Geldanlage:Keine Angst vor Aktien

Handtasche in britischen Farben

Der Brexit kann neue Finanzierungshürden bringen.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Viele Sparer trauen sich nicht an Fonds heran. Neue Regulierungsvorschriften für die Branche sollen nun für mehr Transparenz und Verbraucherschutz sorgen.

Von Norbert Hofmann

Was herauskommt, wenn sich Optimismus mit Skepsis paart, lässt sich derzeit gut bei den deutschen Sparern beobachten. Laut dem jüngsten Anlagebarometer der Fondsgesellschaft Union Investment erwarten zwei Drittel von ihnen in den kommenden fünf Jahren ein stabiles oder sogar noch besseres wirtschaftliches Umfeld als heute. Die große Mehrheit ist auch überzeugt, dass Aktionäre weiter von der guten Lage profitieren. Für mehr als die Hälfte ist das jedoch kein Grund, selbst Aktien zu kaufen.

Auch viele ausländische Anbieter tummeln sich auf dem deutschen Markt

Eine Alternative für Anleger, die sich nur zögerlich an den Kapitalmarkt trauen, bieten Investmentfonds. Sie streuen das ihnen anvertraute Geld auf eine Vielzahl von Wertpapieren und Sachwerten. Fondssparpläne bieten zudem die Möglichkeit, mit kleineren Beträgen regelmäßig einzuzahlen und das Risiko damit auch zeitlich zu streuen. Diese Vorteile nehmen zwar viele Bundesbürger schon wahr. Andere sind jedoch skeptisch, oft aus Unkenntnis. So weiß ein relativ großer Teil der Anleger nicht, dass sie bei Bedarf immer an ihr Geld kommen und Fondssparpläne keine feste Laufzeit haben. "Das diffuse Wissen über Fonds verhindert leider, dass sie noch mehr zur Wohlstandssicherung beitragen können", sagt Giovanni Gay, Geschäftsführer bei Union Investment.

Dennoch wächst das Interesse. Im Juli etwa haben Aktienfonds bei einem Volumen von 4,5 Milliarden Euro die höchsten Mittelzuflüsse seit 2001 erreicht. Insgesamt sind den in Deutschland zugelassenen Publikumsfonds in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 43 Milliarden Euro zugeflossen. Gefragt waren vor allem Mischfonds. Anleger haben damit die Möglichkeit, Aktien mit anderen Anlageklassen wie Anleihen oder Immobilien zu mischen, wobei Fondsmanager das Risiko aktiv managen. "Diese Fonds bauen dem Anleger, der nach Telekom-Aktie, Technologieblase und Eurokrise vor reinen Aktienanlagen zurückschreckt, eine Brücke zu renditestarken Anlageklassen", sagt Frank Bock vom Fondsverband BVI.

Noch stärker legen schon seit einigen Jahren die Spezialfonds für institutionelle Anleger wie Versicherungsgesellschaften, Vorsorgewerke und Pensionskassen zu. Sie stehen heute für mehr als die Hälfte des gesamten von der Branche verwalteten Vermögens in Höhe von 2,9 Billionen Euro. Lebensversicherer etwa legen rund ein Drittel ihrer Kapitalanlagen in solchen Spezialfonds an. Damit profitieren die Bundesbürger auch auf diesem Weg indirekt von den Leistungen der Fondsbranche.

Der Markt bietet ein breites Leistungsspektrum, zu dem traditionsreiche große Kapitalanlagegesellschaften ebenso beitragen wie kleine Investmentboutiquen. Die zur Deutschen Bank gehörende Deutsche Asset Management hat gemessen am verwalteten Vermögen einen Marktanteil von 26 Prozent. Allianz Global Investors, die genossenschaftliche Union Investment und die DekaBank Gruppe aus dem Sparkassensektor folgen mit jeweils 14 bis 15 Prozent. Sie erreichen allein schon durch ihre starken Vertriebsnetze viele Kunden und weisen je nach Produkt auch häufig gute Wertentwicklungen vor. Dennoch gibt es genügend Marktchancen für Wettbewerber. "Auch wenn ein Anbieter über eine große Fondspalette verfügt, muss er nicht zwangsläufig immer gut sein", sagt Morningstar-Analyst Ali Masarwah.

