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Geldanlage:Für eine Handvoll Cent

Bei einem neuen digitalen Anbieter können Anleger schon mit kleinen Beträgen für ihr Alter vorsorgen. Das soll eine jüngere Zielgruppe ansprechen.

Von Marcel Grzanna

Der Markt der automatisierten Geldanlage wendet sich zunehmend einer jüngeren Zielgruppe zu. Neuste Angebote der Robo Advisor öffnen das Tor zum Vermögensaufbau bereits bei Kleinstbeträgen.

Seriöse Geldanlage von der heimischen Wohnzimmercouch aus? Die Idee ist nur eine logische Konsequenz der revolutionären Kräfte der Digitalisierung. In Zeiten, in denen Bestell- und Lieferdienste, Onlineportale und soziale Medien den Grad häuslicher Bequemlichkeit auf ein Allzeithoch geschraubt haben, sollte es auch möglich sein, seine Vermögensverwaltung komplett von zu Hause aus zu organisieren. Tatsächlich besteht das Angebot schon seit einigen Jahren.

Illustration: Stefan Dimitrov

Robo Advisors übernehmen den Job, den normalerweise Bankberater oder Vermögensberater anbieten. Sie verschaffen sich zuerst einen Eindruck vom finanziellen Hintergrund des Kunden, ermitteln dann dessen Risikobereitschaft, stellen schließlich ein Portfolio zusammen, von dem sie sagen, es sei exakt abgestimmt auf das Kundenprofil, und kümmern sich verlässlich um die Anlage des Kapitals. Alles passiert automatisch in einem intimen Prozess zwischen Mensch und Maschine, für die ein Algorithmus als Vermittler wirkt.

Kein Wunder also, dass der Markt für diese Technologie kontinuierlich wächst. Aber dass er bereits die Dynamik entwickelt hätte, die andere Dienstleistungen erlebt haben, seit Mobiltelefone und Computer das persönliche Gespräch ersetzen, lässt sich noch nicht behaupten. Es ist ein zähes Ringen der wenigen Dutzend Anbieter in Deutschland um die Gunst der bislang noch vergleichsweise überschaubaren Zahl an potenziellen Nutzern. Der deutsche Markt ist aber auch kein leichter. Das gesamte Anlagekapital im Land steckt zu deutlich unter zehn Prozent in Aktien. Das bedeutet, dass riesige Summen, die in anderen Ländern in Unternehmensanteilen oder Anleihen schlummern, in Deutschland am Geschäftsmodell der Robos vorbeifließen. Denn Robos investieren in der Regel das Geld in börsengehandelte Fonds, Exchange Traded Funds, kurz ETF, die ein breit gestreutes Investment in Aktien, Anleihen und andere Anlageklassen wie etwa Rohstoffe ermöglichen.

Eine Studie ergab, dass der typische Robo-Kunde im Schnitt 48 Jahre alt ist und ein Jahreseinkommen von mehr als 50 000 Euro erzielt. Je nach Anbieter kann das Profil des Investors auch ein höheres Alter ausweisen. Das Problem mit dieser Altersklasse ist, dass in diesem fortgeschrittenen Stadium des Berufslebens viele grundsätzliche Fragen über Altersvorsorge bereits geklärt sind. Der Bedarf eines 48-Jährigen nach einem privaten Rentenplan ist deswegen meist geringer als der eines 30-Jährigen. Der wiederum hat in der Regel nicht die finanzielle Kraft, 5000 oder 10 000 Euro zu stemmen, die einige Robo Advisor als Mindestsumme für eine Kapitalanlage verlangen. Gelegentlich senken Anbieter die Einstiegssummen, um neue, jüngere Kunden zu gewinnen und sie möglichst frühzeitig an ihr Produkt zu binden. Manchmal geschieht das auch nur aktionsweise für einige Wochen. Andere Robo Advisor zielen dagegen seit kurzer Zeit bewusst auf jüngere Investoren mit weniger Einkommen ab.

Beispiel: Oskar, ein Anbieter, der sich explizit auch an Kleinanleger wendet, die nicht mehr als 25 Euro pro Monat investieren möchten oder können. Oder Peaks: Das niederländische Start-up, das mit der Rabobank kooperiert, ist seit Oktober auf dem deutschen Markt. Der Einstieg ist bereits mit einem Euro möglich und mit mehreren Strategien sollen Kunden ermutigt werden, ihre Einzahlungen kontinuierlich zu erhöhen.

