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Gashandel mit Russland:Es geht um mehr als eine Pipeline

The World At Work 2012 Best Photos By Bloomberg

Temperaturen von unter minus 40 Grad Celsius können in den Regionen Sibiriens herrschen, wo das russische Erdgas gefördert wird, wie hier auf der Jamal-Halbinsel

(Foto: Bloomberg)
  • Die Gasgeschäfte zwischen Russland und Europa leiden unter den politischen Spannungen. Die russische Regierung ließ vergangene Woche die Pläne für die gemeinsame Pipeline South Stream platzen.
  • In Sibirien wird das Gas unter schwierigsten Bedingungen gefördert. Die Menschen dort sind besorgt wegen des aktuellen Streits.

Für Roman Lukovkin, 42, ist es ein guter Tag: Sonne und Minus 40 Grad - nur. Es gibt noch ungemütlichere Tage in der sibirischen Taiga bei Nowy Urengoi. Lukovkin ist das gewöhnt. Er ist Chefingenieur eines Gemeinschaftsunternehmens von Gazprom und der BASF-Tochter Wintershall, der Mann, der Gas aus dem größten Vorkommen der Welt in die Pipelines Richtung Westen bringt. Seit 28 Jahren ist Lukovkin in diesem Niemandsland zu Hause, zweimal pro Woche fährt er hinaus ins Feld. Es ist ein Leben für das Gas, "unseren größten Schatz", sagt er.

Nowy Urengoi ist Russlands Gashauptstadt. 1966 entdeckten Pioniere hier tief unter der Erde riesige Vorkommen. Ein paar Jahre später ließ Moskau hier, in diesem lebensfeindlichen Terrain, eine Stadt aus dem Boden stampfen: 250 Tage Winter, Temperaturen von bis zu minus 60 Grad, und das 72 Zugstunden von Moskau entfernt. Die erste Straße nannten sie die der Optimisten. Heute leben hier am Polarkreis 120 000 Menschen in Plattenbauten. Nur - Optimisten gibt es derzeit nicht viele. "Wir hoffen, dass die friedlichen Zeiten zurückkommen", sagt Lukovkin. Sicher ist er sich da nicht.

Lange standen Gas und Pipelines für eine unverrückbare Verbindung in Europa. Doch die Gasdiplomatie wird rauer. Pipeline-Pläne platzen über Nacht, Milliardengeschäfte stehen auf der Kippe. Und glaubt man Insidern, könnte auch der Gaskonflikt in der Ukraine in den nächsten Monaten wieder aufflammen.

Als gäbe es die Krise gar nicht, schießt bei Nowy Urengoi unablässig Gas aus bis zu 4000 Meter Tiefe. Durch Tausende Kilometer Pipeline fließt es an St. Petersburg vorbei. Es lässt Finnland rechts und Polen links liegen und taucht an der deutschen Ostseeküste wieder auf. Sechs Tage braucht es nach Berlin und Hamburg und in Millionen deutsche Häuser. Ein Drittel seines Gases bekommt die EU über Pipelines aus Russland, einen Großteil davon aus Nowy Urengoi.

"Das macht mir Angst"

Ein Restaurant in Moskau am Montagabend. Wintershall-Vorstand Mario Mehren, einer der wichtigsten deutschen Gasmanager, spricht über die milliardenschweren Russland-Pläne der BASF-Tochter. Seine Firma fördert mit russischen Partnern 28 Milliarden Kubikmeter Gas, ein Drittel des deutschen Bedarfs. Milliarden will der Konzern investieren. Und trotzdem sagt Mehren offen: "Viele Entscheidungen Russlands sind nur schwer nachvollziehbar."

Er ist gekommen, um mit Gazprom zu reden. "Bei allem, was uns trennt: Wir dürfen nicht das Verbindende aus den Augen verlieren", beschwört Mehren. Gemeinsame Pipelines wie South Stream seien eine große Chance. Minuten später ein Anruf aus Deutschland: Russland stoppt das gemeinsame Milliardenprojekt mit Wintershall. Der Partner ist so brüskiert wie hilflos. Europa müsse künftig wohl mit weniger Gas rechnen, sagt Präsident Wladimir Putin bei einem Staatsbesuch in der Türkei noch. Schuld sei die EU.

Was die neue Eskalation für Europas Versorgungssicherheit bedeutet, fragen sich Politiker und Unternehmer nun schon seit Tagen. Klar ist: Es geht in den deutsch-russischen Beziehungen gerade viel mehr zu Bruch als nur eine Pipeline. "Wir erleben einen vollkommen unberechenbaren Partner", sagt die Führungskraft eines deutschen Energiekonzerns über Russland. "Das macht mir Angst."