Verbraucher können aus einem Angebot von tausenden Fonds wählen. Auch ausländische Anbieter mischen mit. "Der grenzüberschreitende Vertrieb läuft sehr gut, viele ausländische Fonds belegen in unserem europäischen Vergleich die vorderen Plätze", sagt Masarwah. Anbieter wie Blackrock, Fidelity, Invesco, Jupiter, Threadneedle oder Robeco haben sich am deutschen Markt einen guten Ruf erworben und können ihre internationale Expertise in die Waagschale werfen.

Neue Herausforderungen bringen der Brexit und die Regulierung. Die Europäische Bankregulierungsbehörde EBA will in den kommenden Tagen laut der Nachrichtenagentur Reuters Leitlinien für Banken veröffentlichen, die im Zuge des Brexit Geschäfte aus Großbritannien verlagern. Die EBA habe eine Reihe von Bereichen identifiziert, in denen eine einheitliche Regulierung und Aufsicht in allen der verbleibenden 27 EU-Mitgliedsstaaten nötig sei, sagte EBA-Chef Andrea Enria dem Europäischen Parlament. Mit den neuen Leitlinien will die EBA verhindern, dass die Aufseher in Frankfurt, Paris, Amsterdam oder anderen Orten britische Institute mit Zugeständnissen anlocken. Ähnliche Leitfäden der europäischen Wertpapier- und Marktaufsicht ESMA haben bei Vermögensverwaltern in London bereits die Alarmglocken schrillen lassen. Sie fürchten, dass sie nach dem Brexit keine Fonds mehr verwalten können.

Am Zugang britischer Fondsanbieter zum deutschen Markt dürfte auch der Brexit jedoch wenig ändern. Schon jetzt ist zwar davon auszugehen, dass es den sogenannten EU-Pass für den Vertrieb britischer Fonds nach Abschluss der Verhandlungen nicht mehr geben wird. Wie das Beispiel Schweiz zeigt, kann aber auch der grenzüberschreitende Vertrieb mit Drittstaaten gut funktionieren. Zudem haben nicht wenige britische Fondsgesellschaften Niederlassungen in Deutschland oder legen Produkte für den europaweiten Vertrieb in Luxemburg oder Irland auf, wo der EU-Pass weiterhin gilt.

Künftig müssen Finanzvermittler offenlegen, ob sie unabhängig beraten

Sparer in der EU profitieren schon bald von den neuen Vorschriften zum Anlegerschutz. Dafür sorgt die EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente, kurz Mifid II genannt, die ab dem 3. Januar 2018 mit verschärften Regeln für den Vertrieb in Kraft tritt. Finanzvermittler müssen dann europaweit unter anderem offenlegen, ob sie unabhängig beraten oder auf Provisionsbasis tätig sind. Die Kapitalanlagegesellschaften sind zudem verpflichtet, den Zielmarkt ihrer Produkte zu bestimmen, die Kosten transparent zu machen und zu verdeutlichen, für welche Anleger ein Produkt geeignet ist. Die Branche muss nun zum Beispiel auch über die Transaktionskosten für die vom Fonds getätigten Wertpapierkäufe- und verkäufe informieren.

Nicht zuletzt bringt die Anfang 2018 in Kraft tretende Investmentsteuerreform komplexere Anforderungen für die Anbieter mit sich (siehe auch Beitrag unten). Wurden Ausschüttungen des Fonds und Gewinne aus dem Verkauf von Fondsanteilen bislang direkt beim Anleger besteuert, so greift der Fiskus ab 2018 auch schon auf Fondsebene zu. Als Ausgleich für die Belastungen beim Fonds bleibt ein Teil der Ausschüttungen und Verkaufsgewinne von der Abgeltungsteuer verschont.

© SZ vom 12.10.2017
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