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Geldanlage:Die Zinsen stehen kopf

Finanzagentur der Bundesrepublik Deutschland

Büro der Finanzagentur des Bundes in Frankfurt: Die Rendite von Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit liegt mittlerweile bei minus 0,24 Prozent.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Verrückte Anlagewelt: Die Renditen deutscher Bundesanleihen sind tief ins Minus gerutscht. Wer profitiert, wer verliert - ein Überblick.

Es ist der 13. Juni um 11 Uhr, als in der Olof-Palme-Straße 35 ein ehernes Prinzip der Finanzwelt mal wieder an Gültigkeit verliert. Hier, auf einer Büroetage im Frankfurter Norden, betreiben die Mitarbeiter der Bundesfinanzagentur eine Art Ebay im Milliardenformat: Zur Auktion stehen an diesem Tag zehnjährige Bundesanleihen im Volumen von exakt drei Milliarden Euro. 36 Banken dürfen drei Stunden lang mitbieten, sich überbieten, sich ausbooten. Um Punkt 11 Uhr wird schließlich klar, dass die Finanzprofis massenhaft in diesen sicheren Winkel des Finanzsystems flüchten. In Zahlen führt das zu einer Rendite von minus 0,24 Prozent. Im Klartext heißt das: Wer dem Staat an diesem Tag für knapp zehn Jahre hundert Euro leiht, zahlt am Ende noch 24 Cent drauf. Und wer aktuell Bundesanleihen kauft, muss sogar schon 33 Cent fürs Geldverleihen bezahlen.

Diese Negativrendite rüttelt an einer der ältesten Grundfesten des Finanzsystems: Wer Schulden macht, muss dafür zahlen, hieß es bisher. Doch im Fall des deutschen Staates gilt das nicht mehr. Der Anleihemarkt spielt derzeit verrückt, die Zinsen sind umgekippt, die Finanzwelt steht Kopf. Minusrenditen? "Noch vor Jahren hätte man das für totalen Quatsch gehalten", sagt Anlageberater Frank Wieser von der Firma PMP Vermögensmanagement in Düsseldorf.

Doch die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank liegen inzwischen an der Nulllinie, selbst weitere Anleihekäufe könnte sich EZB-Chef Mario Draghi inzwischen wieder vorstellen und damit die Renditen noch weiter in die Tiefe drücken. Auch wenn Amerikas Präsident Donald Trump mit einem Handelsdeal wirtschaftlich vorerst für Entspannung sorgen könnte: Vielen Anlegern ist längst schon klar, dass nach dem Deal vor dem Deal ist.

Wer glaubt, das alles ginge nur Finanzprofis und Anlageexperten an, irrt sich gewaltig. Es trifft Sparer, Rentenanwärter, Häuslebauer und Kreditnehmer. Ein Überblick über Gewinner und Verlierer der verrückten Zinswelt.

Häuslebauer

Wer gerade einen Baukredit aufnehmen will, kommt derzeit so günstig weg wie noch nie. Die Zinsen für einen zehnjährigen Hypothekenkredit sind vor wenigen Tagen erstmals unter die magische Marke von einem Prozent gerutscht. 0,96 Prozent müssen Bauherren im Durchschnitt noch zahlen, so hat es das Internet-Vergleichsportal biallo.de berechnet - und das verdanken Bauherren der Bundrendite. Denn wer die beiden Kurven über Jahre verfolgt, erkennt schnell: Die Bauzinsen folgen den Bundesanleihen auf dem Fuße. "Wer jetzt finanzieren muss, sollte zugreifen", sagt Markus Steinbeis von der Münchner Vermögensverwaltung Steinbeis & Häcker.

Andererseits sollten potenzielle Bauherren wegen rekordniedriger Bauzinsen auch nicht vorschnell handeln. Wer baut, trifft schließlich eine Lebensentscheidung. Außerdem müssen Häuslebauer die gesamte Rechnung im Blick haben: Während auf der einen Seite die Preise für Kredite sinken, schießen durch die niedrigen Zinsen auf der anderen Seite die Immobilienpreise hoch. "Der niedrige Zins für Baukredite ist also nur eine Seite der Medaille", sagt Hans Heimburger von der Vermögensverwaltung Gies & Heimburger.

Vorsorgesparer

Auch wenn die künftigen Rentner und Pensionäre es gar nicht ahnen, die Minusrendite der Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit schlägt ordentlich ins Kontor. Lebensversicherungen, Pensionskassen und Versorgungswerke setzen bei ihren Anlagen sehr stark auf sichere Anleihen, müssen bei neuen Bundesanleihen nun aber draufzahlen. "Das ist gelinde gesagt ein Desaster und ein immer größeres Dilemma", sagt Ralf Wiedmann von Advertum Vermögensmanagement. Denn in den Neunzigerjahren haben Lebensversicherungen ihren Kunden oft noch vier Prozent Zinsen versprochen. Diese Zusagen im aktuellen Zinsumfeld hereinzuwirtschaften, ist aber schwierig. Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass die Finanzaufsicht Bafin 34 der 87 deutschen Lebensversicherer genau beobachtet. Die Bonner Behörde hat sie unter "intensivierte Aufsicht" gestellt, wie das heißt. Denn die Prognose der Experten zeigt, dass diese Lebensversicherer "mittel- bis langfristig finanzielle Schwierigkeiten" haben könnten.

Ähnlich unerfreulich sieht es bei den Pensionskassen aus, die sich um die Betriebsrenten von Millionen Vorsorgern kümmern. Schätzungen zufolge legen die Kassen noch etwa die Hälfte ihres Vermögens in Anleihen an. Das Ergebnis: Ende des Jahres standen 31 von 130 Kassen unter verschärfter Aufsicht. Bei der Pensionskasse der Caritas und der Kölner Pensionskasse müssen Versicherte sogar mit Rentenkürzungen rechnen, weil sich die Experten offenbar verkalkuliert hatten.

Anleger

In den alten Zeiten der Bonner Republik hatten es die Anleger noch einfach, sie schaufelten sich Bundesanleihen ins Depot, kassierten vier Prozent Zinsen oder mehr, und trotz steigender Preise wuchs das Vermögen am Ende ganz von allein. Das war die wundersame Kraft des Bundesadlers.

Wollen Anleger heute noch vernünftige Renditen erzielen, müssen sie mehr Risiko eingehen. Zum Beispiel Aktien kaufen. "Vorsichtige Anleger können defensive Titel einsetzen", sagt Vermögensberater Wolfgang Juds von Credo Vermögensmanagement. Also etwa Aktien von Konsumunternehmen erwerben, die nicht so stark an der Weltkonjunktur hängen. Viele Anleger denken außerdem verstärkt über Aktien mit hohen und zuverlässigen Dividenden nach.

Wer weniger nachdenken will, kann per Sparplan in Indexfonds investieren. Dabei können Anleger jeden Monat einen Betrag in einen großen Aktienkorb schieben, der einen bestimmten Index nachbildet. Dafür bietet sich etwa der Welt-Aktienindex MSCI World an, der mehr als 1600 Aktien aus 23 Ländern umfasst. Gerade jetzt kann ein Sparplan Anlegern Sorgen nehmen: Denn wie die Weltkonjunktur und damit die Aktienmärkte weiterlaufen, ist äußerst unsicher. Hier kann es beruhigen, mit seinem Geld nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt alles auf eine Karte zu setzen, sondern scheibchenweise zu investieren.

Staatsbürger

Einer kann sich über die verkehrte Zinswelt vorbehaltlos freuen: Finanzminister Olaf Scholz. Denn weil Anleger den Bund mitunter eben noch dafür bezahlen, dass sie ihm Geld leihen dürfen, sinken die Zinsausgaben des Bundes schon seit Jahren. Erst im Februar kalkulierte die Bundesregierung, dass der deutsche Staat seit dem Jahr 2008 gegenüber den ursprünglichen Planungen etwa 180 Milliarden Euro an Zinskosten gespart hat.

Klar, der Staat, das sind am Ende alle Bürger. Für viele Menschen hierzulande ist diese Zahl mit Blick auf ihre Rente allerdings nur ein schwacher Trost.