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Gekürzte Solar-Förderung:Industrie mit Sonnenbrand

Im Wochentakt melden Solar-Unternehmen Insolvenz an. Der Druck chinesischer Anbieter ist gewaltig, die staatliche Vergütung sinkt und auf den Boom folgt der Absturz. Doch Experten glauben an den Neustart der Ökostrom-Branche.

Wie es der Deutschen Ökostrombranche im Jahr der Energiewende geht? Marlene O'Sullivan holt tief Luft. Die 35-jährige Wirtschaftsforscherin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart hat das Auf und Ab der Branche intensiv beobachtet. Im Auftrag des Bundesumweltministeriums arbeitete sie seit 2004 an der Analyse der Jobeffekte in grünen Branchen mit. Zuerst führte O'Sullivan Buch über den steilen Aufstieg deutscher Garagenfirmen. Nun über Pleiten. "Es ist schwer, mit anzusehen, wie Urgesteine der Branche verschwinden", sagt sie.

Pleitewelle bei der Solarindustrie

Nach dem Boom der Gründerjahre muss sich die Solarstrom-Branche nun neu konsolidieren.

(Foto: dpa)

Beinahe im Wochenrhythmus starb zuletzt ein Stück grüne Hoffnung in Deutschland. Die einst größte deutsche Solarfirma Solon ist pleite, der Solarzellenhersteller Q-Cells hat sich an seine Gläubiger verkauft. Conergy aus Hamburg verbuchte einen Riesenverlust von 162 Millionen Euro. Und selbst Großkonzerne wie Siemens müssen Millionen auf ihr Solargeschäft abschreiben. "Die Branche ist gebeutelt", sagt O'Sullivan.

Dabei stehen die Vorzeichen doch eigentlich gut im Jahr der Energiewende. Die Politik treibt den Ausbau erneuerbarer Energien voran. Firmen aus der Erneuerbaren-Branche zählten noch im vorigen Jahr zu den wichtigsten Stützen auf dem Arbeitsmarkt. Mehr als 380.000 Menschen arbeiteten 2011 in diesem Bereich. 125.000 Jobs rechnet eine Studie von DLR und anderen Instituten allein für die Solarindustrie vor, gepäppelt von gewaltigen Investitionen: Fast 23 Milliarden Euro flossen 2011 in den Ausbau der erneuerbaren Energien - 65 Prozent davon in die Photovoltaik. Rekord. Noch nie bauten die Deutschen so viele Solaranlagen auf ihre Dächer.

Und der Boom soll 2012 trotz Förderkürzung erst mal weitergehen, sagt die federführende Bundesnetzagentur voraus. Die Sonne deckt bereits rund vier Prozent des deutschen Strombedarfs, an guten Tagen sogar 20. In ein paar Jahren, so glauben Experten, wird sich ihr Anteil mehr als verdoppeln. Beste Chancen für gute Geschäfte für Firmen zwischen Berlin und Freiburg, könnte man meinen. Doch wer von diesem Boom profitiert, ist längst die Frage. Denn niemand zwingt die Deutschen, heimische Paneele zu kaufen. Die Angebote von Yingli oder Suntech aus China sind oft viel billiger.

"Wer nicht anpassungsfähig ist wird ein Opfer"

Dominierten die deutschen Hersteller den Weltmarkt in den vergangenen Jahren, haben internationale Konkurrenten inzwischen auf- und manchen deutschen Hersteller überholt. Vor acht Jahren hatten hiesige Firmen noch einen Weltmarktanteil von 60 Prozent. Heute liegt er unter 30. In der Branche geht längst die Angst um, dass es noch schlimmer kommt. Denn seit Donnerstag ist klar: Die Fördersätze werden weiter sinken. Nach einem Beschluss des Bundestags geht die milliardenschwere Solarförderung in Deutschland je nach Anlage um 20 bis 40 Prozent zurück.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen hält das im Hinblick auf die gewaltigen Fördersummen für unvermeidlich. "Wir müssen die Kosten im Blick halten." Die Branche müsse der asiatischen Billigkonkurrenz mit Innovationen begegnen. "Wer nicht anpassungsfähig ist, der wird ein Opfer."

