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Geldanlage für Frauen:Dame ist Trumpf

Allgemeine FinMarie-Bilder. Urheberrecht: FinMarie.
Gründerinnen

Caroline Bell und Karolina Decker von FinMarie wollen die Finanzanlage weiblicher machen.

(Foto: FinMarie)

Das Unternehmen FinMarie berät Frauen bei der Finanzplanung. Warum gemeinsame Kartenspiel­abende dabei helfen.

Das Onlineportal FinMarie bietet Finanzberatung, die sich vornehmlich an Frauen richtet. Den Gründerinnen geht es nicht um pinke Produkte, sondern um die Unabhängigkeit weiblicher Kunden.

Zu den Vorwürfen, denen sich männliche Finanzberater stellen müssen, gehört ihr vermeintlicher Mangel an Flexibilität. Nach Ansicht vieler Frauen sind männliche Berater offenbar nicht in der Lage, explizit weibliche Belange bei ihrer Tätigkeit zu berücksichtigen. "Frauen haben längere Entscheidungsprozesse, speziell wenn sie sich neu mit einer Materie beschäftigen. Das findet bei der Beratung aber so gut wie keine Beachtung. Stattdessen haben Frauen zu oft das Gefühl, ihrem Gegenüber ginge es nur um dessen Provision", sagt Karolina Decker. Die 35-Jährige kennt sich gut aus in der Finanzbranche. Mehr als zehn Jahre arbeitete sie für verschiedene Banken, ehe sie 2018 mit der Onlineplattform FinMarie ihr eigenes Konzept in der traditionellen Männerdomäne Vermögensverwaltung verwirklichte.

FinMarie ist eine Mischung aus klassischer Finanzberatung und digitalisierter Vermögensanlage. Die Plattform bietet das persönliche Gespräch und eine enge Begleitung durch den Vorsorge-, Steuer- oder Versicherungsdschungel. Dazu bietet es die Möglichkeit, Kapital nach bevorzugter Risikoklasse in einem automatisierten Prozess in börsengehandelte Fonds (Exchange Traded Funds, ETF) oder Mischfonds anzulegen. Dafür kooperiert Finmarie mit dem Robo Advisor Growney, der passive Anlage in ETF bietet, und seit wenigen Wochen auch mit der elektronischen Handelsplattform Vividam, ein Anbieter aktiver Anlage in ausschließlich nachhaltige Werte. FinMarie stellt die Portfolios zusammen und wickelt die Depotgebühren ab. Bei Growney sind es 0,3 bis 0,99 Prozent, bei Vividam 1,3 Prozent.

Was das Angebot von FinMarie auf dem wachsenden Markt der Robo Advisors von anderen Anbietern unterscheidet, ist, dass es sich vornehmlich an Frauen richtet. Klischees sollen dabei aber nicht als Marketingwerkzeuge zur Anwendung kommen. "Es geht uns nicht darum, pinkfarbene Produkte auf den Markt zu bringen, um weibliche Kunden anzusprechen. Wir wollen die besonderen Bedürfnisse der Frauen ansprechen, indem wir ihre jeweilige Lebenssituation genau in Betracht ziehen", sagt Decker.

Häufig sind Frauen in einer Doppelrolle als berufstätige Mutter. Zudem erzielen sie die geringeren Gehälter und Rentenansprüche im Vergleich zu Männern. Auch finden sich Frauen häufig nach Scheidung oder Trennung in schwieriger finanzieller Lage, weil sie jahrelang in ihrer Beziehung zurücksteckten, während der Mann sich beruflich weiter entwickeln konnte. Doch Gründerin Decker weiß, dass auch Männer durchaus mit vergleichbaren Problemen konfrontiert sein können, wenn die klassischen Rollen in einer Partnerschaft getauscht wurden. Mancher Mann bleibt zuhause und kümmert sich um die Kinder, weil eben die Frau mehr Geld verdient. Deshalb gilt: "Wir schließen Männer nicht aus von unserem Angebot. Im Gegenteil haben wir auch männliche Kunden. Aber was wir in erster Linie wollen, ist, Frauen zu unterstützen, finanziell unabhängig zu werden."

