Raumfahrt:Galileo 2.0 lässt auf sich warten

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Die geplante Galileo-Konstellation: Jeweils acht Satelliten plus sechs Ersatzsatelliten sollen einst auf drei Umlaufbahnen in 23 200 Kilometern Höhe die Erde umkreisen. (Foto: Pierre Carril/dpa)

Der Bau der neuen Navigationssatelliten beginnt bald, doch immer noch ist die erste Generation nicht komplett. Der Esa fehlen Trägerraketen. Womöglich könnte Elon Musk einspringen.

Von Dieter Sürig

Erst die Pandemie, dann der Überfall russischer Truppen auf die Ukraine: Der Aufbau des europäischen Satellitennavigationssystems Galileo verzögert sich einmal mehr. Zum einen, weil die Raumfahrtagentur Esa die russische Sojus-Rakete wegen der Sanktionen gegen Russland nicht mehr nutzt. Aber auch der Erststart der neuen Trägerrakete Ariane 6 zieht sich weiter hinaus. Es gibt zwar erste Galileo-Services, darunter einen Such- und Rettungsdienst, für die komplette Nutzung des Systems fehlen aber noch einige Satelliten in der Konstellation.

Dies bringt die ehrgeizigen Pläne von Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton in Gefahr. Er wollte möglichst rasch das neue Galileo 2.0 präsentieren: präziser, schneller, sicherer, teurer, viel besser als das amerikanische GPS. Anfang vergangenen Jahres hatte Breton vorzeitig die zweite Galileo-Generation angeschoben, um die ersten verbesserten Satelliten bereits 2024 ins All zu bekommen - obwohl noch nicht einmal die volle Konstellation der Generation 1 im Orbit unterwegs ist.

Galileo-Satellit in Kourou: Vergangenes Jahr starteten noch zwei Satelliten mit "Sojus"-Raketen, das geht nun nicht mehr. (Foto: P Baudion/ESA-CNES-Arianespace)

Denn der Bremer Hersteller OHB ist immer noch dabei, die letzten zwölf Satelliten der ersten Generation zu bauen. Erst zwei davon sind im Orbit. Zwei weitere sind wegen des Sojus-Boykotts am Startplatz in Kourou/Französisch-Guyana gestrandet. Sie werden nun erstmal zurück zum Hersteller OHB nach Bremen gebracht, wo man sie fachgerecht lagern kann. Denn für ihren Transport ist nun die Ariane 6 nötig, die allerdings frühestens Ende 2023 das erste Mal abheben wird.

Galileo 2.0 lässt auf sich warten.

Wer in jedem Fall rechtzeitig für einen Start der ersten Galileo-2-Satelliten im Jahr 2024 bereit sein will, das sind die beiden künftigen Hersteller Airbus und Thales Alenia Space (TAS). Sie haben im vergangenen Jahr von der Kommission den Zuschlag bekommen, jeweils sechs Satelliten der neuen Galileo-Generation zu bauen. OHB ist diesmal leer ausgegangen. Das Gesamtvolumen für die ersten zwölf neuen Satelliten: 1,47 Milliarden Euro. Für das Geld sollen die beiden Konzerne ein wahres Kraftpaket bauen, das sich fundamental von den bisherigen Galileo-Satelliten unterscheidet. Schon rein äußerlich ist das Fluggerät mit etwa 2,3 Tonnen Gewicht deutlich wuchtiger als die 730 Kilo der ersten Generation. Neben größeren, steuerbaren Antennen hat der Satellit auch Neuerungen unter der Haube: präzisere Atomuhren, größere Batterien, Solargeneratoren, zusätzliche Signalverstärker, elektrische Antriebe - das wirkt sich auf das Gewicht aus.

Die zweite Galileo-Generation soll autonomes Fahren erleichtern

Alles in allem soll Galileo 2.0 flexibler sein, zwischen den Satelliten kommunizieren können und den Nutzern somit eine höhere Genauigkeit mit schnelleren Signalen auch auf das Smartphone liefern und besser gegen Störsignale geschützt sein. "Die zweite Generation der Galileo-Satelliten ist robuster, zuverlässiger und cyber-gesichert", heißt es beim französisch-italienischen Unternehmen TAS. Anstatt bisher im Meterbereich, soll nach Vorgaben der Kommission künftig eine Genauigkeit von etwa 20 Zentimetern möglich sein, was insbesondere für das autonome Fahren wichtig ist. "Das Positionssignal wird für das automatische Fahren definitiv besser", sagt der deutsche Airbus-Chef Space Systems, Andreas Lindenthal. Airbus arbeite zudem an Lösungen, die auch eine Standortbestimmung in Gebäuden ermöglicht. Nicht zuletzt soll in der Luftfahrt das automatische Landen von Flugzeugen verbessert werden.

Airbus und Thales Alenia Space bauen die ersten zwölf Satelliten für die zweite Generation von Galileo. (Foto: Airbus)

Auch hoheitliche Dienste sollen mit einem speziellen Service profitieren: Feuerwehr und Rettungskräfte des Katastrophenschutzes sollen mit Galileo 2.0 genauer lokalisieren können, wo sie sich genau befinden. Dies ist auch für den Such-und Rettungsdienst wichtig, mit dem verunglückte Personen gefunden werden können, die einen Notrufsender haben. Künftig soll es zudem einen neuen Notfallwarndienst geben, der im Falle einer drohenden Katastrophe und bei Anschlägen die Nutzer in betroffenen Regionen via Smartphone alarmieren kann.

