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Gartenbau:Gepflanzt für die Tonne

Gärtnereien hegen Blumen- und Gemüsepflänzchen, die sie kaum verkaufen können. Mancherorts sollen ihre Läden bald wieder öffnen. Für einige Betriebe könnte es da schon zu spät sein.

Von Elisa von Grafenstein und Silvia Liebrich

„Wohin mit den vielen Pflanzen?“ Gabriele Geier und ihre Familien betreiben ein großes Gartencenter, das wie viele andere in Bayern seit Wochen geschlossen bleibt. Viele von ihnen kämpfen nun ums Überleben.

(Foto: Silvia Liebrich)

Die Geranien könnten nicht besser dastehen. Ein bisschen sieht es so aus, als würden die Blütenköpfe in pink und rot über dem sattgrünen Blättermeer schweben. Und auch die Gurken- und Paprikapflänzchen zeigen sich in Bestform. Trotzdem will bei Gabriele Geier keine Freude aufkommen. Was fehlt, sind die Kunden. "Ich habe in den vergangenen Wochen viele Nächte kaum geschlafen, weil immer wieder die Existenzangst hochkam", sagt die 52-Jährige, die vor langen Pflanzentischen steht. Hunderte Töpfe stehen dort dichter als sonst, weil keine Ware rausgeht und der Platz knapp wird.

Die Corona-Krise ist dabei, all das zu gefährden, was sie sich mit ihrem Mann und ihrer Familie in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut hat. Bayern gehört neben Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen zu den wenigen Bundesländern, in denen Gartencenter und Baumärkte nun schon seit Wochen geschlossen bleiben. Sie sollen frühestens am 20. April wieder öffnen dürfen, wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Donnerstag ankündigte.

Wichtige Einkünfte fehlen derzeit. Viele Betriebe in Bayern bringt der Shutdown in ernste Schwierigkeiten, auch den der Geiers im kleinen Ort Weil in der Nähe von Landsberg am Lech. Eine Adresse, die Gartenliebhaber im Großraum München und darüber hinaus kennen. Neben einem großen Gartencenter gibt es hier eine Pflanzenzucht, eine Baumschule samt kleiner Parkanlage sowie einen Gartenbaubetrieb.

Hilfen vom Staat bekommen nur kleine Landwirtschaftsbetriebe, größere gehen leer aus

Die Geiers versuchen zu sparen, wo es geht. Doch von den 32 Angestellten sind derzeit nur fünf in Kurzarbeit. "Mehr geht nicht, weil so viel zu tun ist", sagt die Chefin. Die Pflanzen bräuchten gerade jetzt viel Pflege. Einen Teil hätten sie schon wegwerfen müssen, vor allem Narzissen, Tulpen und andere Zwiebelblüher. "Das tut besonders weh, dafür haben wir ein halbes Jahr produziert", sagt sie. Allein für Ostern waren 300 Pflanzenkombinationen in Töpfen vorbereitet, auch dies vergebliche Mühe. Doch obwohl der Betrieb derzeit einen Umsatzeinbruch von 95 Prozent verzeichnet, kann er auf Geld vom Staat nicht zählen. Gärtnereien gelten als landwirtschaftliche Betriebe, und Nothilfen gibt es nur für Firmen mit bis zu zehn Beschäftigten. Gabriele Geier kann das nicht nachvollziehen. Müsste sie einen Teil ihrer Leute entlassen, darunter alleinerziehende Mütter, würden diese nur schwer einen neuen Job in der Region finden, befürchtet sie.

Mehr Einsatz von der Politik für die Branche fordert der Zentralverband Gartenbau. "Unsere Betriebe stehen vor einer nie da gewesenen Situation", betont dessen Präsident Jürgen Mertz. "Im gesamten Gartenbau werden derzeit Pflanzen im großen Stil vernichtet", moniert er. Selbst geöffnete Gärtnereien in anderen Bundesländern litten unter massiven Umsatzrückgängen. Allein von März bis Mai würden in normalen Jahren 3,4 Milliarden Euro mit gärtnerischen Produkten umgesetzt.

