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Geldanlage:Absurdes Vergnügen

Einige Anbieter verknüpfen Online-Shopping mit Sparen und gewähren beim Einkaufen Rabatte, die dann in Indexfonds investiert werden. Eine sinnvolle Idee, die Menschen zum Sparen zu animieren - oder doch eher ein Marketinggag?

Es ist überaus menschlich, sich über Schnäppchen zu freuen: Die Winterjacke, die mal 250 Euro gekostet hat und die jetzt für 150 Euro zu haben ist oder das Smartphone, das mit 20 Prozent Rabatt unter die Leute gebracht wird. Schon wieder Geld gespart! Der Duden verdirbt den Shopping-Begeisterten diese Freude leider: Denn geht es nach ihm, dann bedeutet Sparen per Definition, Geld nicht auszugeben, sondern zurückzulegen und auf ein Konto einzuzahlen. Ein Schnäppchen zu machen, das ist vergnüglicher Konsum - die Altersvorsorge regelt es aber weniger, genauso wenig wie es die Doppelhaushälfte finanziert. Oder doch?

Im vorweihnachtlichen Einkaufswahnsinn bewerben mehrere Anbieter eigene Bonusprogramme, die Konsum und Sparen miteinander verknüpfen sollen. Die Kunden der Online-Bank Comdirect zum Beispiel werden zum "Bonussparen" animiert, einer Kooperation mit mehr als 800 Händlern, darunter Zalando, Saturn oder Tchibo. Das Grundprinzip funktioniert ähnlich wie bei anderen Bonuspunktesystemen wie Payback, weist aber einen entscheidenden Unterschied auf: Wer beim Händler einkauft, erhält keine Bonuspunkte, die sich später in Geschirr oder einen Sandwichmaker umtauschen lassen, sondern man bekommt eine Gutschrift. Sobald der Kunde Boni in Höhe von zehn Euro angesammelt hat, legt die Bank das Geld für ihn an - und zwar in einen bestimmten passiven Indexfonds, kurz ETF, der in Aktien, Anleihen und Rohstoffe investiert.

Auch Apps wie Savedroid können Verbraucher so einstellen, dass jedes Mal, wenn sie im Geschäft oder Online-Shop zuschlagen, zusätzlich ein Betrag aufs Sparkonto überwiesen wird. Und in den USA haben der Bezahldienst Paypal und der automatisierte Finanzberater Acorns erst kürzlich bekannt gegeben, dass sie von nun an zusammenarbeiten. Wer mit Paypal bezahlt, kann sich die Beträge von Acorns aufrunden lassen und automatisch in Aktien- und Anleihen-ETF investieren.

"Diese Angebote widersprechen dem eigentlichen Sinn des Sparens", sagt Thomas Beutler, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Saarland. Er argumentiert ähnlich wie der Duden: Sparen habe etwas mit Verzicht zu tun. Kombiniert man es mit einem ausgiebigen Weihnachtseinkauf, dann sei das "absurd". Zwar raten viele Experten den Verbrauchern in Zeiten niedriger Zinsen, ein Depot zu eröffnen und ihr Geld in vergleichsweise günstige, passive Indexfonds zu investieren. "Doch der Preisnachlass bei einem Elektronikmarkt ist aus meiner Sicht der falsche Anreiz, um sich um ein wichtiges und langfristiges Thema wie die Geldanlage zu kümmern", sagt Beutler.

Für die Comdirect und ihre Partnerhändler ist das Bonussparen vor allem ein Marketinggag, der den Händlern Umsätze beschert und für Bankkunden den "Einstieg in die Wertpapieranlage ganz einfach" machen soll, wie es auf der Website der Bank heißt. An ihren Konto-Kunden verdient das Geldinstitut nichts, denn das Girokonto und die Kreditkarte sind dort wie bei den meisten Direktbanken kostenlos. Anders ist es beim Depot: Wer mit ETF handelt, zahlt Gebühren. Beim Bonussparen werden diese nur beim Verkauf der Anteile fällig, beim Kauf kommt die Aktion ohne Ordergebühren daher. Allerdings sammeln die Partnershops personenbezogene Daten, für deren "Erhebung, Verarbeitung und Nutzung" die Bank nicht verantwortlich ist, wie es in den Nutzungsbedingungen heißt. "Wer mit seinen Daten sparsam umgehen möchte, sollte das bedenken", sagt Beutler.

Und dann gibt es noch einen Haken: Man müsste schon unfassbar viel shoppen, damit der Bonus hoch genug ausfällt, um sich im Depot zu einer nennenswerten Summe zu entwickeln. Geht man von einer Rendite von fünf Prozent aus, die bei Indexfonds realistisch ist, muss man nicht zehn oder 20, sondern monatlich knapp 170 Euro zur Seite legen, um nach 25 Jahren 100 000 Euro angesammelt zu haben. Wer wirklich sparen will, kommt also nicht umhin, den Verlockungen im Schaufenster auch mal zu widerstehen.

© SZ vom 12.12.2017

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