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Börsenkapriolen:US-Abgeordnete nehmen sich Gamestop-Beteiligte vor

Auch die Profihändler an der New Yorker Börse nutzen Tablets. Viele Kleinanleger haben die Börse per App aufgemischt.

(Foto: Colin Ziemer/AP)

Hedgefonds und Broker müssen dem amerikanischen Kongress Rede und Antwort stehen. Ob die Polit-Show auch Folgen haben wird, ist offen.

Von Claus Hulverscheidt

Nach allem, was man weiß, ist Vlad Tenev kein allzu ängstlicher Mensch. Und doch, die Armada, die sich dem Chef der Handelsplattform Robinhood da nach den Kapriolen um die Aktie der Videospielkette Gamestop in den Weg gestellt hat, ist mittlerweile so gewaltig, dass auch robustere Naturen sehr wohl ins Schwitzen geraten könnten: Gleich mehrere mächtige Behörden ermitteln gegen Tenevs Firma, darunter das US-Justizministerium, die Bundesanwaltschaft in San Francisco, der Generalstaatsanwalt von Texas sowie die Börsenaufsicht CFTC. Sogar Finanzministerin Janet Yellen hat sich eingeschaltet.

Am Donnerstag musste sich Tenev dem ersten Verhör stellen: einer Befragung im Finanzausschuss des Repräsentantenhauses, zu der auch die Chefs der Hedgefonds Citadel und Melvin Capital, Kenneth Griffin und Gabriel Plotkin, der Gründer der Social-Media-Webseite Reddit, Steve Huffman, sowie der Blogger und Finanzanalyst Keith Gill geladen waren.

Was die Abgeordneten vor allem wissen wollten: Was geschah tatsächlich, als die Gamestop-Aktie im Januar plötzlich um mehr als 1000 Prozent in die Höhe schoss? Steckte dahinter tatsächlich nur der Versuch Tausender Kleinanleger, den Kurs durch zeitgleiche Käufe in die Höhe zu treiben und damit den umstrittenen Hedgefonds eins auszuwischen, die auf fallende Kurse gewettet hatten? Oder gab es ein Komplott zwischen Robinhood und Citadel, die gleich in mehrfacher Hinsicht geschäftlich miteinander verbandelt sind? Warum ließ Robinhood den Kauf von Gamestop-Aktien plötzlich nicht mehr zu? Und welche Rolle spielte jene Foren bei Reddit, in denen sich die Privatanleger zu den Käufen verabredeten?

FILE PHOTO: A GameStop store is seen in the Jackson Heights neighborhood of New York City

Gamestop hat es vom mitunter unscheinbaren Ladengeschäft zum Börsen-Wirbelsturm gebracht. Jetzt beginnt die Politik, Lehren aus dem Fall zu diskutieren.

(Foto: Nick Zieminski/Reuters)

Glaubt man den Zeugen, die unter Eid aussagen mussten, dann ging es Ende Januar im Aktienhandel zwar recht chaotisch, aber sehr wohl mit rechten Dingen zu. Ja, mehr noch: Alle Geladenen präsentierten sich den Abgeordneten als Bürger aus einfachen Verhältnissen, die nichts anderes im Sinn hätten als das Interesse ihrer Kunden.

Tenev etwa sagte, es gehe Robinhood um nicht weniger als darum, die Geldanlage zu "demokratisieren". Dass man für einige Stunden keine Kaufaufträge für Gamestop-Aktien mehr angenommen habe, sei allein darauf zurückzuführen, dass das beteiligte Clearinghouse wegen des ungewöhnlich hohen Handelsvolumens plötzlich viel höhere Sicherheiten verlangt habe. "Wir haben das wegen regulatorischer Anforderungen getan - nicht um den Hedgefonds zu helfen", sagte er. Damit reagierte er auf Spekulationen, sein Brokerhaus habe womöglich gemeinsame Sache mit Griffins Firma Citadel gemacht. Diese investiert nämlich nicht nur selbst in Wertpapiere, sondern agiert auch als sogenannter Marktmacher, der Aufträge von Kunden zusammenführt und daran verdient. Auch das Gros der Robinhood-Geschäfte läuft über Citadel.

Griffin und Melvin-Chef Plotkin betonten praktisch wortgleich, ihre Firmen hätten bei der Entscheidung von Robinhood, Gamestop-Käufe vorübergehend zu unterbinden, "keinerlei Rolle gespielt". Plotkin sagte, er sei immer noch überzeugt, dass er mit der Wette auf fallende Gamestop-Kurse prinzipiell richtig liege, weil die Videospielkette kein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell habe. Melvin hatte bei der Attacke der Kleinanleger mehrere Milliarden Dollar verloren und musste vom Konkurrenten Citadel finanziell gestützt werden.

Die Frage ist nun, welche Konsequenzen Politik und Behörden aus dem Fall ziehen werden. Denkbar wären unter anderem die Einführung einer Finanztransaktionsteuer oder aber ein schärferes Vorgehen der Börsenaufsichtsämter gegen Marktmanipulationen. Für Letzteres hat sich unter anderem die einflussreiche demokratische Senatorin Elizabeth Warren ausgesprochen, die darauf verweist, dass die jüngsten Kurssprünge etwa der Gamestop-Aktie mit der Realität der Videospielkette nichts mehr zu tun gehabt hätten. Dem würde sicher kaum jemand widersprechen, allerdings ist die Grenze, an der aus legitimem Kauf- oder Verkaufsinteresse Marktmanipulation wird, in der Praxis nur sehr schwer bestimmbar.

Gleich mehrere Abgeordnete stellten auch die sogenannte "Payment for Order Flow"-Praxis in Frage. Dabei verkauft ein Broker wie Robinhood all seine Kundenaufträge an ein großes Wertpapierhaus wie Citadel, das fortan nicht mehr nur als Marktmacher, sondern auch als Mitspieler agiert. Würde diese Praxis verboten, wie etwa in Großbritannien längst üblich, könnte Robinhood seine Dienste Privatanlegern wohl nicht mehr kostenlos anbieten. Der Aktienhandel via Handy-App verlöre damit so ein wenig sein Image als eine Art Gratis-Computerspiel. Tenev und Griffin wiesen die Idee jedoch als kundenschädlich zurück.

Ohnehin haben alle diskutierten Maßnahmen neben vielen Vorteilen auch ihre Tücken. Deshalb ist auch denkbar, dass am Ende all der Ermittlungen und Anhörungen etwas ganz anderes passiert: nämlich gar nichts.

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