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OHB:Aufbruch nach schwerer Schlappe

Seit rund zehn Jahren stellt das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB die Galileo-Satelliten her. 22 sind bereits im Weltall, zwölf weitere stehen noch aus.

(Foto: OHB/oh)

Nach dem Verlust des Galileo-Auftrags profitieren die Bremer davon, sich neue Geschäftsfelder erarbeitet zu haben. Neben einem möglichen Auftrag für ein Satellitennetz gehört auch der Mond dazu.

Von Dieter Sürig, München

Es war ein schwerer Schlag, der das Raumfahrtunternehmen OHB da ereilt hat: Nachdem die Bremer rund zehn Jahre lang die Satelliten für das Navigationssystem Galileo gebaut haben, hat die Europäische Kommission die nächsten zwölf Einheiten an Airbus und Thales Alenia Space vergeben - OHB geht leer aus. Dienstagabend sei die Absage per E-Mail von der Raumfahrtagentur Esa gekommen, erzählt OHB-Chef Marco Fuchs immer noch deutlich geknickt. "Wir sind schon hart getroffen, da haben wir eine große Schlappe erlitten."

Galileo gehört als Flaggschiff zum Selbstverständnis der Firma und hat die Hanseaten in der Branche bekannt und selbstbewusst gemacht. "Die Galileo-Truppe war schon eine wichtige Gang, die gucken jetzt ein bisschen traurig, weil sie immer eine sichere Bank für OHB waren", erzählt Fuchs. "Das ist ökonomisch gar nicht so wichtig, aber psychologisch sind die Folgen gravierend".

OHB behält Galileo im Auge, weil es immer noch interessant ist

Wie konnte es dazu kommen? Der Esa-Brief umfasst zwei Seiten und fünf Seiten Anhang, die Quintessenz lautete, "dass unser Angebot technisch gut bis sehr gut, aber ökonomisch nicht das beste sei", sagt Fuchs. Dabei sei man sich sicher gewesen, "ein sehr wettbewerbsfähiges Angebot gemacht zu haben". Er hofft, die genauen Gründe nächste Woche bei einem Esa-Briefing nachvollziehen zu können. Verschwörungstheorien, wonach EU-Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton gegen OHB votiert habe, um Arbeitsplätze in Frankreich zu schaffen, hält Fuchs für Quatsch. "Ich gehe davon aus, dass wir bei der Bewertung fair behandelt worden sind".

Jahreszahlen OHB

"Das ist ökonomisch gar nicht so wichtig, aber psychologisch sind die Folgen gravierend", sagt OHB-Vorstandschef Marco Fuchs zur verlorenen Galileo-Ausschreibung.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Die Breton-Theorie sticht auch deshalb nicht, weil Airbus die Galileo-Satelliten in Friedrichshafen bauen wird und Thales wohl in einem Werk bei Rom - also auch nicht in Frankreich. Fuchs will nun jedenfalls intern diskutieren, woran es gelegen haben könnte - und ob OHB weiter in Galileo investiert - für die nächste Ausschreibung. "Galileo behalten wir im Auge, weil es immer noch interessant ist." Zumal das jetzige Auftragsvolumen für zwölf Satelliten nach EU-Angaben knapp 1,5 Milliarden Euro beträgt.

OHB verabschiedet sich sowieso noch nicht von dem Programm, da das Unternehmen gerade dabei ist, die letzten zwölf von 34 Satelliten der ersten Generation zu bauen. Etwa 120 Ingenieure dürften damit noch zwei Jahre beschäftigt sein. Für das börsennotierte Familienunternehmen zahlt es sich nun aus, dass es neben Galileo auch Kommunikations-, Erdbeobachtungs- und Wettersatelliten baut, das Orderbuch ist voll und umfasst etwa zwei Milliarden Euro. Galileo macht nur etwa zehn Prozent des Jahresumsatzes aus, der bei einer Milliarde Euro liegt. "OHB ist ja in der Summe viel größer als Navigation und Erdbeobachtung", sagt Fuchs. Auch deshalb hat sich der Aktienkurs nach Verlusten wohl wieder gefangen. Es gibt sogar noch ein Monatsplus.

Das kann auch mit einem Raketenstart am Mittwoch zusammenhängen: OHB hat mit einer Kleinrakete von Rocket Lab in Neuseeland einen Kommunikationssatelliten gestartet, der Vorbote einer großen Breitbandkonstellation werden könnte. "Dabei geht es zunächst auch darum, sich Frequenzen zu sichern", erzählt Fuchs, den Kunden darf er nicht nennen. Wenn alles klappt, könnte für OHB ein Auftrag für mehrere Hundert Kleinsatelliten rausspringen. "Das wäre dann eine industrialisierte, verbilligte Generation von kleinen Satelliten". Die Galileo-Expertise würde bei der Serienfertigung helfen: "Wir würden massiv von dem profitieren, was wir bei Galileo gelernt haben", sagt Fuchs.

"Wenn es schon einen Startplatz in der Nordsee geben würde, wären wir dort gestartet."

Nicht nur das: Ein solcher Auftrag wäre ein klassisches Beispiel für die Pläne der Bremer, alles aus einer Hand anzubieten: OHB könnte die Satelliten dann mit Kleinraketen der Augsburger Tochter Rocket Factory starten - und zwar von der geplanten Plattform in der Nordsee aus. "Wir hatten unglaubliche Angst vor Verzögerungen, da wir ja Fristen einhalten müssen", sagt Fuchs. "Wenn es schon einen Startplatz in der Nordsee geben würde, wären wir dort gestartet, dann hätten wir uns die aufwendige Logistik und die Genehmigungsprozedur in Neuseeland gespart".

Kommerzielle Projekte wie diese verschieben die OHB-Aktivitäten zunehmend "weg von traditionellen Dingen, die wir in den vergangenen Jahren gemacht haben", sagt Fuchs. Zu den neuen Dingen gehört aber auch eine Satelliten-Plattform für die Nasa-Station Gateway, die OHB gemeinsam mit Thales baut. Die Raumstation soll in den nächsten Jahren innerhalb des Artemis-Mondprogramms entstehen - als Zwischenstation für die nächsten Mondfahrer. OHB hat zudem eine Kickstage entwickelt, die bei Starts der Ariane-Rakete helfen soll, Satelliten punktgenauer im Orbit zu platzieren. Die Esa will den Auftrag im Frühjahr vergeben. Das Jahr könnte also noch besser werden für OHB.

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