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Geldanlage:Geldtherapie

In der Corona-Krise sind die Risiken hoch. Sparer sollten jetzt vor allem Ruhe bewahren. Wer übereilt Verträge kündigt, kann Verluste machen.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Die Corona-Krise bedroht nicht nur die Gesundheit, sondern auch Sparguthaben und Vermögenswerte. Menschen, die von Einkommenseinbußen durch Kurzarbeit, Auftragsausfällen oder gar Arbeitslosigkeit betroffen sind, müssen bereits auf Reserven zurückgreifen. Zeitgleich gilt es die teils über Jahrzehnte in Fonds, Lebensversicherungen und Sparbüchern aufgebaute Altersvorsorge vor Wertverlust zu schützen.

Die Risiken für die Geldanlage bleibenhoch. Das tatsächliche Ausmaß der Wirtschaftskrise ist noch gar nicht abschätzbar. "Die Situation ist nicht mit der Finanzkrise vergleichbar. Es ist ein riesiger Unterschied, da nun nicht nur der Finanzsektor, sondern die gesamte Realwirtschaft mit massiven Produktionsausfällen betroffen ist. Im Moment weiß niemand, wie sich das weiterentwickelt", sagt Marc Oliver Rieger, Professor für Bank- und Finanzwirtschaft an der Universität Trier.

Sparer können ihr Kapital gezielt schützen. Dafür heißt es zunächst Ruhe zu bewahren. Der Großteil des Geldes deutscher Sparer - und das sind laut Bloomberg immerhin 2,4 Billionen Euro - liegt auf Girokonten, Tages- und Festgeldkonten oder Sparbüchern. Dort sind die Guthaben durch die gesetzliche Einlagensicherung und zusätzlich durch freiwillige Sicherungssysteme heimischer Banken und Sparkassen bis zu 100 000 Euro geschützt. Diese gesetzliche Garantie gilt im Fall einer Bankenpleite pro Kopf und Institut. Die Einlagensicherung schützt Erspartes EU-weit, doch raten Finanzexperten bereits seit Jahren bei der Wahl ausländischer Institute zur Vorsicht.

Breit gestreute Aktien-ETF sind attraktiv, wenn man Abstürze durchhält

Finanztest-Projektleiter Yann Stoffel empfiehlt Sparern, die nun Kapital sicher auf Sparkonten parken wollen, vor allem zu Geldhäusern aus Ländern, die solide und groß sind. "Dass alleine die Landesgröße nicht ausschlaggebend ist, wird unter anderem bei Italien deutlich. Dessen Anleihen werden teilweise nur noch eine Stufe über "spekulativ" eingestuft. Sparer mit Geld bei einer italienischen Bank sollten diese Anlage überdenken," sagt Stoffel. Die Nervosität der Anleger in der Pandemie hat sich im Börsencrash gezeigt, die Kapitalflucht ließ die Kurse hierzulande am 19. März um bis zu 40 Prozent abstürzen. Dies hat Privatanlegern schmerzhafte Verluste beschert und viele zum raschen Verkauf ihrer Wertpapiere veranlasst. "Panikverkäufe sind in der Regel immer schlecht. Vorher gewählte Anlagestrategien sollten nicht so einfach über den Haufen geworfen werden. Wer langfristig Vermögen aufbauen will, sollte seine Aktien oder -fonds halten", sagt Stoffel. Anleger sollten prüfen, ob das Gesamtportfolio mit seinem Aktienanteil noch der eigenen Risikobereitschaft entspricht. Dies gilt vor allem auch für risikoreichere Investitionen in Einzelaktien, die von der Corona-Krise besonders betroffen sind wie die Reise- oder Luftfahrtbranche. Wer jetzt oder absehbar Geld braucht und aussteigen muss, sollte wenn möglich nicht das komplette Depot auf einmal auflösen, sondern schrittweise etwa jeden Monat einen Teil verkaufen. Dies minimiert das Risiko, eines schlechten Verkaufszeitpunkts. Rieger rät von Einzelaktien generell ab. Sind verlustreiche Papiere schon mal im Portfolio, könne es ein probater Mittelweg sein, die Hälfte der Aktien zu verkaufen und breit gestreut zu investieren, und mit der anderen Hälfte auf eine Erholung zu hoffen.

Während der Talfahrt der Aktienmärkte flüchteten Börsianer und institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Versicherungen in Anleihen als scheinbar sicheren Hafen. "Für Anleger sind Anleihen, egal ob von Staaten oder Unternehmen, aber nicht risikolos. Falls die Leitzinsen steigen, sinken die Kurse und umgekehrt. Da sind Tages- und Festgeld für Privatanleger oft attraktiver", sagt Stoffel. Mehr Sinn für Sparer mit langfristiger Perspektive macht eine Umschichtung in breitgestreute Anlagen wie Indexfonds, die eine Wertentwicklung eines Aktienindex nachbilden und kostengünstig sind. Experten bleiben bei ihrer Empfehlung für Aktien zur langfristigen Vorsorge. "Wenn ich 50 000 Euro in Aktien angelegt habe und nun 5000 Euro weg sind, gehe ich in zehn Jahren vermutlich noch immer mit einem guten Gewinn raus", sagt Finanzprofessor Rieger. In diesem Sinn sei jetzt auch ein guter Zeitpunkt, einzusteigen - vorausgesetzt man kann künftige Abstürze durchhalten. "Allerdings rate ich, nicht alles auf einmal anzulegen, sondern in Etappen. Konservative und langweilige Dinge wie breit gestreute ETF (Exchange Traded Funds) wie auf den MSCI World sind für die allermeisten die beste Wahl", sagt Rieger. Eine gute Orientierung gibt das Pantoffelportfolio von Finanztest, das je nach Risikoprofil eine fixe monatliche Sparrate in Festgeld und Aktien-ETF investiert.

Auch Renten- und Fondspapiere sollten nicht voreilig gekündigt werden. Erst recht nicht, wenn die eigene Altersvorsorge damit bereits über Jahre aufgebaut wird. Denn gerade die Altverträge von Renten- und Lebensversicherungen, die vor der Jahrtausendwende abgeschlossen wurden, sind mit hohem Mindestzins von bis zu vier Prozent heute unschlagbar. Zudem wurden die Kosten großteils schon zu Vertragsbeginn abgedeckt. Bei jüngeren Verträgen macht eine individuelle Bewertung Sinn, Verbraucherzentralen geben da Rat.

Muss die Sparrate wegen finanzieller Engpässe angepasst werden, ist die vorübergehende Beitragsfreistellung eine Option, auch bei Riester-Verträgen. "Das gebildete Kapital bleibt garantiert, aber Kosten können weiterlaufen. Wer aber kündigt und sich das Guthaben auszahlen lässt, verliert bisher gewährte Zulagen und hält eventuell weniger zurück, als er bisher eingezahlt hat", so Finanztest-Experte Stoffel.

© SZ vom 28.05.2020

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