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Geldpolitik der Notenbanken:Bloß keine Langeweile aufkommen lassen

Boring is best - das galt einmal für Notenbankchefs. Dann kam die Finanzkrise. Seitdem hantieren Fed, EZB und die japanische Zentralbank mit allerhand spektakulären Tricks. Noch ist es zu früh, wieder langweilig zu werden.

Was macht einen guten Notenbankchef aus? Mervyn King, scheidender Gouverneur der Bank von England, kennt die Antwort: "Boring is best", lautet sein Bonmot, das seit mehr als zehn Jahren gern zitiert wird: je langweiliger desto besser. Dann kam die Finanzkrise - und stellte alte Gewissheiten auf den Kopf. Seither greifen die Zentralbanken tief in ihre Trickkiste. Mit allerhand spektakulären Eingriffen haben sie die Weltwirtschaft vor dem Abgrund bewahrt, von Langeweile keine Spur.

Jetzt kommt der schwierige Rückzug. Ben Bernanke, Chef der amerikanischen Notenbank (Fed), will die große Geldflut drosseln - wenn sich die US-Wirtschaft weiter erholt und die Arbeitslosenquote endlich auf 6,5 Prozent sinkt. Prompt sind die Aktienanleger alarmiert - und lösen ein Beben an den Börsen aus, das bis nach Tokio reicht.

Eine große Überraschung ist das nicht: Die jüngste Rekordjagd hatte wenig mit guten Konjunkturaussichten, aber viel mit lockerem Geld zu tun. Bernanke liegt also richtig, wenn er die Anleger zur Vernunft ruft; denn Spekulationsblasen gehören zu den Risiken einer großzügigen Liquiditätsversorgung.

Ausstieg aus dem billigen Geld? Ja, aber nicht jetzt!

Aber sollte die Geldpolitik deshalb wieder langweilig werden? Nein! Es ist zu früh, um einfach zur Tagesordnung überzugehen. Noch ist die große Finanz- und Schuldenkrise nicht gelöst. Erst die Hälfte des Weges ist geschafft. Wollen Europa und die USA auch die zweite Hälfte bewältigen, müssen Politiker und Notenbanker ihre Kräfte vereinen: Aufgabe der Regierungen ist es, die Haushalte zu sanieren und bürokratischen Starrsinn zu überwinden - ohne das Wachstum abzuwürgen. Dazu brauchen sie die Unterstützung der Notenbanken.

Konkret heißt dies: Die Europäische Zentralbank (EZB) muss gegen alle Widerstände noch ein bisschen mehr tun, bevor sie sich zurückziehen kann. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es gilt nicht, die japanische Notenbank zu toppen, die in der Liga der Gelddrucker die Tabellenführung übernommen hat. Es geht um gezielte Sonderhilfen, etwa für kleine und mittelgroße Betriebe im Süden Europas, damit die Konjunktur dort wieder in Schwung kommt. Ausstieg aus dem billigen Geld? Ja, aber bitte nicht jetzt!

Klug müssen die Notenbanker Preisstabilität und Finanzstabilität balancieren

Die USA sind in einer besseren Position für den Ausstieg als Europa und Japan: Sie dürften als erstes Land die Krise hinter sich lassen. Gut drei Prozent Wachstum und ein schrumpfendes Haushaltsdefizit sprechen dafür, dass die Fed vermutlich schon im September ihre Anleihenkäufe drosseln und langsam die Politik des billigen Geldes beenden kann. Bernanke sollte dies mit größter Vorsicht tun, und lieber mehr Inflation oder Spekulationsblasen riskieren, als den zaghaften Aufschwung zu gefährden - denn dann wäre alles verloren, was die Retter bislang erreicht haben. Ohnehin ist die Furcht vor der Inflation überzogen: In den Industrieländern ist die Teuerung derzeit unter Kontrolle.

Und doch stecken die Notenbanker in einem Dilemma: Seit Ausbruch der Finanzkrise sind sie nicht allein für stabile Preise verantwortlich, sie sollen neuerdings auch die Banken sicherer, die Wirtschaft stabiler und die Staatsschulden finanzierbar machen. Diese Ziele stehen im Konflikt zueinander. Etwa dann, wenn die Zentralbank in einem Konjunktureinbruch mit Geld geizt und es in der Folge zu Zahlungsausfällen und einer Bankenkrise kommt. Oder dann, wenn die Notenbank sich mit Rücksicht auf die Politik nicht traut, trotz Inflationsgefahren die Zinsen zu erhöhen. Klug müssen die Währungshüter jetzt ihre alte Aufgabe - Preisstabilität - mit der neuen - Finanzstabilität - ausbalancieren. Der Ausstieg aus der extremen Geldpolitik erfordert viel Geschick und Geduld.

Es war schon mal einfacher, Notenbanker zu sein. Aber auch langweiliger.

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