bedeckt München 27°

Geldanlage:Wenn die Börse kopfsteht

Große Investoren haben sich in der Corona-Krise verspekuliert. Sie wetteten auf fallende Kurse - und trieben so die Aktienkurse nach oben.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Die Verwalter von Milliardensummen gelten normalerweise nicht als besonders zimperlich, doch als Milliardär Bill Ackman sich Mitte März vom Fernsehsender CNBC befragen ließ, da fing er beinahe an zu weinen: "Die Hölle kommt", sagte Ackman. Skeptischer als der Profiinvestor konnte man wohl kaum sein, was die Lage der Welt anging - und der Börsen.

Seit jenem Höllentag für die Finanzmärkte sind viele Aktienindizes rund um den Globus wieder mehr als 40 Prozent gestiegen, in atemberaubender Geschwindigkeit, doch viele Investoren blieben in Umfragen zumindest lange auffällig skeptisch. Wie passt das also zusammen? Die Erklärung bringt zumindest manche Marktbeobachter zu einer fast paradoxen Erkenntnis: Ausgerechnet Wetten auf fallende Kurse könnten die Kursjagd an den Märkten ein Stück befeuert haben. "Das sind in dieser Dynamik keine normalen Kursbewegungen mehr", sagt Aktienexperte Daniel Saurenz von Feingold Research.

Wer begreifen will, wie so etwas passieren kann, muss verstehen, wie die Geldprofis Wetten auf fallende Kurse abschließen. Die Hedgefonds-Manager bedienen sich dabei eines cleveren Tricks, sogenannter Leerverkäufe: Wer eine Aktie leer verkauft, geht davon aus, dass ihr Kurs fällt. Er leiht sich Aktien gegen eine Gebühr und verkauft sie an der Börse. Fällt danach der Kurs, kauft er die Aktien später günstiger wieder ein und gibt sie zurück. Der Kursverlust abzüglich der Leihgebühr ist sein Gewinn. Steigt die Aktie aber, macht er Verlust. Er muss die Aktie dann teurer zurückkaufen. Und je höher die Aktien in der Zwischenzeit steigen, desto kostspieliger wird das für ihn. Oft kaufen die eigentlich skeptischen Anleger also irgendwann notgedrungen Aktien, um sie schnell zurückgeben zu können. Bevor sie mehr Geld verlieren.

Genau das scheint seit jenen Tagen des Börsenkrachs Mitte März immer wieder passiert zu sein, so sehen es zumindest die Analyseabteilungen einiger Investmentbanken - und die haben oft intime Einblicke in die Depots ihrer Kunden. Denn als die Märkte im März nach unten rauschten, da sicherten viele Geldprofis ihre Depots ab. Doch als die Börsen dann vom frischen Geld der Notenbanken befeuert wurden, lösten viele diese Leerverkäufe wieder auf. Im Klartext: Sie mussten also Aktien kaufen. "Diese Eindeckungen waren die größten, die wir je in unseren Daten gesehen haben", sagt Marktstrategin Beata Manthey von der Citibank. Ihre Wetten auf fallende Kurse hätten die Aktienprofis allein im April und Mai um 80 Milliarden Dollar zusammenstreichen müssen, konstatieren die Experten. Auch die Marktbeobachter der Bank of America schlagen in dieselbe Kerbe, denn sie befragen jeden Monat mehr als 200 Fondsmanager. Ihre Umfrage gilt als Barometer für die Stimmung unter den Marktteilnehmern mit dem großen Geld. Und gerade im Mai, konstatieren die Banker, hätten Investoren ihre Kollaps-Wetten auch auf europäische Aktien zurückschrauben müssen - und zwar "radikal". Heißt im Umkehrschluss: Weil ihnen die Kurse davongelaufen sind, mussten die Geldprofis irgendwann kaufen.

Computergesteuerte Fonds sollen Gefühle ausschalten, rennen aber oft nur Börsentrends hinterher

Dass viele Fonds offenbar ihre skeptischen Wetten eindampfen, ist zugleich ein Lehrstück über die Verhältnisse in der modernen Finanzwelt. Denn längst nicht mehr überall haben noch Menschen aus Fleisch und Blut das Sagen, immer häufiger lenken heute bereits Maschinen und Computer den Weg von Milliarden an Anlegergeld. Sogenannte Quant-Fonds sollen Gefühle wie Gier und Geiz ausschalten und rein den kühlen Zahlen folgen. Oft rennen sie aber einfach nur bestehenden Trends an der Börse hinterher, denn in der Vergangenheit ließ sich just mit dieser simpel klingenden Strategie gutes Geld machen.

Als die Börsen also immer weiter stiegen, scheinen auch sie einfach dem Trend hinterhergelaufen zu sein - und strichen ihre skeptischen Wetten auf fallende Kurse deutlich zusammen. "Wir schätzen, dass Trendfolger aktuell ihre pessimistischen Positionen schließen", notiert Masanari Takada, Experte für solche Computerprogramme bei der Investmentbank Nomura. Auch diese Programme mussten am Ende also Aktien kaufen. Andere computergesteuerte Fonds bauen Wetten auf fallende Kurse wiederum automatisch ab, wenn es an der Börse ruhiger wird. "Das schickt den Markt in paradoxe Höhen", sagt Börsenkenner Daniel Saurenz von Feingold Research.

Zu vermuten, dass solche Effekte der einzige Faktor für den Börsenboom waren, wäre jedoch übertrieben. "Viele Fondsmanager haben auf dem Weg nach oben sehr ausgewählt gekauft", sagt Hedgefonds-Manager Markus Sievers von Apano, "nicht einfach, weil sie mussten." Aber einen gewissen paradoxen Effekt der Börsenwetten kann selbst der Hedgefonds-Mann nicht leugnen.

© SZ vom 18.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite