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Geldanlage:Untergeschlüpft

Auch in Deutschland sorgten Börsenmäntel schon für Furore. Drei Fälle

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Wirecard: Rückwärts an die Börse

Schon die Börsen-Geschichte des Skandalkonzerns Wirecard begann mit einem Trick: Der inzwischen insolvente Zahlungsdienstleister plante keinen normalen Börsengang, keine neunmonatige Ochsentour bei Investoren, keinen großen Auftritt an der Frankfurter Wertpapierbörse - sondern begab sich über die Hintertür ans Parkett. Der Trick: Wirecard verschmolz mit einer Firma, die schon längst an der Börse notiert war. Reverse-IPO nennen das die Fachleute, einen Börsengang im Rückwärtsverfahren also.

Die Manager des Zahlungskonzerns hatten sich für ihren Börsentrick die einstige Neue-Markt-Firma Infogenie ausgeschaut, die um die Jahrtausendwende eigentlich mit Ratgeberhotlines Geschäft machen wollte. Für 3,63 Mark pro Minute sollten Anrufer auch abends oder am Wochenende Rat zu Steuerfragen, medizinischen Themen oder für Computerspiele erhalten. Doch der Kurs der Hotlinegesellschaft kollabierte schnell, schon 2001 war Infogenie der Deutschen Börse selbst für das damalige Zockersegment Nemax zu klein - sie drohte mit einem Platzverweis. Die Führung des Zahlungsdienstleisters Wirecard jedoch erkannte in der Infogenie ganz eigenes Potenzial: 2005 verschmolz sie ihr eigenes Unternehmen mit der Börsengesellschaft und notierte plötzlich auf dem Kurszettel.

Scherzer: Mit Gold ummantelt

Vasen, Bonbonieren oder Geschirr: Die Porzellanmanufaktur Scherzer aus dem oberfränkischen Rehau war deutschlandweit für ihre kunstvollen Verzierungen bekannt. Bis 1990 produzierte das Unternehmen dort Porzellanwaren, danach lag das Geschäft danieder - bis sich der Finanzinvestor Georg Issels für die Firmenhülle interessierte. Jetzt firmiert seine Beteiligungsgesellschaft unter diesem Namen.

Issels und seine Gesellschaft haben einen Namen unter Börsenkennern, immer wieder hat es der Investor auf kleine Unternehmen in "Sondersituationen" abgesehen. So heißt es im Sprech der Börsianer, wenn Investoren darauf setzen, dass sie eine Aktie günstig kaufen können - und Gewinn machen, wenn ihnen gerichtlich zum Beispiel eine Abfindung zugesprochen wird.

Als Issels die Mehrheit an der Manufaktur erwarb, entdeckte er in den Büchern jedoch etwas Unerwartetes: Scherzer saß noch auf einer stattlichen Menge Blattgold für Porzellanverzierungen im Wert von mehreren Zehntausend Euro.

Germany1: Prominente Angelegenheit

Die Liste der Manager war illuster: Ausgerechnet im Krisenjahr 2008 gründeten der bekannte Berater Roland Berger, Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff und Ex-Banker Florian Lahnstein die Mantelgesellschaft Germany1. Unter der Regie der Deutschen Bank brachten die Wirtschaftslenker ihr millionenschweres Vehikel an die Amsterdamer Börse - und suchten nach einem übernahmereifen Unternehmen. 140 Firmen prüften die bekannten Manager auf Herz und Nieren, schon ein Jahr später kam der Deal: Germany1 kaufte den Solarzulieferer AEG Power Solutions und nahm die Gesellschaft unter ihren Mantel. Über Nacht notierte die Spartengesellschaft des untergegangenen Traditionskonzerns AEG plötzlich an der Börse, der Kurs dümpelte dann jedoch jahrelang zwischen drei und vier Euro je Aktie - für die Investoren wurde der Deal zum Fiasko.

Als die Investmentgesellschaft Nordic Capital die AEG-Gesellschaft kaufen wollte, hätten auch die Investoren ordentlich Kasse machen können. Doch der Finanzinvestor patzte, vergaß in den offiziellen Übernahmeunterlagen Angaben, riskierte Ärger mit der Finanzaufsicht Bafin. In der Nacht zu Karfreitag 2010 ließen die Investoren ihr Kaufangebot fallen. Nur acht Jahre später verschwand die Gesellschaft wieder vom Kurszettel der Börse.

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