Debatte zur Euro-Schuldenkrise Europa hat die Banken missbraucht

EU-Staaten sind bei ihren Banken tief verschuldet. Das ist ein Problem. Soll der Euro überleben, müssen Staaten pleite gehen können.

Ein Gastbeitrag von John Cochrane

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Die jüngste Griechenland-Krise rückt das größte Strukturproblem des Euro in den Vordergrund: Unter dem Dach einer gemeinsamen Währung müssen Staaten genauso wie Firmen pleitegehen können. Banken müssen international offen sein, sie dürfen nicht vollgepackt sein mit den Schuldtiteln lokaler Regierungen. So war der Euro ursprünglich konzipiert. Leider haben Europas Politiker die erste Prämisse vergessen und sind zur zweiten gar nicht erst vorgedrungen. Jetzt ist es Zeit, beides in Angriff zu nehmen.

Sollte Volkswagen einmal seine Schulden nicht mehr bedienen können und Konkurs anmelden, käme niemand auf die Idee, dass das Unternehmen deshalb aus der Euro-Zone austreten und seine Arbeiter in Volkswagen-Mark bezahlen muss. In einer Währungsunion können Regierungen ihre Probleme nicht durch Gelddrucken lösen, daher sind sie wie Unternehmen.

Illustration: Lisa Bucher

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Als Griechenland in Schwierigkeit geriet, ging das erste Hilfspaket an deutsche und französische Banken, die jede Menge griechische Schulden gekauft hatten. Diese Schulden wurden alle in den öffentlichen Sektor transferiert, indirekt also zum deutschen Steuerzahler. Warum hat man es zu einem Zeitpunkt, an dem die Finanzkrise von 2008 schon im Rückspiegel zu sehen war, den europäischen Banken - sie sind offensichtlich zu groß, als dass man sie pleitegehen lassen könnte - erlaubt, griechische Schuldtitel bis zu einem Punkt in die Bilanz zu nehmen, an dem sie gerettet werden mussten? Warum haben es Europas Regulierer den Banken erlaubt, Staatsschulden als risikofreie Anlagen zu halten?

Die Griechen wären Trottel, wenn sie ihr Geld in die Banken zurückbrächten

Die Euro-Debatte

Sparen oder nicht? Schuldenschnitt - ja oder nein? Prominente Ökonomen, Historiker und Politikwissenschaftler diskutieren in der SZ über die Krise in Griechenland und was daraus für Europas Zukunft folgt. Alle bisherigen Beiträge - von Marcel Fratzscher über Ludger Schuknecht, Hans-Werner Sinn, James Galbraith und Mark Blyth bis hin zu Jeffrey Sachs - finden Sie unter: www.sz.de/szdebatte-griechenland.

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Das Problem wurde noch schlimmer. Griechische Banken sind vollgepackt mit griechischen Staatspapieren. Deshalb ist es zu einem Run auf die Banken gekommen. Griechen, die wussten, dass ihre Banken pleite sind, wenn die Regierung sich zahlungsunfähig erklärt, haben so schnell wie möglich ihr Geld in Sicherheit gebracht. Sie hörten auf, Hypotheken zu bedienen, sie hörten auf, Steuern zu bezahlen, sie hörten auf, sich untereinander zu bezahlen. Jetzt befindet sich die Wirtschaft im freien Fall. Selbst wenn die Banken nun angeblich geöffnet sind, bleiben die Kapitalverkehrskontrollen in Kraft, weshalb die Griechen keine Importe zahlen können. Kluge Griechen wissen, dass es noch die Möglichkeit eines Grexit gibt, dass die Kontoinhaber zur Kasse gebeten werden und die Kontrollen verschärft werden könnten. Sie wären Trottel, wenn sie ihr Geld in die Banken zurückbrächten.

Eine moderne Wirtschaft kann nicht ohne Banken funktionieren. Griechenland wird seine Wirtschaft nicht neu starten können, es wird nicht wieder Steuern einnehmen und irgendwelche Hoffnungen auf eine Rückzahlung der Schulden wecken können ohne Banken, die komplett offen und vertrauenswürdig sind.

Das Bankwesen in Europa sollte offen sein, und es sollte getrennt werden von Schuldtiteln lokaler Regierungen. Jeder Grieche sollte in der Lage sein, seine Euro in eine paneuropäische Bank zu bringen, deren Vermögenswerte in ganz Europa di-versifiziert sind. Diese sollte noch nicht einmal einen Schluckauf bekommen, wenn Griechenlands Regierung pleitegeht. Ein griechisches Unternehmen sollte ebenso von einer Bank leihen können, deren Einlagen aus ganz Europa stammen. Wenn eine griechische Bank pleitegeht, sollte eine europäische Bank in der Lage sein, einzuspringen und am anderen Morgen ihre Tür für die Kunden zu öffnen. Und die griechische Regierung sollte nicht das Recht haben, Konten zu beschlagnahmen, und sie sollte die Banken nicht zwingen, ihre Schuldtitel zu kaufen oder die Währung zu ändern, auf die die Einlagen der Kunden lauten.

Wenn es in der Wirklichkeit so gewesen wäre, hätte es keinen Run auf die Banken gegeben. Die griechische Wirtschaft wäre nicht kollabiert. Und Europa hätte härter gegenüber der griechischen Regierung auftreten können, was die Rückzahlung der Schulden betrifft.

Der Autor

John H. Cochrane, 57, forscht am Hoover Institute der Stanford Universität, Kalifornien, in den Bereichen Makroökonomie, Geldtheorie und Finanzwirtschaft. Vorher war er als Professor in Chicago tätig. In seinen jüngsten Publikationen geht es um die Staatsschuldenstruktur der USA und die Kosten und Nutzen der Regulierung von Finanzmärkten.

So jedenfalls funktionieren die Vereinigten Staaten. Wenn amerikanische Bundesstaaten und Städte - wie zum Beispiel Detroit, Puerto Rico oder womöglich Illinois - pleitegehen, gibt es keinen Run auf die Banken, sie brechen nicht zusammen oder müssen schließen. Warum nicht? Niemand kommt auf die Idee, dass bankrotte Staaten oder Städte die Dollar-Zone verlassen und eine neue Währung erfinden müssten. Die Regierungen können Banken nicht zwingen, ihnen Geld zu leihen, und können auch nicht Einlagen beschlagnahmen oder deren Wert ändern. Amerikaner können problemlos ihr Geld bei Banken einzahlen, die nach allgemeinen, landesweit geltenden Gesetzen funktionieren, und die Banken sind immun gegen den Bankrott von Staaten oder Kommunen.