Nur wie, fragen sich viele in der Branche, wenn doch das Geld ausgeht." Der Konkurrenzdruck ist riesig. Die Preise fallen zum Teil bis zu 45 Prozent, weil es weltweit zu große Produktionskapazitäten gibt", sagt O'Sullivan. Für sie sind die Pleiten in Deutschland keine Überraschung mehr. "Wir rechnen schon seit einigen Jahren damit, dass der Markt sich konsolidieren wird", so die 35-Jährige.

Vom Garagen-Start-up zum Insolvenzfall

Was das bedeutet, hat Stefan Säuberlich hautnah miterlebt. Säuberlich ist seit Januar 2010 Chef von Solon. Vor 15 Jahren wurde die Firma in Berlin als Garagen-Start-up gegründet. Dann gab es viele Jahre nur eine Richtung: nach oben. Der Umsatz verachtfachte sich von 2004 bis 2008 auf mehr als 800 Millionen Euro. Solon wurde die erste börsennotierte Solarfirma des Landes. Und der damalige Vorstand ging davon aus, dass es so weitergeht.

Eine Milliarde hatte sich Solon als nächste Umsatzmarke vorgenommen - man wäre in der Bundesliga der deutschen Firmen gelandet. Dass es gut läuft, sollte jeder sehen. Man baute sich schon mal eine neue Firmenzentrale mit geschwungenem Grasdach, den Solarpalast. Das Gebäude sollte die Sonne anbeten - so wollten es die Architekten.

Doch wer der Sonne zu nah kommt, verbrennt, erfuhren sie bei Solon. Die Hoffnungen waren zu groß, das Geschäft brach ein. Die Idealisten der ersten Stunde mussten gehen. Der Aufsichtsrat holte nach hohen Verlusten einen Sanierer. "Ich stehe hinter der Idee", sagt Säuberlich, "aber die Zahlen müssen stimmen." Vor Solon hat er eine Werft umgebaut. Nun will er die Solarfirma wieder auf Kurs bringen. "Don't leave the planet to the stupid." Mit diesem Slogan warb der Konzern jahrelang für seine Anlagen. Plötzlich versuchte man bei Solon nicht selbst zu den Dummen zu gehören, die bald ohne Job dastehen.

Zunächst blieb nur die Pleite. Im Dezember musste Säuberlich den Insolvenzantrag stellen. Doch seit kurzem ist klar: Die Firma aus Berlin Adlershof kann überleben - mit asiatischer Hilfe. Der arabisch-indische Microsol-Konzern hat die Firma Anfang März übernommen. Die 500 Jobs sind vorerst gerettet.

Die Nachfrage zieht international weiter an

Doch ausgerechnet der rettende Deal macht klar, was der Branche noch bevorsteht: Denn Microsol-Chef Anjan Turlapati will sich mit den Deutschen eine bekannte Marke und die präzise Technik der Berliner sichern, um in Deutschland bald in großem Stil ins Geschäft zu kommen und den etablierten Anbietern noch mehr Kunden abzujagen. Droht mit der Förderkürzung ein weiterer Rückschlag? "Wir werden es auch so schaffen", ist sich Säuberlich sicher. Die Branche müsse sich unabhängiger machen von Subventionen.

Experten gehen davon aus, dass das Geschäft der deutschen Solarhersteller wieder anzieht. "Wir erleben mit den Pleiten nicht das Ende der Branche", sagt O'Sullivan. Es gebe zwar eine Korrektur, "die Industrie aber ist kreativ, sie hat bewiesen, dass sie mit Krisen umgehen kann. Und die Nachfrage wird international weiter anziehen". Konzerne wie Bosch oder das taiwanesische Elektronikunternehmen Foxconn stiegen in die Produktion ein. Aus gutem Grund: In den USA, China, Italien, Frankreich und Japan habe die Nachfrage längst eine kritische Größe erreicht. "Und auch in Großbritannien, Belgien und Indien wächst das Interesse", sagt sie und rät: Die Deutschen Hersteller müssten sich eben neue Grenzen setzen.