Die zwölf neuen Satelliten kosten knapp 1,5 Milliarden Euro

Lindenthal zufolge will Airbus für den Bau der Galileo-Satelliten Module verwenden, die sich bei Telekommunikationssatelliten bewährt haben. Solche Komponenten würden das System günstiger machen und seien ausgerichtet auf 15 bis 20 Jahre Lebensdauer. Der Bau der Satelliten soll im Frühjahr in der Airbus-Fabrik in Friedrichshafen beginnen. Dort werden etwa 200 Raumfahrtingenieure beschäftigt sein. Die Nutzlast soll bei der Airbus-Tochter Tesat in Backnang eingebaut werden.

An Airbus solle es jedenfalls nicht scheitern, dass der von Breton anvisierte Starttermin 2024 für die zweite Generation eingehalten werden kann, sagt Lindenthal. "Für die zwei Entwicklungs- und vier Folgesatelliten haben wir ein Auftragsvolumen von rund 700 Millionen Euro, der Nachbau wird dann günstiger werden." Zum Vergleich: Ein Galileo-Satellit kostete bisher etwa 40 Millionen Euro. Airbus hat Erfahrung mit Galileo: Vorläuferfirma Astrium hatte auch die ersten vier Galileo-Satelliten der ersten Generation gebaut, von denen noch drei im Einsatz sind.

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Das Auftragsvolumen von Thales Alenia Space beläuft sich nach eigenen Angaben auf 772 Millionen Euro, gebaut werden soll an mehreren Standorten. Die neuen Galileo-Satelliten würden auch "die Wettbewerbsfähigkeit der EU-Industrie in dem für die Souveränität der EU so wichtigen Bereich der Technologien stärken", heißt es bei TAS. Der Konzern profitiert beim Galileo-Programm unter anderem auch davon, dass er Hauptauftragnehmer bei der Bodeninfrastruktur der ersten Galileo-Generation gewesen ist.

Von den 28 bislang gestarteten Satelliten funktionieren derzeit nur 23 komplett

Auch wenn die Hersteller pünktlich liefern, bleibt die Frage, inwiefern der Wechsel zur zweiten Galileo-Generation überhaupt noch so schnell vonstatten gehen kann, wie sich EU-Kommissar Breton das vorgestellt hatte. Von der Kommission gibt es keine Stellungnahme dazu, aus Brüssel ist aber zu hören, dass die Galileo-Satelliten der zweiten Generation starten sollen, "sobald Arianespace die Starts mit der neuen Ariane 6 aufnimmt". Dies sieht die Raumfahrtagentur Esa jedoch anders. Oberstes Ziel sei es, zunächst bei der ersten Generation die volle Einsatzfähigkeit zu erreichen. Und erst danach mit dem Aufbau der zweiten Generation zu beginnen, sagt der Esa-Direktor für Navigation, Javier Benedicto. Galileo sei aber erst voll einsatzfähig, "wenn zwei oder vier zusätzliche Satelliten (der ersten Generation) in der Umlaufbahn sind".

Das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB hat insgesamt 32 Galileo-Satelliten der ersten Generation gebaut. (Foto: OHB)

Die nächsten alten Galileo-Satelliten starten nach bisherigem Stand aber wohl frühestens im ersten Halbjahr 2024, weil der Ariane-Erstflug dafür nach Esa-Angaben nicht in Frage kommt. Womöglich gibt es jedoch eine schnellere Lösung: In Kommissionskreisen wird auf Gespräche mit dem Startdienstleister Arianespace verwiesen, um die zeitliche Lücke zumindest etwas zu reduzieren. Und Esa-Manager Benedicto spricht nun auch von "außereuropäischen Startoptionen", eine Entscheidung dazu solle im ersten Halbjahr fallen. Diese Startoption könnte die Falcon 9 von Elon Musks Firma Space-X sein, zumal die Esa diese auch für andere Missionen nutzen will. " Ariane 6 ist unsere bevorzugte Option", versichert Benedicto aber. Bis die zweite Generation wirklich im Einsatz ist, wird es allerdings noch länger dauern: Benedicto zufolge müssen dafür vier bis acht neue Satelliten fliegen.

Auch sonst läuft es fast schon gewohnt holprig für das europäische Milliardenprojekt, das sich eh schon jahrelang verzögert hat. Von den 28 bislang gestarteten Satelliten funktionieren derzeit nur 23 komplett. Zwei sind in falschen Umlaufbahnen unterwegs, weitere drei sind außer Betrieb, unter anderem wegen Problemen mit den Atomuhren. Der jüngste Ausfall hält seit Ende August an. Nach Angaben der Raumfahrtagentur Esa wird an dem Satelliten gerade eine defekte Atomuhr untersucht. Somit verfügt die Europäische Kommission rund zehn Jahre nach den ersten Galileo-Starts immer noch nicht über die geplante Konstellation von 30 Satelliten: Jeweils acht auf drei Umlaufbahnen in 23 200 Kilometern Höhe sowie sechs fliegende Ersatzsatelliten.

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