Süddeutsche Zeitung

Gastbeitrag:IT kann Firmen grüner machen

Unternehmen müssen lernen, nachhaltiger zu werden. Digitalisierung kann dabei helfen, sie birgt aber auch Risiken.

Von Jan Recker

Für Menschen und Firmen gilt: Gute Vorsätze sind leichter ausgesprochen als umgesetzt. Bei beiden ist schnell Motivation geweckt, aber gerne auch kurzlebig. Tiefgreifende Änderungen in Verhalten und Anreizen sind vonnöten. In Konzernen kann dabei der IT-Vorstand, der CIO, eine entscheidende Rolle spielen. Das wird häufig übersehen. Viele CIOs wollen die Prozesse ihrer Unternehmen digitalisieren, denn der Einsatz von Technologie ermöglicht es, die Effizienz zu verbessern. Aber nicht nur: Die Digitalisierung erlaubt auch nachhaltigeres Arbeiten, bei richtigem Einsatz.

Wenn man mal von industriellen Produktionsfirmen absieht, sind in den meisten Branchen Dienstreisen und Papierverbrauch die größten CO₂-Verschmutzer. Beide Umweltprobleme sind vermeintlich leicht auszumerzen: Digitale Prozesse brauchen kein Papier, digitale Kollaborationsplattformen ersetzen den Flug, das mobile Arbeiten den Dienstwagen. Firmen wie SAP haben schon vor Jahren vorgelebt, wie man jedem Mitarbeiter sowohl Anreize als auch Möglichkeiten für ein umweltbewussteres Arbeiten bieten kann. Die Unternehmen stellen beispielsweise mobile, digitale Arbeitsplätze und virtuelle Kollaborationsräume bereit - schon wird weniger gefahren. Das kann gekoppelt werden mit ökologisch motivierten Zielvorgaben, die Dienstreisen nur als begründete Ausnahme erlauben. Dazu kommt dann der vorgelebte kulturelle Wandel: Der CIO kommt auf dem Fahrrad ins Büro.

Und das ist nur der Anfang. Informationstechnologie kann auch ein Umdenken motivieren, neue Denkanstöße bereitstellen und die ökologische Einstellung der Belegschaft beeinflussen. Mit Facebook und Twitter kann man nicht nur großpolitische Meinungsmache betreiben, sondern auch im Bereich Umweltschutz Meinungen beeinflussen, mit positiven Zielen und Konsequenzen. Environmental Sensemaking wird das in der Forschung genannt: Durch sorgfältig gestaltete Informationssysteme, die zum Beispiel auf firmeneigenen sozialen Netzwerken oder Informationsportalen zum Einsatz kommen, können Umweltfakten dargestellt werden, die Mitarbeiter bewusst überraschen und zum Nachdenken anregen: "Wusstet ihr eigentlich, wie viele Kaffeebecher jeden Tag bei uns weggeschmissen werden?" Feedback-Angebote oder Kommentare binden Mitarbeiter in den Diskurs um Probleme und Lösungsansätze ein. Abstimmungsmechanismen wie Likes können beschleunigen, welche Entscheidung getroffen und wie sie umgesetzt wird.

Auch in der täglichen Arbeit können IT-gestützte Lösungen Mitarbeiter motivieren, umweltbewusster zu entscheiden. Das heißt in der Forschung Eco-Nudging. Die Idee ist begründet in Richard Thalers Nobelpreis-Arbeiten, wie man Menschen zu klugen Entscheidungen "anstupst". Solche Anstöße müssen nicht auf Gesundheit, Reichtum und Glücklichsein beschränkt sein. Digitale Plattformen und Prozesse ermöglichen es, bei der Arbeit die ökologisch nachhaltigeren Alternativen attraktiver zu machen, ohne den Entscheidungsspielraum der Mitarbeiter einzugrenzen. Zum Beispiel könnte auf den Bildschirmen der Mitarbeiter folgendes Fenster aufploppen: "Muss dieses Dokument wirklich einseitig und in Farbe gedruckt werden?" Vermutlich werden sich viele Mitarbeiter anschließend ökologischer entscheiden als ohne diese Frage.