"Es ist erschreckend, was da besonders in Bayern in den vergangenen Wochen auf der Stecke geblieben ist", ergänzt Peter Botz, Geschäftsführer beim Verband Deutscher Garten-Center. "Verrückt ist, dass gerade dort, wo es große Flächen und viel frische Luft gibt, nicht geöffnet werden darf." In den meisten Lebensmittelgeschäften gehe es da enger zu. Politiker müssten eben manchmal schnelle Entscheidungen treffen, da sei das Ergebnis nicht immer optimal, meint er. Botz warnt davor, dass gerade Familienbetriebe in der Krise auf der Strecke bleiben könnten, weil diese ohnehin schon unter dem Verdrängungsdruck durch große Garten- und Baumarktketten wie Obi, Toom oder Hornbach litten.

Auch für das Familienunternehmen Geier wird es eng. Die drei Kinder arbeiten ebenfalls im Betrieb, und selbst der 97-jährige Senior hilft noch regelmäßig. "Unser Problem ist, dass jetzt Hauptsaison ist. 70 Prozent unseres Jahresumsatzes machen wir von März bis Mai", erklärt Gabriele Geier. Der Betrieb weist einen Jahresumsatz im niedrigen zweistelligen Millionenbereich aus und hat in den vergangenen 25 Jahren stetig expandiert. Aus einer kleinen Gärtnerei entwickelte sich ein Betrieb mit 15 000 Quadratmetern Produktionsfläche. Was an Einnahmen hereinkam, wurde meist gleich wieder investiert, zuletzt 350 000 Euro in einen Erweiterungsbau. Und noch sind die Schulden nicht alle beglichen. "Wir könnten jetzt KfW-Kredite aufnehmen, doch dann müssten wir in ein paar Jahren einen hoch verschuldeten Betrieb an die Kinder übergeben", sagt sie.

Discounter, die ihr Pflanzensortiment deutlich ausgeweitet haben, profitieren gerade

Ein Ärgernis ist für viele in der Branche auch eine umstrittene Regel, die manchen Gärtnereien das Öffnen erlaubt. Das gilt für aber nur für jene, deren Sortiment zu mindestens 50 Prozent aus Lebensmitteln, Gemüsepflanzen und Kräutern besteht. Wer vor allem Zierpflanzen anbietet wie die Geiers hat das Nachsehen. Vor allem aber profitieren derzeit Discounter und Lebensmittelketten, die ihr Pflanzensortiment deutlich ausgeweitet haben. Dagegen wehrt sich der Fachverband Deutscher Floristen: "Wir fordern einen sofortigen Verkaufsstopp von Blumen und Pflanzen im Lebensmitteleinzelhandel", heißt es in einem Schreiben an den bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. In der Politik will man davon nichts wissen, dort setzt man auf ein Ende des Shutdown.

Über diese wachsende Konkurrenz der Lebensmittelhändler ärgert sich auch Gabriele Geier. "Wir dürfen nicht mal draußen vor der Gärtnerei einen Stand aufbauen, es darf auch nichts abgeholt werden", sagt sie. Verkaufen kann sie ihre Ware über den Lebensmitteleinzelhandel ebenfalls nicht. Dafür brauche es langfristige Lieferverträge, die sie nicht habe, sagt sie.

Trotzdem versucht sie Kontakt zu Kunden zu halten. Die können derzeit nur per Telefon oder E-Mail ordern. Doch das kostet Zeit und ist kompliziert. "Unser Betrieb lässt sich nicht innerhalb von ein paar Tagen in eine Liefergärtnerei umfunktionieren. Für 20 Salatpflänzchen sind da leicht 20 Minuten weg", sagt die Unternehmerin. Damit sei so gut wie nichts verdient. Bestellungen müssen notiert, zusammengesucht, verpackt und ausgeliefert werden. Kunden dürfen laut den offiziellen Vorgaben nicht in bar zahlen, sondern nur per Überweisung. So manche Lieferung enthielt in den vergangenen Wochen mehr als das Bestellte, etwa einen Schoko-Osterhasen oder Gratispflänzchen. "Unsere Kunden sind dankbar für diesen Service. Viele rufen an und bedanken sich", sagt die Chefin. Der Redebedarf vieler Menschen, die seit Wochen zu Hause festsitzen, sei groß.

