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Geldanlage:Der Crash der Roboter

Auch Robo Advisors, die das Geld von Anlegern automatisch verwalten, leiden stark unter dem Einbruch der Aktienkurse. Am härtesten trifft es den größten: Scalable Capital.

Der Absturz an den Aktienmärkten hat auch bei Anlagerobotern großen Schaden angerichtet. Von 20. Februar bis 6. April verloren die Depots sogenannter Robo Advisors, die das Geld von Kunden automatisiert über Computerprogramme verwalten, zwischen neun und 25 Prozent. Das ergab eine Auswertung des Internetportals brokervergleich.de. Es hat echtes Geld in 20 Robo Advisors investiert. Die Portfolios entsprechen einer mittleren Risikostufe. Das bedeutet, dass sie in der Regel rund 50 Prozent Aktien enthalten.

Am 20. Februar erreichten Aktienindizes wie der deutsche Dax, der US-amerikanische S&P 500 und der weltweite MSCI World ihre Höchststände. Danach verdichteten sich die Anzeichen, dass die Corona-Epidemie zu einer weltweiten Rezession führen und die Gewinne der Unternehmen einbrechen lassen wird. Es kam zu einer Serie von schwarzen Börsentagen. Um den 18. März fielen die Indizes auf ihre seitherigen Tiefststände mit Verlusten von 35 bis 40 Prozent. Es war der schnellste Crash in der Wirtschaftsgeschichte. Danach haben sich die Kurse etwas erholt, am 6. April standen die Indizes noch 22 bis 26 Prozent unter ihren Höchstständen.

In den Depots der Robo Advisors spiegeln sich diese enormen Verluste. Durchschnittlich verloren die Portfolios 14 Prozent an Wert. Mit einem Minus von neun Prozent schnitt der Anbieter Kapilendo noch am besten ab. Es folgen Solidvest und Visualvest mit rund minus zwölf Prozent. Dann kommt ein breites Mittelfeld mit 16 Anbietern, deren Depotwert um 13 bis 15 Prozent sank. Am Ende der Rangliste stehen Sutor (minus 17 Prozent) Ginmon (minus 18 Prozent) und weit abgeschlagen Scalable Capital (minus 25 Prozent).

A worker sweeps the floor of the New York Stock Exchange after the closing bell on Wall Street in New York City on Frida

Kehrabend: Ein Arbeiter putzt am 20. März das Parkett der Wall Street, bevor diese wegen Corona komplett auf elektronischen Handel umstellt.

(Foto: John Angelillo/imago)

Gerade das Schlusslicht hat bisher am meisten Kapital eingesammelt, fast zwei Milliarden Euro der geschätzt vier Milliarden, die in Deutschland in Robo Advisors investiert sind. Warum hat der Crash den Marktführer so stark getroffen? Gründer Erik Podzuweit erklärt es mit dem Anlagekonzept: Die Aktienquote von Scalable im Depot von brokervergleich.de betrage durchschnittlich 60 Prozent, sei aber flexibel. Gradmesser dafür ist die Volatilität, die anzeigt, wie stark die Aktienkurse gerade schwanken. Ist sie gering, steigt die Aktienquote, umgekehrt sinkt sie.

Vor dem 20. Februar, als die Börsen ihre Höchststände erreichten, war die Volatilität sehr gering. Das führte dazu, dass Scalable die Aktienquote in den einzelnen Risikoklassen bis zum Anschlag hochfuhr. So betrug die Aktienquote im Depot von brokervergleich.de, das eigentlich einer mittleren Risikostufe entspricht, 75 Prozent. Rechnet man Immobilienaktien mit ein, waren es sogar 85 Prozent. Deshalb war das Depot von Scalable so stark vom Corona-Crash betroffen.

Eine wichtige Frage bei Robo Advisors ist, wie sie auf solch abrupte Einbrüche reagieren. Schließlich werben einige Anbieter damit, eine Vermögensverwaltung zu niedrigen Gebühren anzubieten, mit der auch normale Anleger von den Chancen auf den Kapitalmärkten profitieren können. Doch die Kapitalmärkte bergen hohe Risiken, wie sich in den vergangenen Wochen gezeigt hat. Es kommt also darauf an, wie die Anbieter ihre Kunden vor diesen Risiken schützen.

Deutschland Frankfurt 14 09 2017 ING DiBa erweiteret Angebot um die Online Vermögensverwaltung von

Erik Podzuweit ist Gründer von Scalable Capital, dem größten deutschen Robo Advisor. "Man kann ein regelbasiertes System nicht auf ein einzelnes Extremereignis vorbereiten", sagt er.

(Foto: Sepp Spiegl/imago)

Aus dem Echtgeldtest von brokervergleich.de lässt sich ablesen, wie die Anbieter auf den Crash reagiert haben, also ob und wie stark sie die Aktienquote verringerten. Am schnellsten waren Investify und Solidvest, der Robo Advisor der Fondsgesellschaft von Jens Ehrhardt: Sie schichteten schon bis zum 9. März 31 beziehungsweise 16 Prozent des Depotvolumens um. Andere Anbieter wie Cominvest (Commerzbank), Robin (Deutsche Bank) und auch Scalable verringerten in den Wochen danach die Aktienquote beträchtlich.

Bei Scalable beträgt die Aktienquote im Brokervergleich-Depot inzwischen nur noch 25 Prozent - vor sechs Wochen waren es 85 Prozent. Warum hat man nicht gleich zu Beginn des Crashs reagiert? "Wir analysieren bei einem Einbruch auf dem Aktienmarkt, ob es sich um ein kurzfristiges Ereignis handelt oder um einen längerfristigen Trend", sagt Gründer Podzuweit. Diese Analyse könne zwei bis drei Wochen dauern. Erst danach fahre man die Aktienquote zurück. "Es wäre erratisch und würde letztlich Rendite kosten, wenn wir das jedes Mal sofort machen würden." Man könne ein regelbasiertes System nicht auf ein einzelnes Extremereignis vorbereiten. Es sei auch nicht möglich, bei jedem Ereignis richtig zu liegen. "Entscheidend ist, langfristig, auf Sicht von mindestens zehn Jahren, sinnvolle Handelsentscheidungen zu treffen", sagt Podzuweit.

Der Blick auf die Verkaufsaktivitäten bei brokervergleich.de zeigt auch, dass viele Robo Advisors auf den Crash bis Ende März noch überhaupt nicht reagiert haben, unter anderen Quirion, easyfolio, Weltinvest oder Bevestor (Sparkassen). Das verdeutlicht die unterschiedliche Anlagestrategie der Anbieter: Manche verändern die Aktien- und Anleihenquoten in den Depots, Rebalancing genannt, nur zu festen Terminen und lassen sich von aktuellen Ereignissen nicht beeinflussen.

Welche Strategie langfristig die beste ist, ist schwer zu beurteilen, dazu ist die Branche der Anlageroboter noch zu jung. Der jüngste Crash hat den Anbietern jedenfalls auch die Drei-Jahres-Bilanz verhagelt. Keiner von den sechs Robo-Advisors, die brokervergleich über diesen Zeitraum beobachtet, ist im Plus. Die Verluste reichen von drei Prozent bei Fintego bis zu 17 Prozent bei Scalable.

© SZ vom 15.04.2020

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