Leider werden Eco-Nudging und Environmental Sensemaking als technologie-getriebene Lösungen für nachhaltigeres Arbeiten bisher nur wenig diskutiert oder auch erforscht. Der Diskurs um IT in der Firmenwelt ist nämlich ähnlich disproportioniert wie auch das Thema IT für das nachhaltigere Arbeiten - die ökologische Seite des IT-Einsatzes wird nachrangig betrachtet.

Als Beispiel: Das Jahr 2019 war in Deutschland zum "Jahr der künstlichen Intelligenz" ausgerufen. Der Diskurs betrachtete die wirtschaftlichen Einsatzgebiete der KI; die Wissenschaft fragte zum wiederholten Male, wie intelligent die KI denn nun wirklich sein kann. Selbst das Thema Liebe zwischen Mensch und Maschine wurde behandelt - der ökologische Fußabdruck von KI-Systemen aber nicht. Dabei zeichnen die ersten, wenigen Studien in diesem Bereich ein erschreckendes Bild. Um gewöhnliche KI-Modelle wie etwa die Spracherkennung von Systemen wie Siri oder Alexa anzulernen, sind unglaublich intensive Berechnungen vonnöten. Sie erzeugen einen enormen Energieaufwand: Ersten Schätzungen zufolge kann der CO₂-Fußabdruck für die Berechnung eines einzigen "Deep Learning"-Modells fünfmal höher sein als der Fußabdruck eines Autos über seine gesamte Lebensspanne, inklusive Herstellung und Betankung. Energiekosten für Datenzentren werden hierbei nicht mal berücksichtigt, welche einen Energiebedarf von mehreren Hundert Megawattstunden anmelden - vergleichbar mit dem Bedarf mittelgroßer Städte.

Bei der Blockchain, einer dezentral verteilten Datenbanktechnologie, zeigt sich ein ähnliches Bild. Ihr Potenzial für schnellere, automatisierte und sicherere Prozesse wird vielfach herausgearbeitet, betont und verkauft - allerdings weitgehend ohne Betrachtung der umweltseitigen Kosten, die der Einsatz dieser Technologie mit sich bringt. Und das, obwohl allein die beliebte Blockchain-Anwendung Bitcoin den Energieverbrauch einer Nation wie Sri Lanka übertrifft.

In der wirtschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Diskussion über den Umweltschutz tauchen Informations- und Kommunikationstechnologien fast gar nicht auf. Das ist bedauerlich. Es geht bei den ökologischen Themen erstaunlich wenig um die Technologien an sich, sondern vielmehr um Leitung und Kontrolle, um Normen und Gesetze, um Kultur und Verhalten. Als ob auch nur einer dieser Bereiche ohne Technologie auskommen würde.

Die Diskurse um die Digitalisierung und eine nachhaltigere Firmenlandschaft müssen sich ändern und annähern. In der Zukunft sind vermehrt Prozesse digitalisiert, KI kommt häufiger zum Einsatz, Informationssysteme koordinieren Mensch und Maschine beim verteilten Arbeiten. Dieser Wandel bietet zum einem Potenzial, ökologisch effiziente und effektive Entscheidungen bei der Arbeit zu treffen. Er birgt aber auch mehr Gefahren - wenn wir den "analogen", physischen Umweltfußabdruck einfach durch einen digitalen Fußabdruck ersetzen und dabei übersehen, dass dieser nicht zwangsläufig besser, geschweige denn nachhaltig ist. IT bietet für den Umweltschutz Lösungswege an, ist aber gleichzeitig auch ein wachsender Teil des Problems. Wir werden gut daran tun, diese Dialektik wahrzunehmen und zu beachten.

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Quelle:
SZ vom 13.01.2020
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