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Gazastreifen:Gründen zwischen Ruinen

In einer Start-up-Akademie in Gaza-Stadt lernen junge Menschen Programmieren.

Wer hier eintritt, ist in einer anderen Welt: Graffiti mit flotten Sprüchen zieren die Wände, junge Frauen und Männer sitzen nebeneinander an Tischen, vor sich einen Laptop. In einer Bar kann man sich Kaffee holen. In diesem Co-Working-Space werden Ideen für Start-ups geboren, Programmiersprachen gelernt und der Einsatz von sozialen Medien für Werbekampagnen geübt.

Dieses Großraumbüro könnte sich auch in Tel Aviv befinden, es liegt aber in Gaza-Stadt im von Israel und Ägypten abgeriegelten Gazastreifen. Draußen könnten die Gegensätze nicht größer sein: Während in Tel Aviv die Wolkenkratzer in den Himmel wachsen, sind hier ringsum vom Krieg beschädigte Häuser und Ruinen zu sehen.

"Das ist ein sicherer Hafen", sagt Dalia Shurrab. "Als ich zum ersten Mal hierher kam, habe ich gespürt: Das ist ein Ort voller Energie, voller Leben, voller Hoffnung." Die 36-Jährige ist seit dem Start des Projekts Gaza Sky Geeks dabei. Die Physiklehrerin hat ihren Job an den Nagel gehängt und sich der Initiative angeschlossen, die 2011 von der amerikanischen Hilfsorganisation Mercy Corps ins Leben gerufen und von Google mit einem Startkapital von 900 000 Dollar ausgestattet wurde.

Der Grundgedanke war: Über das Internet lässt sich jede noch so hohe Mauer überwinden, Ideen können importiert und Lösungen exportiert werden. So begannen die himmelstürmenden Geeks (zu Deutsch: Computerfreaks) mit einem Workshop für Start-up-Gründer, dann folgten ein Programm für Programmierer und eine Bewerbungsakademie. Rund 120 junge Palästinenser lernen in verschiedenen Kursen jedes Jahr Programmieren, erklärt Ghada Ibrahim, die diese Akademie leitet. Die 33-Jährige hat eigentlich ein Architekturstudium absolviert und ist über einen Hackathon zu den Gaza Sky Geeks gekommen. Sechs Monate dauert das Training, dann beherrschen alle Teilnehmer die gängigen Programmiersprachen.

Wer noch keinen Job hat, kann sich dann bei der Bewerbungsakademie das nötige Rüstzeug für Präsentationen oder das Verfassen von Angebotsschreiben holen - falls man den Sprung in den zehnwöchigen Kurs schafft. Denn rund 2000 bewerben sich jedes Jahr für einen Platz, aber nur 60 können aufgenommen werden. Der Andrang ist groß, genauso wie auf dem Arbeitsmarkt. "Wir sind glücklich, dass wir hier genommen wurden. Aber was wir brauchen, sind Jobs", sagt Ahd Ifranji, die gerade ein Studium der Computerwissenschaften absolviert hat. Rund 2000 Absolventen von Technik-Studien der Universitäten im Gazastreifen gibt es jedes Jahr, aber nur wenige finden eine Stelle. Denn die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 45 Prozent.

Die Ressourcen sind knapp. Strom gibt es nur für acht Stunden am Tag

Ali Aizaanin hat sich selbst einen Job geschaffen: Der 29-Jährige war vor zwei Jahren beim Accelerator-Programm der Gaza Sky Geeks dabei und hat inzwischen ein eigenes Unternehmen aufgebaut: Car Cleaner. Per App kann sich jeder einen Autowäscher nach Hause bestellen, das Fahrzeug wird vor Ort gereinigt. Die Autobesitzer sparen damit viel Zeit. "Die Idee entstand, weil meine Mutter immer geschimpft hat, dass mein Auto so dreckig ist", erzählt er lachend. Rund hundert Kunden hat er, die ihn regelmäßig buchen. Aizaanin hat inzwischen auch mehrere Mitarbeiter, die er beschäftigen kann. Worauf er besonders stolz ist: Er verbraucht für eine Autowäsche nur fünf Liter Wasser.

Denn die Ressourcen sind knapp im Gazastreifen. Strom gibt es jeden Tag nur rund acht Stunden. Die Gaza Sky Geeks haben im Internet zu einer Crowdfunding-Runde aufgerufen, um sich einen Generator leisten zu können. Sogar ein Twitter-Gründer habe sich an der Finanzierung beteiligt, erzählt Dalia Shurrab mit sichtlichem Stolz. Die meisten der rund hundert Palästinenser, die jeden Tag in das Gebäude am Al Sinaa-Platz kommen, wollen vor allem das Internet für Arbeiten an ihren Projekten nutzen - eine stabile und schnelle Verbindung ist eine Seltenheit im Gazastreifen. Ein fixer Platz im Co-Working-Space kostet 70 Dollar pro Monat.

Das Projekt, das inzwischen 23 Start-ups hervorgebracht und rund 8000 jungen Palästinensern eine kostenlose Aus- und Weiterbildung ermöglicht hat, wird inzwischen vor allem von institutionellen Partnern getragen: Rund 80 Prozent des Budgets kommen von der kanadischen und niederländischen Regierung, berichtet Kevin Gomis, der sich seit zwei Jahren um die Finanzen kümmert. Zu den Partnern zählt auch das Büro der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung in Ramallah. Wie hoch das Budget genau ist, will er nicht sagen.

Der 35-jährige Gomis ist in Deutschland geboren und im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern nach Australien ausgewandert. Im Internet hat er von den Gaza Sky Geeks gelesen und wollte mitarbeiten. "Weil man hier etwas verändern kann."

Worauf Dalia Shurrab besonders stolz ist, ist die mit 43 Prozent hohe Teilnehmerzahl von Frauen. Dass die im Gazastreifen regierende radikalislamische Hamas Bedenken hat, dass hier Menschen beiderlei Geschlechts zusammen kommen, räumt auch Ghada Ibrahim ein: "Aber wir zeigen, dass etwas Tolles herauskommen kann, wenn Männer und Frauen zusammenarbeiten."

© SZ vom 03.01.2020
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