Geld für Bildung  in Ramallah:Raus aus dem Abseits

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Auch die Bälle kommen von der deutschen Förderbank. (Foto: Rüdiger Nehmzow/KfW Bankengruppe)

In den Palästinensergebieten sind die Menschen jung, viele Schulen zerstört. Die Förderbank KfW investiert dort viel Geld in Bildung. Eine Chance, Armut zu verringern.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Ramallah

Wenn die Kinder auf dem Platz vor ihrer Schule Fußball spielen, dann schauen sie auf einen etwa vier Meter hohen Betonwall mit Stacheldraht. Von drei Seiten ist das Gelände der Schule von At Tira von einer Mauer umgeben. Auf der südlichen Seite befindet sich die vierspurige Straße Nummer 443, die Tel Aviv mit Jerusalem verbindet und wo die Autos im Sekundentakt vorbeirasen. "Die Schule ist eine Art Gefängnis", sagt Direktor Samer dar Bader. Jeden Tag kommen zweihundert Schüler hierher, um zu lernen.

Die Schule wurde 1954 gegründet, aber die Umgebung hat sich verändert: Nach der Besetzung des Westjordanlandes 1967 richtete Israel eine Militärbasis ein, dann kamen die Siedler. Die direkt neben dem Schulgelände stehenden Gebäude der Siedlung Beit Horon mit inzwischen rund 1300 Einwohnern sind wie Festungsbauten durch hohe Schutzwälle gesichert. Mit Soldaten gab es immer wieder Zwischenfälle, wie Unicef-Repräsentantin Anne Claire Dufay im Gespräch mit Journalisten in der Schule bestätigt.

Viele Klassenzimmer sind überfüllt. In Ost-Jerusalem fehlen etwa 2000 Räume

All das ist noch sehr lebendig in der Erinnerung des 16-jährigen Obaida Majed, der aus At Tira stammt. Sein Weg zur Schule führte durch einen Abwassertunnel, der unter der Straße verläuft. Für die Schüler aus At Tira war dies die kürzeste Verbindung zwischen ihrem Dorf, das auf dem gegenüberliegenden Hügel liegt, und der Schule. War der unterirdische Gang nicht passierbar, mussten die Kinder einen Umweg von drei Kilometern in Kauf nehmen.

Vom Nachbarort Beit Ur al Fauqa führt ein mit Mauern und Stacheldrahtzaun gesäumter Weg zu dem Schulgelände. Diesen Weg ist die 16-jährige Miran Zahran jahrelang jeden Tag zu Fuß gegangen: Fünf Kilometer hin, fünf zurück. Aber seit Beginn des Schuljahres 2016/17 gibt es einen Bus. "Wir kommen so jeden Tag rechtzeitig in die Schule", berichtet Miran strahlend. Für den gleichaltrigen Mohammad Khateeb aus Tira ist der Bus eine besondere Erleichterung. Er ist gehbehindert, früher schaffte er nicht jeden Tag den Weg.

Der Bus und Geld für die Renovierung der Schule wurde aus Mitteln finanziert, die auch aus Deutschland kommen. Für Investitionen im Bildungsbereich hat die Bundesregierung über die KfW-Entwicklungsbank seit 2010 insgesamt 45 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. In dieser Woche unterzeichnete die KfW, vertreten durch das neue Vorstandsmitglied Joachim Nagel, in Ramallah einen weiteren Vertrag mit einem Finanzierungsvolumen von 32 Millionen Euro. Wie der stellvertretende Bildungsminister Basri Saleh erläuterte, sollen davon zehn Millionen vor 2018 fließen. Bildung sei der Schlüssel, um Armut zu verringern, begründet Nagel das finanzielle Engagement Deutschlands. Außer Deutschland stecken noch Norwegen, Finnland, Belgien und Irland Geld in den palästinensischen Bildungssektor. Der Bedarf ist groß: 40 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahre.

Alleine im Gazastreifen sind 576 Schulen beschädigt oder zerstört. In rund sechzig Prozent der Schulen gibt es zwei Schichten für den Unterricht mit rund 50 Schülern in jeder Klasse. In Ost-Jerusalem fehlen etwa 2000 Klassenräume.

Bildung sehen aber viele Eltern als Chance für ihre Kinder, um aus der Misere zu kommen. Die Arbeitslosenrate liegt im Westjordanland bei offiziell 27 Prozent, im Gazastreifen ist sie weit höher. Viele schicken ihre Kinder zum Lernen, und weil sie nach Schulschluss betreut werden, ins Jugendzentrum von Al Bireh. Die Kommune entschied sich 2013 bewusst, Fördermittel in dieses Zentrum zu stecken.

Schon von Weitem ist Kindergeschrei vom großen Spielplatz zu hören, im Haus hört man nur aus dem Turnsaal einzelne Rufe. Dort wird Karate trainiert, es sind auch drei Mädchen dabei. Nebenan ist die Malgruppe beschäftigt, einen Raum weiter sitzen Jugendliche vor Computern. Ganz ruhig ist es im großen Lesesaal. Rund um Tische sitzen Kinder oder lümmeln auf großen Polstern am Boden. "Das ist keine Show", versichert der Bauingenieur Musa Jwayyed, der gleichzeitig Stadtrat von Al Bireh ist. 400 000 Euro habe das Zentrum gekostet. Rund zweihundert Kinder, von drei Jahren bis ins Teenageralter, kommen jeden Tag hierher, und nicht nur aus Al Bireh, erzählt Bürgermeister Azzam Esmail mit Stolz.

Mittel der KfW fließen aber nicht nur in den Bildungsbereich. Rund 50 Millionen Euro hat die Bundesregierung über die KfW für eine umweltfreundliche Abwasserentsorgung in Nablus, der zweigrößten Stadt im Westjordanland, zur Verfügung gestellt. Die bereits 2013 in Betrieb gegangene Kläranlage im Westen der Stadt gilt als Vorzeigeprojekt, eine weitere soll nun im Osten gebaut werden. Vieles funktioniert ohnehin nur, weil sich die Kommunen engagieren. Deshalb hat die KfW 76,6 Millionen Euro für ein Kommunalentwicklungsprogramm bereit gestellt, das durch den palästinensischen Kommunalentwicklungsfonds MDLF umgesetzt wird.

Diese Institution ist eine Besonderheit: Trotz des Streits zwischen der Fatah, die im Westjordanland regiert und die Autonomiebehörde dominiert, und der seit zehn Jahren im Gazastreifen herrschenden radikalislamischen Hamas konnte der Fonds in den beiden territorial voneinander abgeschnittenen Gebieten agieren. Warum? "Weil wir ihnen Geld gebracht haben", meint Generaldirektor Tawfiq Al-Budairi trocken. Vor allem durch den Gaza-Krieg zerstörte Infrastruktur wurde aufgebaut. Im Rahmen der finanziellen Zusammenarbeit hat die KfW den palästinensischen Gebieten bisher rund 810 Millionen Euro zugesagt, länderübergreifende regionale Programme kommen noch dazu. Das aktive Portfolio beläuft sich auf rund 478 Millionen Euro. Was der KfW hoch angerechnet wird: Dass sie ihr finanzielles Engagement fortsetzt, auch wenn es derzeit wenig Hoffnung im Friedensprozess gibt.

© SZ vom 18.11.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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