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Geldpolitik der EZB:Mini-Inflation lässt Experten wieder hoffen

  • Die Inflationsrate in Deutschland liegt im November bei 0,4 Prozent.
  • Noch im September betrug die Preissteigerung null, selbst die niedrige Inflation ist also ein von Ökonomen dringend erwarteter Schritt. Europaweit liegt die Rate aber nach wie vor extrem niedrig auf 0,1 Prozent.
  • Am Donnerstag wird die EZB ihre neue Zinspolitik verkünden, mit der sie das Inflationsziel von 2,0 Prozent erreichen will.

Von Harald Freiberger

Immerhin, ein bisschen steigen die Preise wieder. In Deutschland registrierte das Statistische Bundesamt für November eine Inflationsrate von 0,4 Prozent. "Es geht sachte bergauf", heißt es bei den Statistikern. Im September hatte die Preissteigerung noch bei Null gelegen. Doch die Mini-Inflation ist für Ökonomen immer noch viel zu niedrig, zumal die Rate europaweit nur bei 0,1 Prozent liegt. Schließlich strebt die Europäische Zentralbank (EZB) eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent an.

Woran liegt es, dass die Preise nicht steigen, obwohl die Notenbank die Zinsen seit Jahren nahe Null hält und 2015 die Geldschleusen zusätzlich weit geöffnet hat? "Der Hauptgrund für die niedrige Inflation ist der seit 2014 stark gesunkene Ölpreis", sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ-Bank.

Dieser Effekt werde sich vom kommendem Jahr an legen, so dass er im Euroraum wieder mit einer Inflationsrate von 0,75 Prozent rechnet. Das liegt freilich immer noch deutlich unter der Zielmarke der EZB, und das ist es, was die Notenbanker beunruhigt. Die meisten erwarten, dass sie ihre Prognosen für die Teuerungsrate für 2016 (1,1 Prozent) und 2017 (1,7 Prozent) nach unten korrigieren müssen.

Verbraucher kaufen nicht, Firmen investieren nicht - so entsteht kein Druck auf die Preise

"Ein anderer wichtiger Grund für die niedrige Inflation ist das weltweit schwache Wachstum, vor allem in den Schwellenländern", sagt Bielmeier. Die Nachfrage nach Gütern dort sei gering, deshalb hielten sich die Unternehmen in Europa mit Investitionen zurück. Dadurch entstehe auch kein Druck auf die Preise.

Die EZB hat die Geldschleusen zwar weit geöffnet, doch das Wasser fließt in die falsche Richtung: Nur ein kleiner Teil ihrer Maßnahmen kommt auch in der Realwirtschaft an. "Es entsteht ein Kreislauf, bei dem die EZB immer mehr macht, die Effekte aber nicht größer werden", sagt Bielmeier. Draghi habe daher nicht mehr viele Möglichkeiten. Damit die Preise anziehen, müsste die Weltwirtschaft mehr an Schwung gewinnen. Danach sieht es derzeit aber nicht aus, weil Länder wie China oder Brasilien strukturelle Probleme haben. Sie sind nicht auf die Schnelle zu beheben, es braucht dafür viel Zeit.

Ähnlich sieht es Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank: "Es ist völlig normal, dass es nach dem Platzen einer Finanzblase lange dauert, bevor die Inflation wieder ansteigt", sagt er. Er wirft EZB-Präsident Mario Draghi vor, "das Unvermeidliche nicht zu akzeptieren". Dieser ignoriere die historische Situation. Stellt sich die Frage, warum Draghi dann die Geldpolitik so lockert. Für Chefvolkswirt Krämer sind es die Finanzminister der europäischen Staaten, die Druck ausüben. Denn Staatsanleihekäufe der EZB senken die Schuldzinsen der Euro-Staaten.

Wenn Draghi seine Maßnahmen begründet, verweist er gern auf die Gefahr sinkender Preise auf breiter Front, also einer Deflationsspirale. Sie könnte zu Zurückhaltung beim Konsum und bei Investitionen führen, da Verbraucher und Unternehmen abwarten. Gerade in Deutschland hält man diese Sorge für übertrieben. Bundesbank-Chef Jens Weidmann etwa begründet die niedrige Inflation vor allem mit den niedrigen Ölpreisen, und diese wirkten für Unternehmen positiv und kurbelten die Konjunktur an. Auch Chefvolkswirt Bielmeier sieht die Situation in Europa insgesamt nicht dramatisch. "Das Wachstum ist in Ordnung, und es droht keine Deflationsspirale", sagt er.

© SZ vom 02.12.2015
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