Wer sein Geld an der Börse anlegt, muss so manche Entscheidung treffen. Einzelaktien oder Fonds? Aktiv oder passiv? Einmalanlage oder Sparplan? Jede dieser Entscheidungen kann Auswirkungen auf die Rendite haben. Im Idealfall sind sich Anlegerinnen und Anleger also bewusst, warum sie welche Entscheidung treffen. Doch ist das wirklich immer so? Der Vermögensverwalter VZ Vermögenszentrum hat seit dem Jahr 2020 über 2750 Portfolios potenzieller Kunden analysiert. Diese Daten sind zwar nicht repräsentativ, aber sie geben interessante Einblicke, wie Menschen in Deutschland ihr Geld an der Börse anlegen.
Die Entscheidungen fangen schon bei der Wahl des Depotanbieters an. Was dort in den Daten des VZ Vermögenszentrums eindeutig zu sehen ist: Die Zusammensetzung der Depots unterscheidet sich sehr stark, je nachdem, bei welcher Bank sie liegen. Die Auswertungen zeigen: Menschen, die ein Depot etwa bei einer Groß-, Genossenschafts- oder Regionalbank haben, investieren deutlich weniger in Einzelaktien. In diesen Portfolios dominieren bankeigene Produkte sowie teurere, aktiv gemanagte Fonds. Bei den untersuchten Depots, die bei Genossenschaftsbanken liegen, machen sie 56 Prozent aus. Ganz anders ist es bei Neobanken und Fintechs, also etwa Anbietern wie Trade Republic: Hier ist der Anteil der Einzelaktien deutlich dominierend, er liegt bei fast 55 Prozent. Bankeigene und aktiv gemanagte Produkte kommen deutlich seltener vor, dafür zu großen Teilen passive, günstige Produkte.
„Ein wichtiger Faktor ist die Beratung. Sie hat einen großen Einfluss auf die Anlageentscheidungen der Kunden. Das ist bei klassischen Banken gleichzeitig aber auch das Problem, weil sie in erster Linie ihre Produkte verkaufen möchten. Dadurch entsteht ein Interessenkonflikt“, sagt Robert Leitner, Research-Leiter beim VZ Vermögenszentrum. Das bedeute erst einmal nicht, dass Kunden solcher Banken per se schlechtere Entscheidungen träfen. Denn auch ohne Beratung könnten Depotanbieter versuchen, Anlageentscheidungen so zu beeinflussen, dass es zum eigenen Geschäftsmodell passt: „Digitalere Banken sind gut darin, Menschen im Emotionszyklus zu unterstützen und eher zu mehr Handeln zu motivieren, weil sie damit auch mehr Geld verdienen.“ Der Emotionszyklus bedeutet hier, dass Anleger sich in ihren Entscheidungen von Kursstürzen oder Hochphasen mitreißen lassen. Privatanleger müssten deshalb stets kritisch hinterfragen, was ihnen die gewählten Fonds, Aktien und sonstigen Anlageformen wirklich bringen.
Denn wer sein Geld vermehren will, für den ist die reale Rendite ein entscheidender Faktor: Wie viel habe ich am Ende tatsächlich mehr? Doch diese vermeintlich einfache Frage führt nicht jeden Anleger zur rational und individuell besten Entscheidung. In einem alten Monatsbericht der Bundesbank zum Anlageverhalten der Deutschen findet sich ein Satz, der es auch heute noch auf den Punkt bringt: Die realen Renditen verschiedener Geldanlagen hätten „das Spar- und Anlageverhalten deutscher Privathaushalte seit Beginn der neunziger Jahre allenfalls geringfügig beeinflusst“. Das Geld der Menschen, die welches zum Anlegen übrig haben, landet also eher nicht da, wo sie am meisten daraus machen könnten.
„Man darf nicht unterschätzen, durch wie viele unterschiedliche Faktoren Anlageentscheidungen beeinflusst werden“, sagt Christine Laudenbach, Professorin für Household Finance am Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung in Frankfurt. Vor allem, wie soziale und emotionale Aspekte die eigenen Entscheidungen beeinflussen können, sei für den einzelnen Anleger oft schwer zu erkennen.
Grundsätzlich zeigten Befragungen, dass immer noch viele Fehlannahmen zu Investments an der Börse herrschen. Etwa dass man besonderes Wissen benötigt und häufig Entscheidungen treffen müsse, um erfolgreich am Kapitalmarkt zu investieren. Laudenbach sagt jedoch: „Vermögensaufbau zu betreiben, ist eigentlich ein ziemlich langweiliges Geschäft.“ Der Mensch strebe aber nun mal nach Kontrolle und könne Zufälle schwer akzeptieren.
Also liest er Analysen, lässt sich in der Familie Tipps geben und folgt Trendempfehlungen von Finanz-Influencern. Das Ziel: Kontrolle durch das Sammeln von Informationen. Ein Vorgehen, das ja auch in vielen Bereichen des Lebens sehr sinnvoll ist. Doch bei der Geldanlage sehe es anders aus, sagt Laudenbach: „Wissenschaftlich betrachtet bringen mir all diese Informationen für die Rendite nicht viel, einfach weil ich Kurse einzelner Aktien nicht verlässlich vorhersagen kann.“ Dieser vermeintliche Vorteil durch Information gelte besonders auch für den sogenannten Home-Bias: Was der Mensch kennt und ihm nahe ist, bewertet er tendenziell besser als zum Beispiel unbekannte oder weit entfernt ansässige Unternehmen. Woher jemand kommt, kann seine Anlageentscheidungen also ebenfalls beeinflussen.
Bei einem Aspekt sind allerdings mehr Informationen durchaus hilfreich für die Rendite: den Kosten. „Schwierig für Anleger wird es, wenn der Depotanbieter teurere Produkte stärker vermarktet“, sagt Robert Leitner vom VZ Vermögenszentrum. Diese zu durchschauen, sei trotz aller Transparenzverpflichtungen nicht immer leicht. Auch Laudenbach stellt fest: „Die tatsächlichen Kosten sind vielen Menschen nicht bewusst. Gerade bei aktiv gemanagten Fonds drückt das die Rendite.“ Was kurzfristig vielleicht noch gering erscheine, führe über die Jahre zu erheblichen Einbußen.
Doch einen wichtigen Rat hat die Expertin auch noch: Die kühle, absolute Rationalität sei kaum zu erreichen und müsse auch nicht immer entscheidend sein bei der Geldanlage. Je nachdem, warum man Geld an der Börse anlege: „Das kann ein solider Baustein für die Altersvorsorge sein. Es können aber auch einfach das Interesse an Wirtschaft und der Spaß am Ausprobieren sein.“ Auch Letzteres habe dann einen Mehrwert, der eben nicht nur aus einer perfektionierten Rendite bestehe. Zumal es ja auch nicht immer ein Entweder-oder sein müsse. Das würden auch die Daten des VZ Vermögenszentrums zeigen, sagt Robert Leitner: Ein Teil der untersuchten Portfolios bestünde aus mehreren Depots. Diese Anleger würden oft sowohl klassische Anbieter als auch Neobroker nutzen – mit verschiedenen Ansätzen: „Den größeren Vermögensteil vertrauen viele heute immer noch der regionalen Haus- oder der Großbank an und nutzen das Zweitdepot bei digitalen Banken eher zum Ausprobieren.“

