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Fußballstadien:Ganz schnell an der Seitenlinie

Geschwindigkeitsanzeige in Echtzeit, virtueller Einlauf mit der Mannschaft: Fußballklubs und Telekom-Konzerne bringen den Mobilfunk 5G in die Stadien - und hoffen auf ein großes Geschäft.

Das Smartphone braucht nicht lang, um sich im Stadion zurechtzufinden. Man steht auf der Tribüne, hält die Kamera aufs Spielfeld, als wollte man ein Foto machen, drückt auf ein Häkchen und schon sucht die Anwendung die weißen Linien auf dem grünen Rasen. Von diesem Moment an hat der Fußballfan das Geschehen doppelt vor Augen: das echte Spielfeld unter sich und die Ansicht auf dem Handy. Bewegt man das Smartphone, bewegt sich das Bild mit. Auf dem Bildschirm blinkt die Seitenauslinie stets hellweiß auf. So verrät die App: Sie ist bereit.

Es ist Montag, Wolfsburg empfängt Hoffenheim zum Abendspiel in der Bundesliga, und die Deutsche Fußball Liga (DFL) führt einem Fachpublikum "die Zukunft der In-Stadium-Experience" vor. So heißt es in einem Video, das die DFL zur Einstimmung zeigt. Es geht darum, wie Fans künftig mit digitalen Hilfsmitteln und dem neuen Standard 5G ein Spiel im Stadion verfolgen können. Bayern München arbeitet auch schon daran.

Zurück auf die Tribüne in Wolfsburg, das Handy ist auf den Rasen ausgerichtet, als die Mannschaft den Ball in der eigenen Hälfte erobert und das Spiel über die rechte Seite aufbaut. Auf dem Bildschirm kann der Zuschauer nun jeden Spieler anklicken, der gerade im Blickfeld der Kamera läuft: William zum Beispiel, Rechtsverteidiger des VfL. Dann markiert ihn die App mit einem weißen Strich, folgt ihm in Echtzeit über den Platz, zeigt seine Geschwindigkeit an. Gerade sprintet William mit bis zu 24 Kilometern pro Stunde an die Seitenlinie, er kommt an den Ball, passt, wird wieder langsamer.

Es sind Einblendungen, wie man sie aus dem Sportstudio spätabends im Fernsehen kennt. In der Pilot-Anwendung der DFL kommen derlei Spielereien praktisch in Echtzeit aufs Handy. Möglich macht dies zum einen der neue Mobilfunkstandard: Netzbetreiber Vodafone hat eine 5G-Antenne in der Wolfsburger Arena installiert. Diese Funktechnik kann selbst große Datenmengen viel flinker übertragen als der bislang schnellste Standard LTE, den viele Kunden durch die Anzeige "4G" auf ihrem Smartphone erkennen.

Die Datenmenge bei Ligaspielen ist in einem Jahr um die Hälfte gestiegen

Zum anderen haben die Partner ein kleines Rechenzentrum, eine sogenannte Edge Cloud, in das Stadion gebaut. Daher müssen die vielen Positionsdaten der Spieler, die Kameras im Stadion mehrmals pro Sekunde erfassen, nur einige Meter über den Rechner zur Tribüne zurücklegen. So könne die App zum Beispiel die Geschwindigkeit der Spieler mit einer Verzögerung im "einstelligen Millisekundenbereich" anzeigen, sagt Michael Jakob Reinartz, Innovationschef von Vodafone Deutschland. Das ist weniger als die Reaktionszeit des menschlichen Nervensystems und sei mit LTE oder WLAN nicht zu bewerkstelligen.

Freilich nutzen bislang die allerwenigsten Fußballfans 5G; erste Handys, die für den neuen Standard taugen, kommen gerade erst auf den Markt. Und selbst wenn die Technik eines Tages verbreiteter ist, werden sich noch immer viele Fans lieber auf das echte Spielfeld konzentrieren wollen, allenfalls noch auf ihr Bier oder den Kumpel im Block, statt das Geschehen permanent auf dem Smartphone zu analysieren.

Gleichwohl ist das Stadion ein Ort, an dem der 5G-Standard seine Stärken ausspielen kann, während die LTE-Technik dort zuweilen an Grenzen stößt. Zum Beispiel in der Halbzeitpause, wenn Tausende Zuschauer auf engem Raum gleichzeitig Sprachnachrichten schicken, einen Facebookpost absetzen oder die Analyse im Bezahlfernsehen streamen wollen. Da dauert es selbst an jenem Montagabend in der nicht voll besetzten Wolfsburger Arena gut zwei Minuten, bis das LTE-Handy ein Foto bei Whatsapp hochgeladen hat.

Während eines Spitzenspiels in der Bundesliga rauschten pro Stadion bis zu 500 Gigabyte Daten alleine durch das Vodafone-Netz, heißt es von dem Konzern. Binnen eines Jahres sei der Wert um etwa die Hälfte gestiegen. Daher hat der Konzern nun nicht nur die 5G-Antenne in der Wolfsburger Arena installiert, sondern auch die LTE-Kapazitäten abermals ausgebaut. Gleichwohl betont Manager Reinartz: "Mit 5G wird es mit deutlich weniger technischer Ausrüstung möglich, die Mobilfunkkapazität für ein ganzes Stadion zu schaffen." Denn der neue Standard könne "viel mehr Teilnehmer auf engem Raum" versorgen.

