Geldanlage Beim Aktiencrash im Februar verloren die Depots der Anbieter vier bis acht Prozent

Scalable vertraut dagegen auf ein anderes Risikomodell. Es richtet sich nach dem sogenannten Value at Risk (VaR), einer Risikokennziffer. Ein VaR von 20 bedeutet zum Beispiel, dass das angelegte Geld mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent binnen eines Jahres nicht um mehr als 20 Prozent fällt. Errechnet wird dies aus den Schwankungen der Märkte in den Wochen davor, also der Volatilität. Ist diese gering, ist nach diesem Modell auch die Wahrscheinlichkeit starker Kurseinbrüche gering. Deshalb hat Scalable die Aktienquote 2017 erhöht, als die Volatilität niedrig war. In einem Portfolio mit VaR 20, also mittlerer Risikoneigung, betrug die Aktienquote Anfang des Jahres 80 Prozent. Und deshalb waren die Scalable-Depots stärker vom Einbruch betroffen als jene anderer Robo Advisors, bei denen die Quote in der Regel bei 50 Prozent festgezurrt ist.

Scalable selbst sieht darin kein Problem. "Man darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen", sagt Erik Podzuweit, einer der Gründer des Marktführers. Ein Vergleichszeitraum von zwei Wochen sei viel zu kurz und willkürlich, um valide Aussagen zu treffen zu können, zumal man am Aktienmarkt langfristig investieren solle. Die Berechnungen von Scalable zeigten, dass das eigene Risikomodell gegenüber dem Rebalancing langfristig in der Mehrheit der Fälle besser abschneidet. Das gelte insbesondere für lang anhaltende Einbrüche am Aktienmarkt wie nach 2000 und 2008.

Das Risikomodell von Scalable reagierte laut Podzuweit auch auf den Einbruch vom Februar, sobald sich der Markt auf ein höheres Risikoniveau eingependelt hatte: Die Aktienquote bei Portfolios mit einem VaR von 20 wurde von 80 auf mittlerweile 50 Prozent gesenkt. Auch der Unterschied bei der Rendite gegenüber anderen Robo Advisors sei inzwischen deutlich geringer als in den untersuchten zwei Wochen. Podzuweit ist weiter überzeugt, dass sein Risikomodell dem Rebalancing überlegen ist. Dies belegten auch zahlreiche Studien.

Das Institut für Vermögensaufbau hat, inspiriert durch den Einbruch im Februar, ebenfalls eine Studie gemacht: Es wählte aus dem Dax-Verlauf der vergangenen 60 Jahre zufällig 100 000 Zeitintervalle von einem, drei oder zehn Jahren aus und maß die Wertentwicklung von zwei Modellen: einem Rebalancing-Modell und einem anderen, das sich an der Volatilität orientiert wie Scalable. Das Ergebnis: Auf Sicht von einem Jahr sind die Resultate der beiden Strategien noch relativ ähnlich. Bei zehn Jahren Haltedauer ist das Rebalancing-Modell jedoch deutlich besser. Das Risiko, mehr als zehn Prozent zu verlieren, kommt dabei zum Beispiel nicht mehr vor - beim Volatilitäts-Modell dagegen schon.

Welches Risikomodell ist besser? Das hängt davon ab, ob Einbrüche künftig kurz oder lang anhalten

Beck interpretiert das Ergebnis so, dass kleinere, plötzliche Markteinbrüche - so wie Anfang des Jahres - für die Steuerung über Volatilität ein Risiko sind, da sie sich summieren können. Dauere eine Krise lange, könne sich dieses Modell aber darauf einstellen und die Aktienquote senken. "Ob Krisen in Zukunft eher kurz und heftig oder lang gezogen und nachhaltig sind, weiß aber niemand", sagt Beck. Deshalb könne man auch nicht sagen, dass die Steuerung über Volatilität dem Rebalancing überlegen sei.

Auch Stefan May, Finanz-Professor an der Hochschule Ingolstadt, ist überzeugt, dass es keinen linearen Zusammenhang zwischen Kursschwankungen und der Entwicklung der Märkte gibt. "Es steht zwar fest, dass sich die Märkte in Phasen mit hoher Volatilität wahrscheinlich auch in Zukunft stark bewegen", sagt er. Das Problem sei aber, dass man nicht wisse, in welche Richtung. Sie könnten genauso gut steigen wie fallen. Es gebe keine Studie, die beweise, dass sich durch den Versuch eines richtigen Timings am Aktienmarkt systematisch Wertschöpfung erzielen lasse.

"Es beunruhigt mich, wenn Investoren suggeriert wird, dass man Rendite ernten kann, ohne Risiken einzugehen", sagt May, der auch den Robo Advisor Quirion berät. Man werbe Kunden mit dem Argument, dass man aus dem Markt rausgehe, bevor es zu Verlusten komme. In der Realität könne das aber niemand timen, wie auch der Einbruch vom Februar gezeigt habe. May ist davon überzeugt, dass es sich um ein systemimmanentes Risiko handelt, Scalable-Kunden könnten noch öfter negative Erfahrungen machen. Er glaubt, dass der Robo Advisor der Aktienkultur in Deutschland damit "einen Bärendienst erweist".

Für Institutsleiter Beck beweist der Crash vom Jahresanfang, dass Robo Advisor das Rad nicht neu erfunden haben. "Sie haben dieselben Probleme wie die Fondsbranche auch, nämlich dass man Risiko und Chance nie voneinander trennen kann", sagt er. Beck sieht Robo Advisors lediglich als neuen Vertriebsweg - der aber deutlich günstiger sei als traditionelle und deshalb seine Berechtigung habe.

Geldanlage und Finanzen Was macht ein Roboter aus 30 000 Euro?

Automatisierte Geldanlage

Was macht ein Roboter aus 30 000 Euro?

Die SZ testete drei Anbieter, die automatisch über Algorithmen das Geld der Kunden anlegen.   Von Harald Freiberger