Energiepreise:Der Gas-Spotmarkt - leider nichts für Privatleute

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Energiepreise: Nicht überall ist das Gas gleich teurer: Der kurzfristige Spotmarkt ist meistens günstiger als der langfristige Terminmarkt.

Nicht überall ist das Gas gleich teurer: Der kurzfristige Spotmarkt ist meistens günstiger als der langfristige Terminmarkt.

(Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa)

Der Gasabschlag steigt, an der Spot-Rohstoffbörse wird Gas dagegen billiger. Warum man davon bei sich zu Hause aber nicht profitieren kann.

Von Johannes Korsche

Wenig ist sicher in diesen Zeiten, außer vielleicht einem: Der Gasabschlag wird steigen. Doch während sich Mieter auf steigende Gaskosten einstellen, wird Gas seit September auf dem sogenannten Spotmarkt immer günstiger. Auf diesem Markt beschaffen sich große Unternehmen kurzfristig Gas, deswegen wird er auch "Heute-und-Jetzt-Markt" genannt. Zuletzt war der Preis dort für eine Kilowattstunde auf umgerechnet etwa drei Cent pro Kilowattstunde gefallen, bevor er wieder auf derzeit elf Cent anstieg. Zum Vergleich: 2020 - lange vor der Gaskrise - zahlte man im Schnitt knapp sieben Cent bei seinem Gasversorger. Also liegt die Frage nahe: Kann man als Privatperson nicht auch von den günstigeren Preisen auf dem Spotmarkt profitieren?

Die Rohstoffbörse

Erster Versuch: Es geht zur europäischen Rohstoffbörse, der European Energy Exchange AG. Oder kurz: EEX. Die sitzt in Leipzig und organisiert den Spotmarkt für Gas, Strom und andere Rohstoffe. Auf dem globalen EEX-Spotmarkt für Erdgas wurden allein im vergangenen Oktober 346,3 Terawattstunden gehandelt. Eine Terawattstunde sind umgerechnet eine Million Megawattstunden beziehungsweise eine Milliarde Kilowattstunden. Zum Vergleich: Den Jahresverbrauch einer Familie in einer 100-Quadratmeter-Wohnung schätzt man für Heizen und Warmwasser im Schnitt auf circa 15 400 Kilowattstunden. Und da beginnen die Probleme. Denn die Menge, die man im EEX-Gashandel mindestens kaufen muss, liegt bei einem Megawatt. Viel zu viel für den privaten Verbrauch.

Vielleicht hat die EEX deswegen auch relativ strenge Regeln, wer an die Börse darf: nur zugelassene Unternehmen mit einem Eigenkapital von mindestens 50 000 Euro. Außerdem müssen Händlerinnen und Händler - im Fachjargon "Trader" - eine Schulung machen. Einfach so an die Rohstoffbörse gehen, noch dazu als Privatperson, das klappt schon mal nicht.

Der Gasversorger

Also geht es weiter zu den Gasversorgern. Mit Tarifen, die sich an den Spotmarkt anlehnen, kennen sich die Stadtwerke München aus. Zumindest bieten sie einen dynamischen Stromtarif an, der sich preislich am Stromspotmarkt orientiert. Versorger ab einer gewissen Größe sind sogar gesetzlich verpflichtet, ein solches Tarifmodell anzubieten. Einige Voraussetzungen hat dieses Modell aber. Zum Beispiel ein "intelligentes Messsystem", das in der Lage ist, den Verbrauch je nach Zeitpunkt genau zu messen. Bieten die Münchner Stadtwerke auch so einen dynamischen Gastarif an? "Nein", antwortet das kommunale Unternehmen, es "fehlt bislang die technische Grundlage für die Implementierung eines dynamischen Gastarifs".

Genauso sieht es auch bei der Gasag AG aus, die Berlin mit Gas versorgt. Es gibt kein Messsystem und damit auch keinen dynamischen Gastarif. Ein dynamischer Gastarif wird in der kommenden Zeit bundesweit wohl nicht eingeführt: "Überlegungen, im Energiewirtschaftsrecht einen Anspruch auf Gaslieferverträge mit dynamischen Tarifen zu verankern, gibt es aktuell nicht", heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Der Spotmarkt-Profi

Wenn man sich mit den Profis auf dem Spotmarkt unterhalten will, kommt man um Andreas Clor nicht herum. Er ist Geschäftsführer der EGT Energievertrieb, ein Energieversorger aus dem Schwarzwald, der sich auf dynamische Energietarife spezialisiert hat. Clor ist überzeugt: Im Durchschnitt sei man die vergangenen Jahre in den meisten Fällen besser mit einem Gastarif gefahren, der sich am Spotmarkt orientiert habe.

Zum Beweis hat Clor ein paar Zahlen aus den vergangenen Jahren dabei. Der Spotmarktpreis liegt demnach im Mittel unterhalb des längerfristigen Terminmarktpreises, zu dem Monate oder Jahre im Voraus eingekauft werden kann. An diesen längerfristigen Preisen orientiert sich der klassische Gastarif. Sogar in den kalten Monaten, in denen die Heizungen angemacht werden, ist der Spotmarkt meistens geringfügig billiger.

Nun ist 2022 kein normales Jahr. Aber selbst in diesen untypischen Zeiten liegen die Spotmarktpreise derzeit wieder unter denen des längerfristigen Handels - und das ungeachtet der Heizsaison. Ende Oktober hätte man hingegen bis zu 10,5 Cent pro Kilowattstunde gespart. Im März war das noch anders: Etwa 17 Cent war die Kilowattstunde da auf dem Spotmarkt kurz mal teurer. Schwankungen sind also normal. Deswegen betont Clor den Durchschnittspreis über ein Jahr hinweg, der solche großen Ausschläge glättet.

Unterstellt man den Durchschnittsverbrauch im November und die genannten 10,5 Cent Unterschied für den ganzen Monat, dann könnte die Durchschnittsfamilie in der 100-Quadratzimmerwohnung bis zu 180 Euro sparen. Doch selbst bei der EGT Energievertrieb kann man derzeit nicht von den Spotmarktpreisen profitieren. Grund ist ein Neukundenstopp: Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben keine Kapazitäten mehr, neue Kunden anzunehmen. Ohnehin bietet Clor nur in Ausnahmefällen den dynamischen Gastarif auch Privatkunden an. Die EGT richte sich eben vor allem an Kunden aus Industrie und Gewerbe. Der Spotmarkt, er bleibt Privatkunden verschlossen.

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