Geldanlage Biogas-Desaster

Maisernte in Brandenburg: Die Pflanze wird zur Energiegewinnung in Biogasanlagen genutzt. Der Markt dafür ist schwierig geworden.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Den Anlegern der Nürnberger Finanzfirma UDI drohen Verluste. Der Firmenchef schaut dennoch nach vorn.

Von Uwe Ritzer und Jan Willmroth, Nürnberg

Bis ernste Zweifel am Marketingversprechen von UDI (Umwelt Direkt Invest) aufkamen, hat es mehr als 20 Jahre gedauert. "Grünes Geld, saubere Rendite", mit diesem Motto wirbt der Nürnberger Finanzdienstleister noch immer. Bei etwa 17 500 Kunden sammelte er mehr als eine halbe Milliarde Euro ein, für den Bau und Betrieb von Biogas- und Solaranlagen. Dann aber bekam das grüne Kleid hässliche Flecken. Eine UDI-Projektgesellschaft ging insolvent, Jahresabschlüsse wurden wiederholt zu spät vorgelegt und Zins- und Rückzahlungen an Investoren gerieten ins Stocken. Deshalb setzte das Verbrauchermagazin Finanztest UDI auf die Warnliste.

Aus gutem Grund, wie sich zeigt. Im Fall von vier weiteren Vertriebsgesellschaften ließ UDI am Mittwoch Warnungen veröffentlichen, wonach Anleger Geld verlieren könnten. Zahlreichen Gesellschaften der UDI-Gruppe fehlt zurzeit Kapital. Droht hier wieder einmal eine Firma aus dem Bereich erneuerbarer Energien unterzugehen, verbunden mit Millionenverlusten für Tausende Anleger?

Ein Besuch bei UDI-Chef Stefan Keller. Er scheint voller Tatendrang zu sein. Unruhig rutscht der Mittfünfziger auf seinem Stuhl im Besprechungsraum in der Nürnberger Zentrale hin und her, er gestikuliert viel und redet noch mehr. Vor ein paar Tagen erst musste Keller scharfe Kritik einstecken, unter anderem von der Stiftung Warentest, die ihm vorwarf, mit UDI-Anlegern unbotmäßig umzugehen. Der Graumarkt-Experte Stefan Loipfinger schrieb am Mittwoch gar von einer "Bilanz des Grauens". Wovon Keller sich unbeeindruckt gibt - schließlich hat er eine Botschaft: Es geht weiter mit UDI, aber ganz anders als bisher.

Man müsse nur eine Talsohle durchschreiten. "Wir haben einen Cut gemacht", sagt Keller. Mit seiner Firma Te Management und einer Gesellschaft namens SKU hat der Geschäftsmann Ende 2018 UDI von Georg Hetz übernommen, dem 67-jährigen Gründer der Gruppe. Nun arbeitet er mit seinem Team an einer Neuausrichtung und muss dabei achtgeben, nicht den Überblick zu verlieren: UDI besteht aus zahlreichen Vertriebsgesellschaften, die jeweils Anlegergeld an eine Kombination von Projektgesellschaften weitergereicht haben. Seit der Übernahme arbeitet Keller am Umbau. Künftig will er nicht mehr nur grüne Anlagen, sondern vor allem Investments in Immobilien vermarkten, zum Beispiel in Alten- und Pflegeheime, Hotels und Boardinghouses. Bevorzugt solche, die mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Alles nach einheitlichen und standardisierten Prozessen. Wobei nicht nur wie bisher firmeneigene Vertriebsleute die Produkte verkaufen sollen, sondern auch externe.

Viele Anlagen werfen nicht mehr genügend Geld ab, um Zins und Tilgung zu bezahlen

Und das alles unter einem neuen Namen: Skapa Invest. Diese "neue UDI", wie Keller sie nennt, stehe weiterhin für "nachhaltige und sinnvolle Investitionen"; schließlich seien etwa Pflege- oder Altenheime an sich in der Regel nachhaltige Anlagen. Die Tage der alten, grünen UDI sind gezählt. Sie umwirbt zwar noch Anleger und kümmert sich um Bestandskunden, soll aber keine eigenen Projekte mehr auflegen. Weil der Name beschädigt ist?

Nach Lesart von Keller hat er jedenfalls eine Großbaustelle vor sich. Viele UDI-Anleger müssen sich darauf einstellen, dass Zinsen und ein Teil ihrer Rückzahlungen ausfallen. Betroffen sind vor allem Beteiligungen an Biogasanlagen, die nach Kellers Angaben etwa zwei Drittel der gut 100 Projektgesellschaften ausmachen. Offenkundig wurde diese Abhängigkeit vom Biogas UDI zum Verhängnis: Nach diversen gesetzlichen Änderungen und Debatten, ob man Agrarrohstoffe wie Mais einfach vergären sollte, um Strom zu gewinnen, hat der Markt keine große Zukunft mehr.

Vom Staat garantierte Vergütungen für Stromeinspeisungen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz fließen zwar weiter - neue Auflagen, dringend nötige Investitionen in den Erhalt der Anlagen und schlechte Ernten wie 2018 zerstören aber reihenweise die Prognosen: Viele Anlagen werfen derzeit nicht genügend Geld ab. Renditen von bis zu 6,5 Prozent pro Jahr hat UDI den Anlegern versprochen, für Nachrangdarlehen, die wie Kredite funktionieren, im Insolvenzfall aber zuletzt bedient werden. Schon bei drohender Schieflage können Zahlungen vorübergehend ausbleiben.

Wie sehr ist UDI nun angeschlagen? Keller zögert kurz. "Das ist eine gute Frage", sagt er. Man habe eine Bestandsaufnahme gemacht und sich jede einzelne Anlage genau angeschaut. Von außen ist schwer zu beurteilen, wie es UDI wirklich geht; einen Konzernabschluss gibt es nicht.

Was Keller nicht stehen lassen will: Den Vorwurf, er zocke nun auf fragwürdige Weise alte UDI-Anleger ab, die in ein inzwischen gescheitertes Geschäftsmodell zur Vermietung von Solaranlagen an Hauseigentümer investiert hatten. Keller hatte jüngst über seine Te Verwaltungs GmbH mit Sitz in Aschheim UDI-Anlegern, die in die Nachrangdarlehen mit den Namen Solar Sprint Festzins II und Solar Sprint Festzins III investiert hatten, einen Deal vorgeschlagen. Te kaufe ihnen das Investment ab, für 50 Prozent der Zeichnungssumme plus einer bis Ende September 2025 befristeten Nachbesserungschance. Oder für 60 Prozent ohne Nachbesserung. "Unverschämt" nannte das die Stiftung Warentest. Aus Kellers Sicht ein fairer Deal, mit dem er die UDI-Anleger bei Laune halten wolle. Etwa 90 Prozent der Kunden hätten eines der Angebote angenommen.

Und nun? Sammelt er mit Skapa Invest Geld für das erste Immobilienprojekt ein. Im Südwesten von Nürnberg sollen auf einer Brache ein Hotel, ein Boardinghouse, ein Büro- und Parkhaus entstehen. Bis zu 15 Millionen Euro sollen Anleger in Form von Schuldscheinen zeichnen, die erst am Ende der Laufzeit im März 2022 en bloc zurückgezahlt werden sollen, verzinst mit jährlich sechs Prozent. Nachrangdarlehen sind das nicht mehr. Allerdings reicht Skapa das Geld nachrangig weiter an Projektgesellschaften. Alle relevanten Firmen gehören Stefan Keller. Und Te Management, steht im Anlageprospekt, habe erst "geringe Erfahrungen" im Immobiliensektor.