Auf dem echten Rasen steht es derweil eins zu eins, das Spiel nähert sich dem Ende. Die Tester der DFL-Anwendung können jederzeit Bilanz ziehen. Man klickt auf dem Bildschirm etwa Wolfsburgs Marcel Tisserand an, der weiße Strich folgt ihm nun wieder, und man sieht auf Wunsch die Statistik des Verteidigers: 68 Pässe kamen an, elf Fehlpässe, Erfolgsquote 86 Prozent. Sobald der ausgewählte Spieler an den Ball kommt und passt, aktualisieren sich die Zahlen.

Die Verantwortlichen betonen, dass sie noch dabei seien, ihre App zu entwickeln. Denkbar sei etwa, dass das Smartphone auch die Abseitslinie in Echtzeit animieren könnte. Dann könnten Nutzer sehen, ob der Stürmer gerade Gefahr läuft, ein irreguläres Tor zu schießen. Bis März 2020 soll die Anwendung fertig programmiert sein. "Wir sind noch im Experimentierstadium", sagt Andreas Heyden, bei der DFL zuständig für digitale Innovation. "Wir versuchen, das Liveerlebnis im Stadion zu erweitern", erklärt Heyden, sodass Fans ein Spiel besser informiert verfolgen könnten. Welches Geschäftsmodell die Partner ihrer App eines Tages überstülpen könnten, hänge von der Rückmeldung weiterer Bundesligavereine ab: Wird es ein kostenloses Mittel der Fanbindung? Oder nur gratis für Kunden von Vodafone? Oder ermöglicht die Anwendung neue Werbeformate?

Jedenfalls bräuchte es nicht für jede Funktion des Prototypen wirklich 5G. Etwa animiert die App - auf Wunsch auch schon eine Stunde vor Anpfiff - die Spieler in der Startaufstellung auf den Bildschirm: Wer mit der Kamera den Blick über den Rasen schweifen lässt, sieht vorne virtuell die Stürmer stehen, hinten den Torwart. Ein Klick, und die Anwendung zeigt Namen, Alter oder Größe an, Zahl der Spiele und der Tore. Doch da sich die Kicker zu dem Zeitpunkt nicht bewegen, bräuchte es für diese Spielerei auch keinen Echtzeitmobilfunk.

Zur EM 2020 will die Telekom den Schnellfunk in die Münchner Arena bringen

Dennoch sind Vodafone und DFL nicht die einzigen, die ein Stadion mit 5G versorgen. So hat Bayern München Anfang des Monats eine Kooperation mit der Deutschen Telekom bekanntgegeben. Demnach soll der Schnellfunk vom nächsten Frühjahr an im Umfeld der Münchner Arena verfügbar sein. Schließlich werden dort im Juni auch vier Spiele der Fußballeuropameisterschaft stattfinden. Derzeit bespreche der Konzern mit dem Verein, wo genau und wie viele 5G-Antennen man an dem Stadion installieren werde, sagt eine Sprecherin.

Auch Telekom und der FC Bayern sprechen von digitalen Anwendungen, die das Sporterlebnis künftig "noch intensiver" machen könnten. "Fans könnten etwa virtuell als zwölfter Mann mit der Mannschaft einlaufen", teilt der Konzern mit, "oder am Torjubel teilhaben." Zwar werde ein Großteil der Fans auch 2020 wohl noch kein 5G-fähiges Smartphone besitzen. Doch denke die Telekom darüber nach, bei einem Spiel vor der Arena Handys und Datenbrillen "zum Ausprobieren bereitzustellen", sagt die Sprecherin. "Perspektivisch" habe der neue Standard jedenfalls den Vorteil, dass er viele Geräte in engen Funkzellen versorgen könne. Beispielsweise könnten Fans mit 5G auch Videoübertragungen aus anderen Stadien "noch schneller und hochauflösender" streamen.

Stört es die DFL, wenn die Bayern einen eigenen 5G-Partner haben, statt sich der Entwicklung von Vodafone und dem Ligaverband anzuschließen? Digital-Mann Heyden gibt sich gelassen: "Wir wollen möglichst offene Plattformen schaffen." Die DFL schreibe den Vereinen nicht vor, ob sie die Vodafone-Entwicklung nutzen, sich andere Partner suchen oder einstweilen ganz auf 5G verzichten. Die Partnerschaft von Ligaverband und Vodafone sei zunächst auf zwei Jahre ausgelegt.

In der Zeit wollen die Verantwortlichen ihre App in weitere Stadien bringen. Schließlich stecke ein "signifikantes Investment" der Partner in der Anwendung; von einem zweistelligen Millionenbereich ist die Rede. "Wir sind mit verschiedenen anderen Vereinen im Gespräch", sagt Manager Reinartz. Vodafone wolle in den nächsten Monaten drei weitere 5G-Antennen in Wolfsburg installieren, damit die Arena dann voll versorgt sei. Und nächsten März soll die 5G-Anwendung in einem weiteren Bundesligastadion funktionieren: Im Gespräch ist die Arena in Düsseldorf.

© SZ vom 26.09.2019