G-20-Gipfel Dompteure des Kapitalismus

Auf der Suche nach einer neuen Balance für das Finanzsystem: Der G-20-Gipfel in London ist eine große Chance, den Kapitalismus zu zähmen - doch er kann nur ein erster Schritt sein.

Ein Kommentar von Alexander Hagelüken

Es war vor Ausbruch der Finanzkrise, als im Sommer 2007 ein kanadischer Bankchef nervös wurde. Er fragte seine hochbezahlten Fachleute, wie riskant ihre Geschäfte und die der Konkurrenz seien. Was würde geschehen, wenn ein größerer Teil schiefginge? Das wäre eine Katastrophe, wie sie die Erde noch nicht gesehen hat, antworteten die Fachleute. Aber keine Angst, beruhigten sie: Diese Gefahr ist verschwindend gering.

"Der Kapitalismus ist verdammt": Ein Leitspruch bei der Demonstration in London gegen den Weltfinanzgipfel.

(Foto: Foto: dpa)

Knapp zwei Jahre später steckt die Menschheit in einer Finanzkatastrophe, wie sie die Erde noch nicht sah. Der kanadische Bankchef ignorierte damals seine Fachleute und ließ brisante Wertpapiere rechtzeitig verkaufen. Die anderen Bankchefs dagegen ignorierten die Risiken, die sie auf der Jagd nach Rendite selbst erzeugt hatten. Deshalb dürfen die Steuerzahler jetzt Hunderte Milliarden Euro bereitstellen, um die Banken und mit ihnen das globale Geldsystem zu retten. Allein in Deutschland könnte die Zahl der Arbeitslosen von drei auf fünf Millionen steigen. Und langsam werden die Menschen wütend - ob in Lettland, Amerika oder Frankreich. Manche gehen auf die Straße, andere werfen die ersten Scheiben in Bankiers-Villen ein.

In diesem Klima treffen sich die Politiker der größten Industrienationen in London - und eine gute Nachricht ist, dass es sich wirklich um einen Welt-Gipfel handelt. Vorbei die Arroganz früherer Gipfel, als "die Welt" aus vier Westeuropäern, zwei Nordamerikanern und einem Japaner bestand. Diesmal reden Chinesen mit, Brasilianer und Südafrikaner. Das ist die längst fällige Antwort auf eine Realität, in der Konzerne global werkeln und Probleme global wuchern.

Es gibt keine nationalen Konjunkturprogramme

Deutsche Banken versteckten ihre faulen Geschäfte in Irland oder auf den Cayman Islands, doch nationale Politiker taten so, als lasse sich alles national lösen. Der Westen verweigerte Asien Macht in Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds - nun ist der IWF für die Finanzierung neuer Hilfspakete auf Länder wie China angewiesen, das inzwischen die höchsten Devisenreserven des Erdballs hält. Trotzdem bewegt sich der Westen nur langsam: Warum die Asiaten erst in zwei Jahren mehr Einfluss erhalten und der IWF-Chef wieder ein Franzose werden musste, ist den Herren aus Fernost schwerlich zu erklären.

Der Gipfel muss sich mit der Tatsache befassen, dass es keine nationalen Konjunkturprogramme mehr gibt. Mit der Abwrackprämie lässt sich auch ein Peugeot oder ein Toyota kaufen. Dennoch planten die Nationen ihre Programme unabhängig voneinander. Idealerweise wäre London der Anfang einer globalen Steuerung: Welche Staaten geben am besten wann welches Geld aus? Und warum lassen die Italiener die anderen zahlen? Idealerweise würde der Gipfel der Welthandelsorganisation WTO mehr Rechte verleihen, um den wachsenden Protektionismus zu bekämpfen. Stattdessen wird es wohl bei ein paar Floskeln bleiben, zur Konjunktur ebenso wie zum Handel.

Besser sieht es beim ursprünglichen Gipfel-Thema aus, der Zähmung der Finanzmärkte. Die Schäden der Krise für die Allgemeinheit sind so groß, dass kein Politiker offen wagt, sich einer Kontrolle der Geldhäuser zu widersetzen. Das Beharren vieler Banker auf ihren Boni ist so frech, dass sich ihre Argumente gegen mehr Gesetze als Gier enttarnen. Der Kapitalismus nähert sich den Beliebtheitswerten einer Giftmülldeponie an. Deshalb eröffnet sich die historische Möglichkeit, die Geldhäuser stärker zu kontrollieren.

Verwirrende Fronten

Die Fronten in London verwirren auf den ersten Blick. Es sind ausgerechnet die USA, nicht Europa, die riskante Geschäfte von Banken oder Hedgefonds am stärksten beschränken wollen. Davon sollte sich niemand täuschen lassen. Wenn es gut läuft, wird der Gipfel ein paar wohlklingende Forderungen produzieren, beispielsweise nach einer Aufsicht für alle Geldhäuser, bis in die Karibik. Die entscheidenden Details aber werden erst in Verhandlungen der nächsten Monate festgelegt. Und dabei ist eine Führungsrolle der Kontinentaleuropäer gefragt - die USA und Großbritannien werden hinter den Kulissen Widerstand leisten.

Der Grund dafür ist einfach: Eine wirksamere Kontrolle der Finanzmärkte verlangt starke Eingriffe in die Wall Street und die City of London, aus denen die Amerikaner und Briten einen nennenswerten Teil ihrer ökonomischen und politischen Macht beziehen. Den Banken dauerhaft niedrigere Renditen zuzumuten, widerspricht gänzlich dem angelsächsischen Wirtschaftsmodell. Aber nur mit geringeren Renditen lässt sich das Finanzsystem stabilisieren.

Nur wenn die Investoren nicht mehr so stark auf Pump spekulieren und an den Märkten weniger riskante Geschäfte ablaufen, lässt sich die nächste Finanzkrise verhindern, die womöglich schlimmer ausfällt als die aktuelle. Gefragt ist eine neue Balance im Kapitalismus, die Interessen der Arbeitnehmer wieder stärker berücksichtigt und Investoren auch mal etwas verweigert. Weil die aktuelle Krise so dramatisch ausfällt, haben Deutschland und ähnlich geprägte Staaten die Chance, die weltweiten Regeln stärker nach ihrer eher sozial orientierten Marktwirtschaft auszurichten. Sie sollten wissen, dass diese Chance schnell vergeht.