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Gasmarkt:Revolution in den Rohren

Am Dienstag könnte sich die Welt der deutschen Gasversorger deutlich ändern - mit neuen Regeln für die Nutzung der Netze.

Die Wirklichkeit des deutschen Gasmarktes lässt sich am ehesten mit dem Gasnetz selbst vergleichen: Er liegt, wie Gasrohre, weitgehend im Dustern; er ist ein unendlich kompliziertes, über Jahrzehnte gewachsenes Konstrukt; und es verdienen relativ wenige Unternehmen daran. Das aber tüchtig.

Montage von Gasrohren

Montage von Gasrohren

(Foto: Foto: AP)

Am Dienstag dürfte sich das alles ändern. Nach monatelangen Beratungen mit Beteiligten und Betroffenen will die Bundesnetzagentur erstmals ein "Gasnetzzugangsmodell" vorstellen, mit klaren Regeln für alle, die in Deutschland Erdgas verkaufen wollen. Es winken sinkende Preise, denn ein wachsender Wettbewerb zwischen alteingesessenen und neuen Anbietern, so hofft die Netzagentur, könnte auch den Abnehmern nützen.

Bislang war Wettbewerb für die Branche eher ein Fremdwort. Weil das deutsche Gas meist aus dem Ausland kommt, muss es im Inland weit transportiert werden. Das freilich geht nur durch die vorhandenen Gasleitungen, die wiederum im Besitz weniger Ferngasgesellschaften sind. Und am Ende der Rohre sitzen Stadtwerke, die das Gas schließlich zum Abnehmer bringen sollen. Für Gashändler und alle, die neu auf den Markt kommen wollten, war das deutsche Röhrensystem bislang ein Alptraum.

Wer zum Beispiel in Emden Erdgas in das Rohrnetz einspeisen wollte, um es in München abzuliefern, musste oft nicht nur Verträge mit den Ferngasgesellschaften entlang der Strecke schließen. Er musste auch darüber verhandeln, welche Wege das Gas auf dem Weg nach München nimmt, welche Kilometer und welcher Preis am Ende zustande kommt. Auch der Weitertransport im Nahnetz wollte eigens ausgehandelt werden.

"Man musste schon Pfadfinder sein, um sich da zurechtzufinden", sagt Andreas Jahn vom Bundesverband Neuer Energieanbieter. "Der Zusatzaufwand für neue Anbieter", heißt es auch bei den Stadtwerken Aachen, "war einfach zu groß." Das alles könnte leichter werden. Im Gespräch ist nun ein System, das der Preisgestaltung von Nahverkehrsverbünden ähnelt. Wer Gas durch Deutschland transportieren will, löst künftig eine Art Fahrkarte. Je nach Weg und Entfernung muss er eine Tarifzone wählen, die mehr oder weniger teuer ist.

Der Weg ist nicht festgelegt

Innerhalb dieser Zone aber ist der Weg des Gases nicht festgelegt. Das erhöht die Flexibilität beim Transport: Wird die Kapazität in einer Leitung eng, kann das Gas auch einen anderen Weg zum Kunden nehmen - zum gleichen Preis.

Klingt einfach. Doch die Verhandlungen der vergangenen Wochen waren, gelinde gesagt, kontrovers. Eine radikale Öffnung der Netze, viele neue Wettbewerber, das schmeckt etablierten Anbietern nicht. Firmen wie Eon Ruhrgas seien "die treibende Kraft, dass ein funktionierender fairer Gaswettbewerb verhindert wurde", wetterte unlängst Dieter Attig, Chef der Stadtwerke Aachen - und trat zusammen mit vier anderen Stadtwerken aus dem Gasversorger-Verband BGW aus. Der sucht derweil seine Position zu verteidigen. Strittig ist etwa, wie viele "Tarifzonen" es geben soll - je mehr es sind, desto umständlicher wäre auch das neue System. Oder aber, wo und wie Stadtwerke das Gas aus dem Ferngasnetz entnehmen - auch hier hat die Netzagentur die Wahl zwischen verschiedenen Modellen, die mal mehr, mal weniger Wettbewerb zulassen.

Vieles deutet auf Kompromisse hin. Doch gleich welches Modell die Netzagentur vorstellen wird: Es kann nur besser werden. Ganze 200-mal, so erhob der BNE, wechselten in Deutschland bislang Kunden ihren Gasanbieter - seit 1998.