Wer Spaß daran hat, unternehmerisch zu denken, kann erwägen, in einzelne Aktien zu investieren. "Das setzt aber in jedem Fall mehr Information und Interesse voraus", sagt Jürgen Kurz von der DSW. Um kein unnötig hohes Risiko einzugehen, könnten sich Anleger etwa mit dem Geschäftsmodell der Unternehmen auseinandersetzen, in die sie investieren möchten, sagt Kurz. Erscheint das wenig zukunftsweisend, sollte man im Zweifel Abstand davon nehmen. Ähnlich gestaltet sich die Lage, wenn ein Unternehmen über Jahre hinweg keine Dividenden an seine Aktionäre ausbezahlt hat. Jede Form von Rendite, die einem Anleger entgeht, ist gewissermaßen ein Risiko.

"Aktieninteressierte sollten auch immer einen Blick auf die Kreditwürdigkeit des Unternehmens werfen", sagt Annabel Oelmann, Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen. Denn wenn eine Aktiengesellschaft Pleite geht, sehen die Anleger ihr Geld selten wieder.

Schwankungen aussitzen

Als Risikokennzahl schlechthin gilt die Schwankungsintensität von Wertpapieren, die sogenannte Volatilität. Je mehr der Wert einer Aktie oder eines Fonds innerhalb eines bestimmten Zeitraums nach oben und nach unten vom Mittelwert abgewichen ist, desto höher ist die Volatilität. Ein gewisses Auf und Ab gehört zum Börsengeschäft allerdings dazu, das müssen Sparer wissen, die Anteilseigner von Unternehmen werden möchten. "Wer Aktien kauft, sollte für einen längeren Zeitraum auf das investierte Geld verzichten können, um Schwankungen auszusitzen", sagt Kurz. Doch es gibt Aktien, die als besonders wankelmütig gelten. Dazu gehören etwa Wertpapiere aus Schwellenländern oder Rohstoffwerte. Wenn Aktien überdurchschnittlich stark schwanken, bieten sie im besten Fall hohe Gewinnchancen, bergen aber auch hohe Risiken. "Sie können dazu verführen, zu den falschen Zeitpunkten ein- und auszusteigen", sagt Natalia Wolfstetter, Analystin bei der Fondsratingagentur Morningstar.

Entscheidet man sich für Fonds, die in unterschiedliche Länder und Branchen investieren, fallen die Schwankungen oft geringer aus als bei Einzelwerten. Wer sich für Investmentfonds interessiert, kann im Produktinformationsblatt (KIID) die Volatilität des Produkts anhand der Ziffern von eins für geringes Risiko bis hin zu sieben für hohes Risiko ablesen. Wer wissen möchte, wie stark einzelne Aktien schwanken, findet Grafiken und Kennzahlen auf Plattformen wie Onvista oder Ariva. Allzu sehr sollten sich Anleger aber nicht auf die Volatilität als Risikokennzahl verlassen. Denn sie beruht auf vergangenen Werten und ist "kein Indikator für zukünftige Entwicklungen", wie Verbraucherschützerin Oelmann sagt. Sonst wäre es wohl auch zu einfach, an der Börse reich zu werden.

Kosten beachten

Auch Gebühren sind ein Risiko für die Geldanlage. Denn die schönste Rendite hilft wenig, wenn die Kosten eines Finanzprodukts sie beinahe auffressen. Keine Aktie und kein Fonds kommt gänzlich ohne Gebühren aus, allerdings unterscheidet sich die Höhe je nach Produkt und Anbieter. Die ausgewiesenen laufenden Kosten, die sogenannte Total Expense Ratio, können Verbrauchern helfen, den Überblick zu behalten.

Dazu gehören bei Investmentfonds etwa die Verwaltungsgebühren, die ungefähr zwischen 1,2 bis 1,5 Prozent des Portfoliowerts liegen. Besitzt man Fonds im Wert von 20 000 Euro, macht das jährlich also 240 bis 300 Euro aus. "In den laufenden Kosten sind jedoch nicht alle Kosten enthalten", sagt Verbraucherschützerin Oelmann. Bei aktiv verwalteten Investmentfonds müssen Anleger zudem mit einem Ausgabeaufschlag rechnen, der jedes Mal anfällt, wenn sie neue Fondsanteile kaufen. Zudem berechneten viele Fondsmanager eine erfolgsabhängige Gebühr, sagt Oelmann. Ausgabeaufschläge und Erfolgsboni gibt es bei ETFs nicht, und auch die Verwaltung kostet bei vielen passiven Indexfonds nur knapp über null Prozent. Zusätzlich können Geldanleger sparen, wenn sie ihr Depot bei einer vergleichsweise günstigen Bank halten.

© SZ vom 27.02.2017
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