Die Smartphone-Anwendung von Peaks bietet an, digitale Zahlungen von Kleinstbeträgen im Alltag immer auf den vollen Euro aufzurunden und die Differenz zum eigentlichen Rechnungsbetrag dem Anlagekonto gutzuschreiben. Wer für 90 Cent ein Paket Kaugummis an der Tankstelle kauft, kann die restlichen zehn Cent in seine Vorsorge investieren. Wer 3,10 Euro für ein belegtes Brötchen bezahlt, würde 90 Cent drauflegen. Das Prinzip soll vor allem junge Menschen ansprechen, kann aber auch von Älteren genutzt werden, die nur kleine Summen zur Verfügung haben. Peaks bietet auch die Möglichkeit, einen festgelegten Geldbetrag ab einem Euro pro Tag zu investieren. Im Wochentakt kann die tägliche Zahlung gestoppt werden. Die Idee halten auch Verbraucherschützer grundsätzlich für gut.

Yann Stoffel von Finanztest sagt: "Angebote und Produkte, die die Spardisziplin fördern, sind im Prinzip sinnvoll." Doch Stoffel sagt auch, dass diese Disziplin auch mit einem schlichten ETF-Sparplan gelingen kann. "Passend ausgesucht gibt es dort im besten Fall keine Kosten außer den ETF-Kosten", sagt er.

Peaks ist zunächst für drei Monate kostenlos. Dann fällt bei Anlagesummen von unter 2500 Euro eine monatliche Gebühr in Höhe von einem Euro an. Erst über einem Betrag von 2500 Euro werden variable Gebühren fällig, die 0,5 Prozent des angelegten Kapitals entsprechen. Finanztester Stoffel: "0,5 Prozent pro Jahr für einen Robo-Advisor liegen am unteren Ende der von uns beobachteten Kosten. Mittelfristig müssen die Anbieter die Kosten aber noch weiter senken, um wirklich attraktiv zu sein."

Es gibt vier Risikogruppen. Von "mild" bis "feurig" - wie beim Schärfegrad einer Chili

Im Gegensatz zu anderen Anbietern schneidert Peaks jedoch kein individuelles Portfolio auf seine Kunden zu. Stattdessen bietet der Robo vier Risikogruppen an, die sich zwischen "mild" und "feurig" wie der Schärfegrad einer Chili unterscheiden. Die marktüblichen Klassifizierungen ergeben sich aus dem unterschiedlichen Anteil der Aktien im Portfolio, weil die den größten Schwankungen unterliegen und Verluste nicht auszuschließen sind. Die Rendite von Anleihen dagegen ist genau bestimmt. Wer es also sicher mag, kann auf Portfolios bauen, die nicht mehr als 30 Prozent Aktien enthalten. Wer kein Risiko scheut, steigt in ETF ein, die bis zu 90 Prozent Unternehmensanteile enthalten. Der Anbieter erwartet für die Strategien Brutto-Renditen zwischen 3,2 und 6,5 Prozent.

Zusammengestellt werden die Portfolios normalerweise aus sechs ETF. Ob das bereits für den ersten Euro einer Anlage geschieht, formuliert der Anbieter nicht explizit, wäre aber sehr bemerkenswert angesichts der minimalen Beträge, die pro ETF überhaupt noch übrig blieben.

Robo Advising

Verantwortlich: Peter Fahrenholz

Redaktion: Katharina Wetzel

Illustrationen: Stefan Dimitrov

Anzeigen: Jürgen Maukner

Mit dem Schritt in Richtung einer jüngeren und auch weniger gut situierten Zielgruppe winkt den Robo Advisors in doppelter Hinsicht eine Beschleunigung der Kundenakquise. Denn die Neigung junger Menschen unter 30 Jahre, auf digitale Angebote beim Vermögensaufbau zu setzen, ist tendenziell wesentlich höher als bei Menschen um die 50 Jahre. Denn während die Älteren vielleicht gern auf Altvertrautes setzen und damit dem persönlichen Kontakt bei der Geldanlage bevorzugen, finden sich unter den Jüngeren vermutlich viele, die noch nie in ihrem Leben einem Vermögensberater einer Bank gegenüber gesessen haben. Was sie nicht kennen, vermissen sie auch nicht. Ihnen kommt die Geldanlage mit Hilfe von Robos völlig normal vor. Langfristig schlummert hier das große Potenzial der automatisierten Investitionsprozesse.

© SZ vom 26.10.2019
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