bedeckt München

Gastbeitrag:Sie bereichern Deutschland

Ulrich Walwei

Ulrich Walwei ist Vizedirektor am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und Honorarprofessor für Arbeitsmarktforschung am Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie der Universität Regensburg.

(Foto: IAB/dpa)

Zuwanderung ist auf lange Sicht der stärkste Hebel für Wirtschaftswachstum - und nicht nur deshalb ein Gewinn.

Von Ulrich Walwei

Flüchtlinge haben grundsätzlich erst einmal ein humanitäres Grundrecht. Die zunehmend diskutierten Fragen des ökonomischen Nutzens für unsere Gesellschaft sind nachrangig. Dennoch werden solche Fragen gestellt - und es ist auch zweifellos legitim, die ökonomischen wie gesellschaftlichen Folgen zu diskutieren.

Es gibt ein zentrales Argument: Bereits heute wirkt der demografische Effekt negativ auf die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte in Deutschland. Die Zahl der Arbeitskräfte, die aus Altersgründen aus dem Arbeitsmarkt ausscheidet, ist größer als diejenige der Jüngeren, die nach ihrer Ausbildung eine Beschäftigung aufnehmen. Der demografische Effekt lässt sich momentan auf etwa 300 000 Menschen pro Jahr beziffern. Wegen der immer mehr in die Jahre kommenden geburtenstarken Jahrgänge wird aber der negative Effekt der Demografie zukünftig immer stärker. Er kann jedoch einerseits durch eine stärkere Erwerbsbeteiligung und andererseits durch Zuwanderung kompensiert werden.

Die Zahl der Arbeitskräfte wird im nächsten Jahr überraschend wieder einen Rekord erreichen

Bei der Erwerbsbeteiligung von Älteren und Frauen halten sich die noch nicht ausgeschöpften Potenziale langfristig in Grenzen. Spätestens dann, wenn Ältere noch besser in den Arbeitsmarkt integriert sein werden als heute und irgendwann kaum noch Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung zwischen Frauen und Männern beobachtet werden können, wird es bei der Größe des Erwerbspersonenpotenzials vorrangig auf die Zuwanderung ankommen. Sie ist auf lange Sicht der stärkste Hebel zur Stabilisierung des Arbeitskräfteangebots. Die Stabilisierung des Erwerbspersonenpotenzials ist wichtig, weil die Zahl derer, die arbeiten können, wirkt sich positiv auf das zur Verfügung stehende Kapital, die Investitionen, den gesamtwirtschaftlichen Konsum und damit den langfristigen Wachstumspfad einer Volkswirtschaft aus. Noch bis vor gar nicht langer Zeit war allenthalben erwartet worden, dass der Schrumpfungsprozess des Arbeitskräfteangebotes unmittelbar bevorstünde und dann nur noch eine Richtung kennen würde - nämlich nach unten. Jetzt ist aber alles anders gekommen. Die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte wird im nächsten Jahr mit voraussichtlich 46,2 Millionen überraschend wieder einen neuen Rekordwert erreichen. Der Rückgang des Arbeitskräftepotenzials wird sich erst einmal nach hinten verschieben. Verantwortlich hierfür ist die aktuell starke Zuwanderung, die zusammen mit der noch wachsenden Erwerbsbeteiligung den demografischen Effekt mehr als kompensiert. Hierzu wird nicht nur der aktuell beträchtliche Flüchtlingsstrom beitragen, sondern auch die Binnenwanderung in der Europäischen Union in Folge der Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit sowie der Konsequenzen der Finanz- und Schuldenkrise. Während die EU-Binnenwanderungen mit der Erholung der Krisenstaaten in Südeuropa in naher Zukunft abnehmen dürften, ist ein Ende des Zugzugs von Flüchtlingen nicht in Sicht. Denn in den Herkunftsländern sind die Lebensbedingungen nach wie vor schlecht, der Krieg in Syrien etwa hält an. Deshalb wird das Erwerbspersonenpotenzial insbesondere aufgrund der Zuwanderung aller Voraussicht nach Ende dieser Dekade höher liegen als zu deren Beginn. Dies relativiert nicht nur bisherige Aussagen zum Umfang möglicher Arbeitskräftelücken in der näheren Zukunft. Im Gegenteil: Ende der Dekade werden noch einmal mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen als dies heute der Fall ist. Und das ist gut so. Der Anstieg des Arbeitskräfteangebots eröffnet vielfältige Chancen. Menschen mit anderen Erfahrungen bereichern die Belegschaften und können dazu beitragen, die Vorteile kultureller Vielfalt in deutschen Betrieben zu realisieren.

Doch dies ist kein Selbstläufer. Es bedarf großer Investitionen in die Ausbildung der Zuwanderer, um die Migration nach Deutschland für alle Seiten zu einem Gewinn zu machen. Zudem wird auch Flexibilität, beispielsweise mit Blick auf die Anerkennung von Qualifikationen oder mit Blick auf den Hochschulzugang erforderlich sein, um die Fortschritte möglichst schnell erreichen zu können. Die Ankunft der Flüchtlinge hat aber noch einen weiteren Vorteil: Hierdurch sammeln wir Erfahrungen mit höherer Zuwanderung, und diese wird aus Gründen der Demografie in der Zukunft immer wichtiger werden. Wir entwickeln so Strukturen für die Integration - und verbessern, wenn es gut läuft, auch unsere Willkommenskultur. Die aktuell sicher nicht leicht zu bewältigende Situation kann langfristig einen extrem wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Arbeitskräfteangebots in Deutschland leisten.

© SZ vom 17.11.2015

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite