Süddeutsche Zeitung

Geldanlage:Kauft Aktien!

Zinsen auf Tagesgeld gibt es kaum noch - trotzdem scheuen die Deutschen jedes Risiko bei der Geldanlage. Das ist ein Fehler.

Die Zinsen auf Tagesgeld nähern sich der Nullkommanullnull. Gerade haben zwei große Direktbanken ihren Satz nochmals gesenkt; Bestandskunden erhalten nur noch 0,01 Prozent pro Jahr. Wer 5000 Euro anlegt, kassiert nach zwölf Monaten lausige 50 Cent Zinsen. Berücksichtigt man die Inflation, die zuletzt bei rund 1,5 Prozent lag, dann steht fest: Das Geld der deutschen Sparer schmilzt dahin. Ruhig schlafen können, das ist für viele das Hauptargument, wenn sie ihr Geld in konservative Produkte stecken. Dabei sollte es ihnen den Schlaf rauben, wenn das Ersparte Monat für Monat an Wert verliert. Sie müssen ernsthaft über Alternativen nachdenken. Das ist leichter denn je.

Bislang sparen die Menschen in Deutschland paradox: Für etwas höhere, aber immer noch mickrige Zinsen tragen sie ihr Tages- und Festgeld nach Estland oder Bulgarien und riskieren im Pleitefall, dass die europäische Einlagensicherung nicht ausreichend greift. Im Fall der estnischen Versobank, der wegen Verwicklungen in kriminelle Machenschaften die Lizenz entzogen worden war, scheint alles gut zu gehen. Doch wer für 1,6 Prozent Zinsen Nervenkitzel in Kauf nimmt, sollte für das durchschnittlich Vierfache an Rendite auch mal mit Kursschwankungen leben können - und den Aktienmarkt (wieder) für sich entdecken.

Vor gut 20 Jahren haben Millionen von Anlegern hierzulande schon einmal zu Aktien gegriffen und fürchten die Wertpapiere heute genau deshalb wie der Teufel das Weihwasser. Am Neuen Markt verloren viele Menschen viel Geld, weil sie auf Unternehmer hereinfielen, die ihnen große Versprechungen machten, aber sich später als Betrüger entpuppten. Doch die Fehler von damals lassen sich heute leichter denn je vermeiden. Wer in Aktien investieren will, muss sich nicht einzelne Unternehmen herauspicken, sondern kann in einem Aufwasch Anteile an verschiedenen Firmen aus den unterschiedlichsten Branchen erwerben. Passive Indexfonds helfen inzwischen dabei, das Risiko breit zu streuen - und Verluste zu begrenzen, wenn eine Branche - wie damals der Technologiesektor - abstürzt.

Ein Depot kann jeder rasch online eröffnen

In diesen Tagen blicken Anteilseigner zwar besorgt auf die Kurse, nachdem US-Präsident Donald Trump einen Handelskonflikt angezettelt hat. Und es stimmt ja: Wie sich seine Politik künftig auf die Märkte auswirken wird, weiß keiner. Was man aber weiß: irgendwas war immer. Kriege, Ölkrisen, eine platzende Dotcom-Blase und die jüngste Finanzkrise haben nichts daran geändert, dass Aktien über Jahrzehnte hinweg eine Rendite von sieben Prozent im Schnitt erwirtschafteten. Im Schnitt, das heißt, dass darunter neben glänzenden Jahren auch schlechte mit negativer Rendite waren. Das bedeutet, dass der finanzielle Notnagel für die neue Waschmaschine auch weiterhin aufs Tagesgeldkonto muss. Als langfristige Geldanlage lohnen sich Aktien - nicht nur, aber insbesondere für junge Menschen, die über Jahrzehnte Kapital ansammeln wollen.

Dass es zu kompliziert sei, sich mit Aktien zu befassen, gilt nicht als Ausrede. Ein Depot kann jeder online in ein paar Minuten eröffnen und breit diversifizierte Indexfonds sind für Faule prädestiniert. Denn ihr Sinn besteht genau darin, sie lange zu halten und zwischenzeitliche Verluste auszusitzen. Wer darüber hinaus Freude an Aktien findet, hat auf unzähligen Blogs und in Foren die Chance, sich über Einzelwerte zu informieren. Blind vertrauen sollte man Tippgebern heute genauso wenig wie zu Zeiten des Neuen Markts. Aber sich aktiv mit den eigenen Finanzen zu beschäftigen, ist allemal mehr wert, als weiterhin alles Ersparte in Tages- und Festgeld zu stecken. Dort gibt es derzeit vor allem eine Garantie: Das Geld wird mit Sicherheit weniger.

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SZ vom 07.04.2018/been
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