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Geldtransporte:"Die Angst fährt immer mit"

Geldtransport 1925, R. Sennecke

Als dieser gepanzerte Geldtransporter in den 1920er-Jahren in Berlin seine Runde drehte, zahlten die meisten Menschen ihre Rechnungen noch bar.

(Foto: akg-images)
  • Die Gewerkschaft Verdi will, dass Geldzähler und Geldtransporterfahrer pro Stunde 1,50 Euro mehr erhalten und die Löhne in West- und Ostdeutschland angeglichen werden.
  • Ein Grund dafür: Die Jobs gelten als gefährlich, im Jahr 2017 wurden in Deutschland 70 mal Geldtransporter überfallen.

Von Hans von der Hagen und Felicitas Wilke

An einem Morgen im vergangenen Herbst stoppen die Räuber mit ihren Fahrzeugen den Werttransporter mitten in Berlin. Sie bedrohen die Geldboten mit Waffen, entwenden Geld und schießen auf der Flucht auf einen Polizeiwagen. Erst Wochen später werden die ersten Verdächtigen gefasst. Was sich Mitte Oktober in der Nähe des Alexanderplatzes in der Hauptstadt abspielte, passiert so oder so ähnlich im Schnitt alle paar Tage irgendwo in Deutschland. Im Jahr 2017 wurden in Deutschland 70 Überfälle auf Geldboten verübt. "Die Angst vor Überfällen fährt bei den Kollegen immer mit", sagt Arno Peukes. Auch deshalb fordert er als Verhandlungsführer der Gewerkschaft Verdi deutlich mehr Geld für die 11000 Menschen, die in Deutschland im Geld- und Werttransport arbeiten - als Fahrer, aber auch als Zähler und Vorbereiter im Innendienst.

Am Mittwoch hatte die Gewerkschaft die Beschäftigten angesichts der jetzt anstehenden neuen Verhandlungsrunde zum Warnstreik aufgerufen. Viele schlossen sich dem Aufruf an. In Bayern etwa, wo Mitarbeiter von vier Unternehmen die Arbeit niederlegten, fanden Verdi zufolge nur 15 Prozent der sonst üblichen Transporttouren statt.

Verdi pocht darauf, dass der Stundenlohn zwei Jahre in Folge um 1,50 Euro steigt und die Ost-Gehälter an die Löhne im Westen angeglichen werden. Im Westen verdienen die Geldzähler und Geldtransportfahrer zwischen 2200 und 2900 Euro brutto, im Osten sind es nur 1800 bis 2400 Euro brutto. Auch zwischen den westdeutschen Bundesländern schwanken die Löhne: So bekommen die Angestellten in Bayern laut Verdi rund einen Euro mehr pro Stunde als in Nordrhein-Westfalen.

In Geldtransportunternehmen arbeiten oft angelernte Menschen, viele waren vorher bereits in der Sicherheitsbranche tätig oder haben eine Vergangenheit bei der Bundeswehr. Sie bestücken viele der deutschlandweit knapp 58000 Geldautomaten mit neuen Scheinen. "Die Kollegen leisten eine gesellschaftlich relevante Arbeit, erhalten dafür aber keine angemessene Anerkennung", klagt Peukes.

