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Geldanlage:Unberechenbar

Mit einer Reihe von Kennzahlen taxieren Profis den Wert einer Aktie. Privatanleger können einzelne Papiere dagegen kaum einschätzen. Für sie ist es deshalb besonders riskant, gezielt in Unternehmen zu investieren.

Von Harald Freiberger

Rätsel Aktie: Ihr Kurs steigt und fällt nach oft undurchschaubaren Gesetzmäßigkeiten. Manchmal meint man, nach einer Nachricht müsse der Wert nach oben gehen, doch das Gegenteil passiert. Dann heißt es, die Nachricht sei schon "im Kurs eingepreist" gewesen. Nach welchen objektiven Kriterien lässt sich der Wert einer Aktie also abschätzen? Und was können Privatanleger für sich daraus ableiten?

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis

Abgekürzt als KGV ist es der wichtigste Maßstab, um eine Aktie zu bewerten. Am Ende geht es bei einem Unternehmen um den Gewinn. Je mehr es macht, umso wertvoller ist es, und umso wertvoller ist auch eine seiner Aktien. Das KGV setzt den Kurs ins Verhältnis zum Gewinn pro Aktie, den Analysten für das nächste Jahr erwarten. Ein KGV von zehn heißt: Das Unternehmen braucht zehn Jahre, um den eigenen Börsenwert einmal zu erwirtschaften. Je höher das KGV, umso teurer ist eine Aktie also. Doch der Maßstab ist nicht einheitlich: In den USA ist das KGV traditionell höher als in Deutschland. Und auch zwischen den Branchen gibt es Unterschiede: Wachstumsstarke Unternehmen, zum Beispiel aus der Technologiebranche, haben meist ein höheres KGV als konservative Branchen wie Versicherer. Auch hängt es stark vom Konjunkturzyklus ab. Im Dax gelten Aktien als teuer, wenn das KGV über dem langfristigen Durchschnitt von 15 liegt; derzeit beträgt es rund 13.

Das Kurs-Buchwert-Verhältnis

Es wird abgekürzt mit KBV und setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gesamtvermögen des Unternehmens pro Aktie. Der Buchwert ist ein bilanzieller Begriff, der anzeigt, über wie viel materielles Vermögen das Unternehmen verfügt. Dazu zählen etwa Fabriken (bei Automobilherstellern), Flugzeuge (bei Fluggesellschaften) oder die gesamten eigenen Anlagen einer Bank. Beträgt der Buchwert eins, bedeutet das: Das Unternehmen ist an der Börse genau so viel wert, wie es erlösen könnte, wenn es sein gesamtes Vermögen verkauft. Bei einem KBV von unter eins gilt eine Aktie deshalb in der Regel als billig. Doch auch hier gibt es Unterschiede von Branche zu Branche und von Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus: Ein Industriekonzern hat wegen seiner Anlagen einen höheren Buchwert als ein Technologieunternehmen. Entsprechend liegt das KBV von Daimler derzeit bei 1,3, das von SAP aber bei 4,2. Am niedrigsten ist das KBV bei Banken und Versicherern, die unter dem Kursverfall in der Finanzkrise leiden. Die Deutsche Bank etwa hat gerade noch ein KBV von 0,25.

Illustration: Lisa Bucher

Wert oder Wachstum

Fondsmanager, deren Job es ist, Aktien zu bewerten, operieren häufig mit KGV und KBV. Grundsätzlich haben sich dabei zwei Strategien herausgebildet, um in Aktien zu investieren: Es gibt den "Value-Ansatz" und den "Growth-Ansatz". Der Value-Fondsmanager schaut vor allem auf unterbewertete Aktien, der Growth-Manager auf wachstumsstarke Unternehmen. Ein niedriges KGV kann signalisieren, dass eine Aktie unterbewertet ist. Für Value-Investoren ist das ein starker Anreiz, hier zu investieren. Doch es kann auch signalisieren, dass ein Unternehmen extrem schlecht dasteht, möglicherweise sogar kurz vor der Pleite. Fachleute sprechen dann von der "Value-Falle". Reine Value-Investoren investieren derzeit überdurchschnittlich in die Finanzbranche.

Die Dividende

Die jährliche Ausschüttung an die Aktionäre ist ein wichtiger Faktor für den Wert einer Aktie - gerade in Zeiten des Nullzinses. Die 30 Konzerne im Deutschen Aktienindex schütteten 2016 rund 30 Milliarden Euro aus, die Rendite betrug damit 3,5 Prozent. Marc Tüngler, Chef der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), warnt aber vor dem Satz "Dividende ist der neue Zins". Aktien und verzinste Anlagen seien völlig unterschiedliche Dinge. Anleger sollten die Dividende deshalb auch nicht zum einzigen Kriterium für (grundsätzlich sinnvolle) Aktieninvestments machen. Eine DSW-Untersuchung zeigt zum Beispiel, dass auch die größten Kapitalvernichter an der Börse ordentlich Dividende zahlten.

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Die Konsequenzen

Wie können Privatanleger diese Maßstäbe nun für sich nutzen? Im Einzelnen ist das schwierig. "Kennzahlen können auch blenden", sagt Ali Masarwah von der Fondsratingagentur Morningstar. Ein niedriges KGV muss nicht immer heißen, dass eine Aktie billig ist. Auch vermeintlich sichere Titel wie Eon und RWE, die stets hohe Dividenden zahlten und als Witwen- und Waisenpapiere galten, können abstürzen - so wie nach der politisch gewollten Energiewende. "Jede Branche, jedes Unternehmen hat seine eigenen Risiken", sagt Masarwah. Deshalb sei es grundsätzlich problematisch, auf einzelne Aktien zu setzen. Das spreche für den Fondsgedanken und für eine breite Streuung. "Das größte Risiko geht ein Daimler-Mitarbeiter ein, der auch noch ausschließlich Belegschaftsaktien hält", sagt der Experte.

Trotzdem sollten sich aber auch Privatanleger mit den Kennzahlen beschäftigen - allein schon, weil sie ihren Bankberater dann danach fragen können, wenn er ihnen einen Fonds zum Kauf empfiehlt. Denn dass Aktien langfristig die höchste Rendite abwerfen, ist erwiesen - und das nicht nur in Zeiten des Nullzinses. "Anleger sollten die Aktie als ganz normales, vor allem für Langfristziele geeignetes Investment akzeptieren, das in keinem Portfolio fehlen darf", sagt Anlegerschützer Tüngler. "Es ist schade, dass hierzulande nicht mehr Anleger diese Chance nutzen, langfristig und nachhaltig an den Erfolgen der Wirtschaftsunternehmen zu partizipieren." Aber eben durch Investments in die gesamte Gattung, nicht in einzelne Aktien - auch nicht mithilfe von Kennzahlen.

© SZ vom 29.08.2016
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