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Geldautomaten:Bares aus der Maschine

Erster Geldautomat in Enflied

Endlich Geld aus der Maschine: Der erste Automat in Enfield 1967.

(Foto: dpa)

Vor 50 Jahren wurde der erste ,,Bankograph" in Betrieb genommen, heute zieht praktisch jeder Kunde Geld, manche sogar mehrmals die Woche. Es gibt 57000 Bargeld-Automaten in Deutschland, und die Zahl steigt weiter.

Von Felicitas Wilke

Luther George Simjian war ein findiger Mann. Als Sohn armenischer Eltern im damaligen Osmanischen Reich, im Libanon und in Frankreich aufgewachsen, wanderte er schließlich als 15-Jähriger zu Verwandten in die Vereinigten Staaten aus. Er erfand eine Frankiermaschine, einen Golfsimulator - und ein Gerät, das den Alltag der Menschen Jahrzehnte später verändern sollte: den Geldautomaten.

Doch wenn die Banken und Bankkunden in diesen Tagen den 50. Geburtstag der Geldausgabemaschine feiern, gedenken sie nur selten der Leistungen des armenisch-amerikanischen Erfinders. Den Bankographen, den er bereits Ende der Dreißigerjahre entwickelt hatte, nutzten vor allem "eine kleine Zahl von Prostituierten und Glücksspielern, die den Kassierern lieber nicht ins Gesicht blicken wollten", wie Simjian selbst zugeben musste. Nach einem halben Jahr baute die New Yorker Bank das einzige Exemplar wieder ab.

Simijan war seiner Zeit offenbar einfach voraus, denn knapp 30 Jahre später kam die Idee bei den Verbrauchern plötzlich blendend an. Der Schotte John Shepherd-Barron brauchte eines Samstags Bares, doch die Bankfiliale hatte bereits geschlossen. Von der Erfindung Simjians wusste er nichts, wohl aber kannte er Automaten, die Schokolade auswarfen - wieso sollte das nicht auch mit Geld funktionieren? Vor 50 Jahren nahm die Filiale der Barclays Bank in Enfield im Norden Londons den ersten Geldautomaten in Betrieb, der auch tatsächlich länger stehen blieb. Die damalige Bankangestellte Carole Greygoose erinnert sich in der britischen Zeitung Telegraph, dass der neue Apparat dermaßen beliebt gewesen sei, dass über das Wochenende oftmals das Geld ausgegangen sei. Man habe am Montag öfters mal ein paar zornige Kunden beruhigen müssen, berichtet sie.

Heute sind Geldautomaten intelligente und vernetzte Geräte, die der Bank melden, wenn die Scheine auszugehen drohen. Doch bis es soweit war und der Geldautomat tatsächlich zum Alltagsgegenstand wurde, dauerte es noch eine Weile. Im Jahr 1968 nahm die Kreissparkasse Tübingen den ersten Geldautomaten Deutschlands in Betrieb, den allerdings nur 1000 ausgewählte Kunden nutzen durften. Erst in den Achtzigern ersetzten die Maschinen tatsächlich zunehmend den Kassierer in der Filiale.

Inzwischen geben hierzulande gut 57 000 Geldautomaten Bargeld aus. Die Banken schließen immer mehr Niederlassungen, die Zahl der Geldautomaten ist dagegen zuletzt weiter leicht gestiegen. Am Schalter lassen sich nur noch die wenigsten Bankkunden ihre Scheine auszahlen - das erledigt verlässlich die Maschine, die 60 Prozent der Menschen hierzulande mehrmals im Monat ansteuern. Ein Drittel zieht dort sogar mehrmals pro Woche Geld. Doch der Geldautomat bekommt Konkurrenz: Weil mancherorts die einzige Maschine abmontiert wird, wenn Banken auf dem Land Filialen schließen, können Verbraucher inzwischen auch in vielen Supermärkten und einigen Tankstellen Geld abheben - an der Kasse, bei einem leibhaftigen Kassierer. Fast wie früher.

© SZ vom 28.06.2017
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