Unterdessen warten auch viele Hobbygärtner ungeduldig darauf, dass Pflanzengeschäfte und Baumärkte wieder ihre Türen öffnen. Gerade beginnt die Hauptpflanzzeit, und wer nicht selbst im Februar und März auf der Fensterbank ausgesät hat, braucht jetzt seine Pflänzchen. Selbst Onlinehändler können die große Nachfrage derzeit kaum noch bewältigen. Viele Webseiten weisen darauf hin, dass die Lieferung mehrere Wochen dauern kann und nicht alles vorrätig ist. Viele Kunden schreckt ein Onlinekauf ohnehin ab, weil sie ihre Pflanzen im Laden lieber sehen und selbst auswählen wollen.

Im Gartencenter in Weil wird bereits die Wiedereröffnung vorbereitet. Zusätzliche Waschbecken für Kunden werden angebracht, Absperrungen und Einbahnstraßen in den Gewächshäusern eingerichtet - alles, damit die Kunden Abstand halten und sicher sind. Gabriele Geier freut sich, dass es endlich weitergehen kann. Sie hofft darauf, dass sie wenigstens einen Teil der Ausfälle wettmachen können. Trotz der schwierigen Zeiten könne sie sich keinen schöneren Beruf vorstellen, betont sie. Doch sie weiß auch, dass es noch lange dauern wird, bis wieder so etwas wie Normalität einkehren wird. Das muss sie dann auch einem Kunden klarmachen, der gerade am Telefon ist: "Nein, einen Tag der offenen Tür, den gibt es dieses Jahr nicht."

Kenia: Ohne Rosen kein Job

Normalerweise verkaufen Kenias Blumenproduzenten 60 Tonnen pro Tag nach Europa, derzeit ist es an guten Tagen noch ein Fünftel der Menge. "Wegen der Ausgangsbeschränkungen in unseren Hauptmärkten werden Blumen nicht mehr als eine Notwendigkeit gesehen, sondern als Luxus", sagt Clement Tulezi, der Chef des kenianischen Blumenverbandes. Etwa 150 000 Menschen beschäftigen die Mitgliedsunternehmen des Verbandes, fast alle haben Saisonkräfte entlassen und die Festangestellten in Zwangsurlaub geschickt, weil die Nachfrage in Europa fast völlig zusammengebrochen ist. Für Kenia ist die Blumenindustrie neben dem Tourismus und der Landwirtschaft eine der drei wichtigsten Einnahmequellen, etwa eine Milliarde Dollar betrug der Umsatz mit den Blumen bisher pro Jahr, fast 70 Prozent der in Europa verkauften Rosen kommen aus dem ostafrikanischen Land. Vor allem Frauen arbeiteten auf den riesigen Blumenfarmen und verdienten etwa 100 Euro im Monat. Geld, das jetzt vielen für die Ernährung ihrer Familien fehlt. Organisationen wie Fairtrade haben angekündigt, betroffene Arbeiterinnen finanziell zu unterstützen. Tulezi, der Chef des Blumenverbandes, erwartet, dass viele Arbeiter in den kommenden Monaten an ihre Arbeitsplätze zurückkehren könnten. "Wir sehen, dass die Nachfrage wieder steigt, wir sind optimistisch." In den vergangenen Tagen hat sich zudem die Logistik verbessert, Ethiopian Airlines und Kenya Airways haben damit begonnen, Passagierflugzeuge zu Frachtmaschinen umzubauen, die dann auch Rosen nach Europa fliegen könnten. Spätestens zum Muttertag im Mai hoffen die Blumenhändler auf steigende Verkäufe. Bernd Dörries

© SZ vom 17.04.2020
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