Nicht ewig aufschieben, sondern die eigene Finanzplanung anpacken

Dazu muss FinMarie viel Basisarbeit leisten. Frauen seien zwar häufig mit der Organisation des Alltags und dem privaten Finanzplan bestens vertraut, doch ihr Interesse an komplizierter Geldanlage ist meistens überschaubar. Auch viele Männer haben von ETF vielleicht noch nie etwas gehört. Doch sie sind es, die mit der Werbung der Finanzbranche meist konkret angesprochen werden: ein Mann, ein Laptop, ein Slogan. Frauen dagegen spielen für die Branche eine eher untergeordnete Rolle, weswegen ihnen latent das Gefühl vermittelt wird, strategische Geldanlage sei nichts für sie.

In der Regel dauert eine Honorarberatung bei FinMarie zwei Stunden. Den Preis von 300 Euro bezeichnet Decker jedoch als Flatrate, weil viele Kundinnen um Folgetermine bitten würden, um mehr Details nachzufragen oder Unklarheiten noch einmal zu besprechen. Decker hat festgestellt, dass vielen Kundinnen die Grundlagen fehlen, um sich selbständig mit der Anlage ihres Kapitals zu beschäftigen. Wenn Frauen erst einmal die Sicherheit gewonnen hätten, dann seien sie bei der Geldanlage nicht weniger erfolgreich als Männer, so Decker. Einige Kundinnen würden nach der Beratung die Zusammenstellung ihres Portfolios dann auch in Eigenregie übernehmen.

Die Herausforderung für einen Anbieter wie FinMarie ist es, dass Frauen oft ein grundsätzliches Bewusstsein für die Dringlichkeit einer Finanzplanung fehlt. Um das zu ändern, bietet FinMarie zusammen mit Partnerorganisationen Seminare an, die aufklären sollen. Das Frauen-Netzwerk Mind the Gap hat Karolina Decker mit anderen Frauen selbst gegründet. Es will Aufmerksamkeit schaffen für die Nachteile weiblicher Arbeitnehmer. Auch mit Panda, eine Organisation, die gesellschaftliche Strukturen fördern will, in denen mehr Führungspositionen mit Frauen besetzt werden, kooperiert Finmarie.

Manche Veranstaltungen tragen drastische Namen wie "Unfu*ck your Finances - Für die Zukunft sicher aufgestellt". Andere Titel sollen die Hemmschwelle zur Teilnahme senken: "Geldanlagen Basics & warum Sie jetzt ein richtig gutes Mindset dafür brauchen!" Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 26 Veranstaltungen mit bis zu 90 Teilnehmerinnen. Schon 2018 organisierten die Gründerinnen in Berlin zudem eine Konferenz mit 350 Gästen.

Der Corona-Lockdown hat das Geschäftsmodell von FinMarie zunehmend ins Digitale verlagert. Das gilt für die Beratung wie für Seminare oder Workshops. Pausieren müssen allerdings die Pokerrunden für bis zu 20 Damen, die sich Decker und FinMarie-Mitgründerin Caroline Bell ausgedacht haben. Die Idee dahinter ist es, die Fähigkeit und den Mut zu entwickeln, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen und sie effizienter zu gestalten. Die Pokerrunde duldet keine ewigen Aufschübe, sie verlangt nach klaren Bekenntnissen.

Decker selbst hat Rationalität in die Wiege gelegt bekommen, die ihr hilft, ihren Alltag und ihre Finanzen klar zu strukturieren. "Meine Eltern haben mir früh deutlich gemacht, dass gute Bildung die Grundlage ist für einen guten Job, in dem man gutes Geld verdienen kann", sagt sie. Ihr Interesse an der Mathematik ließ sich bestens vereinen mit einer Laufbahn in der Finanzindustrie. Ihr lag auch schon ein Angebot aus Frankfurt vor, dennoch entschied sich die Polin 2012 aus Warschau nach Berlin zu ziehen. Der Grund war emotionaler Natur: Liebe. Im Vergleich zur Geldanlage war dieser Aspekt des Lebens für Karolina Decker weniger planbar.

© SZ vom 10.06.2020

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