Die Gewerkschaft verweist auf eine Umfrage unter ihren Mitgliedern, die zeige, dass die Angestellten im Sicherheitsbereich ihren Job als belastend empfinden und über mangelnde Aufstiegschancen klagen. "Auch der Führungsstil in der Branche ist nicht gerade wertschätzend", kritisiert Peukes. Die Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW) weist die Kritik der Gewerkschaft zurück. Nicht alle Mitarbeiter hätten sich an den Streiks beteiligt - für den Verband ist das ein Hinweis darauf, dass einige Angestellte mit dem Angebot der Arbeitnehmerseite durchaus zufrieden gewesen seien. Mitte Dezember hatten die Arbeitgeber eine Erhöhung von bis zu 9,4 Prozent in zwei Jahren angeboten.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Art, wie Geld in Deutschland transportiert wird, grundlegend verändert. Bis in die neunziger Jahre war es üblich, dass Geschäfte die Tageseinnahmen nach Ladenschluss in Geldkassetten zur Bank brachten und dort in den Nachttresor warfen. Heute machen das allenfalls noch kleine Läden so - die größeren sind längst dazu übergegangen, das Geld von Werttransporten abholen zu lassen, schon weil sie sonst im Regelfall gar keine Versicherung mehr bekommen würden. Auch sind die Zeiten vorbei, in denen Banken gewaltige Summen in möglichst unauffälligen Fahrzeugen zur örtlichen Filiale der Landeszentralbank brachten. Es war auch immer mit einem gewissen Aufwand verbunden. Je nach Geldsumme mussten in solchen Fällen mehrere Personen mitfahren, um allen Vorschriften für derlei Geldtransporte gerecht zu werden. Manche Banken organisieren heutzutage eigene Werttransporte in entsprechend gesicherten Fahrzeugen, andere haben sie an spezialisierte Sicherheitsfirmen ausgelagert - die Unternehmen also, die nun bestreikt werden. Die Branche profitierte lange, was sich in der Zahl der Sicherheitsfahrzeuge widerspiegelte, die bei der BDGW registriert sind. Waren es etwa 2005 rund 1700 Fahrzeuge, schnellte die Zahl binnen weniger Jahre auf 2500 hoch. Einen Dämpfer gab es freilich, als bekannt wurde, dass Mitarbeiter der Heros Unternehmensgruppe, seinerzeit Marktführer in der Branche, Kunden wie Aldi, Rewe oder McDonald's mit Hilfe eines Schneeballsystems um mehrere Hundert Millionen Euro schädigten. Der Vertrauensverlust in die Branche war groß. Mittlerweile liegt die Zahl der Fahrzeuge wieder bei gut 2400. Jetzt mache den Unternehmen aber vor allem der Onlinehandel und die bargeldlosen Zahlungen massiv zu schaffen, heißt es bei der BDGW. Mag die Liebe der Deutschen zum Bargeld angeblich noch so groß sein, bezahlt wird eben mittlerweile doch sehr oft mit Karte, schon weil viele Käufe online abgewickelt werden. Das spüren die Sicherheitsfirmen auch bei einem weiteren Geschäftsfeld: der Bearbeitung des Bargelds in den sogenannten Cash Centern.

Banken haben Bargeld-Vorrat

Für die Verbraucher hat der Streik bislang keine spürbaren Folgen. Die Banken weisen in einer gemeinsamen Stellungnahme der Deutschen Kreditwirtschaft darauf hin, dass sie bereits zwischen den Jahren vorgesorgt hätten. Es sei höchstens mit "punktuellen Einschränkungen" zu rechnen.

Vorbei ist der Warnstreik noch nicht. Während sich die Arbeitgeber und Arbeitnehmer am Donnerstag und Freitag auf einen neuen Tarifvertrag zu einigen versuchen, hat Verdi auch für Donnerstag zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen. Doch auch dann dürften die Bankkunden wohl ohne Probleme an Bargeld kommen. "Notfalls bestücken wir unsere Automaten selbst", heißt es etwa bei der Stadtsparkasse München. Schließlich haben die Banken in ihren Filialen Bargeld vorrätig. Die Sparkasse in München hat auch eigene Sicherheitsfahrzeuge, um Scheine im Fall der Fälle von einer Filiale zu einem freistehenden Automaten zu bringen. Und wenn dann doch mancherorts das Geld ausgehen sollte, bleibt immer noch die Supermarktkasse: Bei vielen Händlern kann mittlerweile Geld abgehoben werden.

© SZ vom 03.01.2019/lüü
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