Geldmangel Zwei Drittel der Verbraucher nahmen zuletzt Kredit auf

Viele Autokäufer nutzen einen speziellen Kredit, um sich den Traum vom eigenen Wagen erfüllen zu können.

(Foto: Florian Peljak)
  • Eine Umfrage der Marktwächter Finanzen der Verbraucherzentrale Sachsen zeigt, dass rund zwei Drittel der Verbraucher in den vergangenen fünf Jahren mindestens einen Kredit aufgenommen haben.
  • Besonders viele Menschen greifen auf Darlehen zurück, mit denen sich kurzfristige finanzielle Engpässe überbrücken lassen.
Von Felicitas Wilke

Ihr kaputtes Auto war schuld daran, dass Sabrina B. vor sechs Jahren in den Dispo rutschte - und damit in ein lange währendes Minus auf ihrem Girokonto. "Ich hatte damals nicht genug Geld, um mir einen neuen Gebrauchtwagen zu leisten", erinnert sich die 28-jährige Bremerin.

Ein klassisches Darlehen bekam sie als Auszubildende nicht, doch einen Dispositionskredit mit 1000 Euro Kreditrahmen gestand ihr die Bank zu. Erst kam sie aus den Miesen nicht heraus, weil sie als Azubi damals wenig verdiente, später fand sie sich damit ab, dass das Konto oft schon zur Monatsmitte in den roten Zahlen stand. "Man wird irrational und denkt sich: Ich bin eh schon im Minus, jetzt ist es auch schon egal."

22 Prozent liehen sich Geld für Immobilie

Die kaufmännische Angestellte gehört hierzulande zu einer Mehrheit. Die Marktwächter Finanzen der Verbraucherzentrale Sachsen veröffentlichen an diesem Donnerstag eine Umfrage, die zeigt, dass rund zwei Drittel der Verbraucher in den vergangenen fünf Jahren mindestens einen Kredit aufgenommen haben. Besonders viele Menschen greifen auf Darlehen zurück, mit denen sich kurzfristige finanzielle Engpässe überbrücken lassen. So nutzten 29 Prozent der Befragten einen Dispositionskredit und ließen ihr Girokonto ins Minus rutschen. Gut jeder Vierte nahm die Kreditkarte wörtlich und beanspruchte den eingebauten Kreditrahmen.

Etwas weniger Befragte nahmen einen Kredit für größere Anschaffungen auf. 22 Prozent liehen sich Geld, um eine Immobilie zu finanzieren und jeder Fünfte nahm einen speziellen Autokredit in Anspruch. Etwa jeder Siebte nutze Nullprozentfinanzierungen, die oft in Elektronikmärkten und Möbelhäusern angeboten werden, etwa jeder Achte schloss einen Kredit zur freien Verwendung ab. Dass die Menschen in Deutschland viel auf Pump kaufen, zeigte schon der kürzlich veröffentlichte "Kreditkompass" der Schufa. Demnach stieg die Zahl der neu aufgenommenen Verbraucherkredite im Jahr 2017 erstmals auf mehr als acht Millionen. Der Wirtschaft in Deutschland geht es noch immer gut, die meisten Menschen haben einen Arbeitsplatz und Lust zu konsumieren. Da die Zinsen für Verbraucherkredite zudem noch immer niedrig sind, schmerzt es weniger, sich zu verschulden.

Dass die Befragten besonders oft kurzfristige Darlehen nutzen, erklären sich die Verbraucherschützer mit der Einfachheit: Hat die Bank den Kreditrahmen einmal eingeräumt, lässt er sich unmittelbar nutzen - ohne weitere Anträge unterschreiben zu müssen. Das kann aber auch Gefahren bergen: "Für einige Verbraucher sind diese Kreditarten der Einstieg in eine lang anhaltende Verschuldung", sagt Kerstin Schultz, Teamleiterin beim Marktwächter Finanzen der Verbraucherzentrale Sachsen.

Nutzt man den Dispo nur ein paar Tage lang, fällt die Zinslast kaum ins Gewicht. Auf Dauer aber schon

Wenn das Gehalt später kommt als üblich oder man vergessen hat, dass die Kfz-Versicherung in diesem Monat noch die Jahresprämie abbucht, kann das Konto unerwartet in den Dispo rutschen. Für diese Dienstleistung erheben die Banken höhere Zinsen als bei Ratenkrediten - im Schnitt sind es 8,35 Prozent, wie das Analysehaus Barkow Consulting Anfang des Jahres ausgewertet hat. Nutzt man den Dispo tatsächlich nur ein paar Tage lang, fällt die Zinslast kaum ins Gewicht. Sie liegt bei weniger als einem Euro, wenn man vom durchschnittlichen Zinssatz ausgeht und das Konto für zehn Tage um 400 Euro überzieht. Auf Dauer jedoch ist der Dispo teuer - und für Verbraucherschützerin Schultz deshalb als Finanzierungsvariante "denkbar ungeeignet".

Die Umfrage der Marktwächter Finanzen zeigt aber auch, dass es mehr als 95 Prozent der Kreditnehmer gelingt, ihre Schulden problemlos zurückzubezahlen. Auf ähnlich hohe Zahlen kam auch der "Kreditkompass" der Schufa. Die Gefahr der Überschuldung ist da, sie wird aber für die wenigsten zur Realität.

Auch für Sabrina B. nicht. In den vergangenen sechs Jahren bezahlte sie mehrere Hundert Euro an Zinsen - ein Zustand, der ihr "schon länger auf den Keks ging", wie sie sagt. Irgendwann fing sie an, jeden Abend ihr Portemonnaie auszuleeren und alle Münzen in eine riesige Flasche zu füllen. Sie verkaufte Kleidung, Möbel und Bücher, die sie nicht mehr brauchte und parkte das Geld auf einem Tagesgeldkonto. Um aus dem Minus zu kommen oder gar nicht erst hineinzugeraten, empfehlen Verbraucherschützer und Finanzblogger außerdem, ein analoges oder digitales Haushaltsbuch zu führen. Das kann dabei helfen, unnötige Ausgaben im Alltag zu erkennen und künftig zu vermeiden.

Vor etwa einem Monat löste die Bremerin ihren Dispo ab. Den Kreditrahmen kündigte sie, damit sie erst gar nicht mehr unter null stürzen kann. "Es fühlt sich großartig an, aufs Konto zu schauen und kein Minus zu sehen", sagt sie. Wenn Geld übrig bleibt, legt sie es inzwischen als eiserne Reserve auf ein Sparkonto. Ein kaputtes Auto soll sie nicht noch einmal in die Miesen stürzen.

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