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Tarifstreit bei der Bahn:"Das grenzt an die Methoden der AfD"

Bahn-Tarifkonflikt

Der Tarifstreit bei der Bahn wird mit lauten Parolen und harten Mitteln geführt. Daran gibt es teils harte Kritik.

(Foto: Boris Roessler/picture alliance/dpa)

Politikprofessor Wolfgang Schroeder kritisiert den Konfrontationskurs der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer scharf. Das Argument, die Pandemie sei besonders hart für die Beschäftigten gewesen, ziehe nicht.

Interview von Benedikt Peters

Eigentlich steht Wolfgang Schroeder, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Kassel, den Gewerkschaften nahe. Er arbeitete einige Jahre für die IG Metall. Doch das Vorgehen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), die im Tarifstreit mit der Bahn Warnstreiks angekündigt hat, kann er nicht verstehen.

SZ: Die GDL fordert 4,8 Prozent und 1300 Euro Corona-Prämie. Ist das angemessen?

Wolfgang Schroeder: Das ist der Versuch, aus der Pandemie Honig zu saugen. Als regelmäßiger Bahnnutzer wäre ich da vorsichtig. Auf der einen Seite ist es natürlich richtig, dass es in den Zügen ein potenzielles Infektionsrisiko gibt; aber dies war woanders vermutlich deutlich höher, zum Beispiel in Supermärkten und Großraumbüros. Die Züge waren meist recht leer, und die Bahn hat in verschiedenen Studien gezeigt, dass das Infektionsrisiko mit all den Sicherheitsmaßnahmen dann doch sehr gering ist.

Hat die Bahn denn überhaupt das Geld, um auf die Forderungen der GDL einzugehen?

Der Zugverkehr ist in der Pandemie zum Teil um bis zu 70 Prozent reduziert worden. Die Bahn hat dadurch ein riesiges Defizit angehäuft. Die gleichen Leute, die jetzt einklagen, dass sie mehr Leistung hätten erbringen müssen, haben in der Realität weniger arbeiten müssen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Forderungen der GDL sind einfach nicht darstellbar.

Was wäre denn angemessen?

Die 1,5 Prozent mehr Geld, die die EVG, die andere Bahngewerkschaft, vergangenes Jahr erzielt hat, zusammen mit Jobgarantien und der Zusage, die Beschäftigten weiterzubilden - das wäre ein fairer Kompromiss, mit dem auch eine Spaltung der Beschäftigten in verschiedene Niveaus abgewehrt würde.

Wie ist denn zu erklären, dass die GDL eine derart hohe Forderung stellt?

Das liegt vor allem am Wettbewerb zwischen der GDL und der EVG. Die Gewerkschaften konkurrieren um Mitglieder, die GDL hat im Moment in den meisten Betrieben der Bahn das Nachsehen. Jetzt will sie ordentlich auf den Putz hauen und in der laufenden Tarifrunde möglichst viel für die Beschäftigten herausholen, um wieder mehr Mitglieder zu gewinnen. Wäre es so, dass es offensichtliche Ungerechtigkeiten zwischen den Gruppen gäbe, wäre dieses Vorgehen durchaus geeignet, um soziale Rechte zu stärken.

Wolfgang Schroeder

Wolfgang Schroeder ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Kassel.

(Foto: David Ausserhofer)

Verschärft wird die Konkurrenz durch das Tarifeinheitsgesetz. Danach gelten in einem Betrieb nur die Verträge der Gewerkschaft, die dort die meisten Mitglieder hat. Was halten Sie davon?

Es muss sich noch zeigen, ob das Tarifeinheitsgesetz funktioniert oder nicht, die Situation bei der Bahn ist dafür ein Praxistest. Denkbar ist, dass sich das Gesetz als dynamisches Wettbewerbsgesetz entpuppt, das die Konkurrenz ankurbelt, aber der Betriebsfrieden und die Bahnkunden das Nachsehen haben. Wenn es nicht funktioniert, dann muss man das Gesetz eben ändern.

Die Konkurrenz zwischen den Gewerkschaften muss ja nicht schlecht sein, wenn die Lokführer und das Zugpersonal dadurch höhere Löhne bekommen.

Ich sehe das eher kritisch, denn die GDL führt den Kampf sehr schmutzig. Sie wirft der EVG zum Beispiel vor, eine Erwerbsminderungsgewerkschaft zu sein. Das führt zu einer Lagerbildung in der Belegschaft, auf die Dauer ist das nicht gut. Die GDL sucht die Polarisierung, auch gegen das Bahn-Management, nach dem Motto "wir da unten, ihr da oben". Ein Stück weit muss eine Gewerkschaft polarisieren, um die Interessen auch emotional zu transportieren und zu mobilisieren. Ich sehe da aber einen sehr starken Hang zum Populismus, das grenzt an die Methoden der AfD.

Nutzt das denn der GDL?

Ja, sie kann damit viele Leute ansprechen, aber der Preis ist hoch. Mit ihren Forderungen schädigt sie nicht nur das Betriebsklima bei der Bahn. Sie belastet auch das Tarifsystem insgesamt, das ja auf die Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Gewerkschaften und auf Interessenausgleich ausgelegt ist.

© SZ/jab/shs
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