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Fußball:Das Spiel ums große Geld

Adlon Kongress 2020, Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Die Bundesliga ist hart getroffen von der Pandemie. Im Frühjahr schaffte es Liga-Chef Christian Seifert zwar schnell zurück auf den Platz - doch nun droht womöglich der nächste Lockdown. Die Unruhe ist groß.

Von Caspar Busse

Vor einigen Wochen war Christian Seifert, 51, in der Münchner Arena beim Spiel um den Supercup - es war ein packender Kampf zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Seifert war der Mann im dunklen Anzug, der am Ende den Bayern-Spielern den Pokal überreichte und dann schnell wieder nach links aus dem Bild verschwand, während die Mannschaft im Konfettiregen feierte. Seifert, selbst ein Anhänger von Borussia Mönchengladbach, ist seit 2005 Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL), der Vereinigung der 36 Profivereine der ersten und zweiten Liga. Er ist der Mann, der den deutschen Profifußball - bis jetzt zumindest - einigermaßen unbeschadet durch die Corona-Krise gebracht hat. Ohne ihn hätte es wohl auch den Supercup, das Spiel des Ersten gegen den Zweiten der trotz Corona abgeschlossenen Saison 2019/20, nicht gegeben.

"Die Situation war komplex, ich bin an meine Grenzen gekommen", erinnerte er sich jüngst an die Anfänge der Corona-Krise. Von Mitte März an ruhte der Fußball in Deutschland plötzlich, der Spielbetrieb der Bundesliga wurde vollständig eingestellt. Nicht nur für viele Fans - angeblich 52 Prozent der Deutschen interessieren sich für Fußball - war das schlimm, für viele Vereine kam es sogar einer Katastrophe gleich. Die Einnahmen fielen plötzlich ganz aus oder waren in großer Gefahr, die Ausgaben, insbesondere die hohen Gehälter der Spieler, liefen aber unvermindert weiter, eine Liquiditätsplanung gab es oft nicht. Die Bundesliga ist zwar eine der größten Sportligen der Welt, mit hoher medialer Aufmerksamkeit und addierten Milliardenumsätzen, aber in Wirklichkeit besteht sie aus vielen kleinen Mittelständlern: den Vereinen.

Seifert und die DFL wussten, dass der Spielbetrieb allein aus wirtschaftlichen Gründen so schnell wie möglich wiederaufgenommen werden muss. "Wieder zu spielen, war eine absolute ökonomische Notwendigkeit", sagte Seifert. Zusammen mit Medizin und Politik erarbeitete man ein umfassendes Hygienekonzept für die Spiele, natürlich ohne Zuschauer, was dann sogar zum Vorbild für viele anderen Sportveranstaltungen in aller Welt wurde. Nach nur 66 Tagen Pause wurde der Spielbetrieb im Mai wiederaufgenommen.

Das war durchaus auch Seiferts Verdienst, brachte ihm und der DFL aber auch viel Kritik ein: Eine Extrawurst für den Fußball, während die Kultur und der große Rest der Wirtschaft weiter leiden und auf Normalität verzichten mussten? Nur weil die Bundesliga über gute Verbindungen in die Politik verfüge, bekomme sie eine Ausnahmeregelung, hieß es. Durchgezogen wurde es trotzdem.

Als der Ball wieder rollte, zahlten auch die Inhaber der Fernsehrechte, allen voran Sky und der Streamingdienst Dazn. Von denen ist die Bundesliga abhängig wie nie zuvor. Allein in Seiferts Amtszeit, also in den vergangenen 15 Jahren, vervierfachten sich die Fernseheinnahmen von 400 Millionen Euro auf gut 1,6 Milliarden Euro pro Jahr. Nun wird es, vor allem wegen der wirtschaftlichen Unsicherheiten durch die Corona-Pandemie, erstmals einen Rückgang geben. Die hohe Abhängigkeit von den Fernsehgeldern ist gefährlich, die TV-Erlöse machen zusammen mit Sponsorengeldern bereits gut 60 Prozent der Einnahmen aus. Erst dann folgen die Ticketverkäufe oder die Einnahmen aus dem Transfer von Spielern. Und trotzdem trifft auch das Fehlen der Zuschauer - immerhin im Durchschnitt eine halbe Million pro Spieltag - die Vereine hart, in der zweiten und dritten Liga noch stärker.

Aber Seifert gewinnt der schwierigen Lage auch etwas Positives ab. Die Corona-Krise sei zumindest aus wirtschaftlicher Sicht ein "heilsamer Schock" gewesen, sagte er. "Die Erkenntnis, dass Wachstum nicht automatisch kommt, ist nun bei vielen Klubs angekommen." Das Geld komme eben nicht nur wie der Strom "einfach aus der Steckdose". Seit Jahrzehnten war das Geschäft der Bundesligisten immer nur gewachsen, 2018/19 setzten die 18 Erstligisten zusammen insgesamt vier Milliarden Euro um, angeführt natürlich wieder von Bayern München und Borussia Dortmund (die Westfalen sind sogar an der Börse notiert). Die Zweitligisten kamen auf 780 Millionen Euro. Nun, in der Corona-Krise, gibt es aber kaum noch Ticketerlöse, außerdem weniger TV-Geld, und auch manch bislang großzügiger Sponsor muss angesichts eigener Probleme jetzt andere Präferenzen setzen.

Inzwischen bröckelt die Disziplin der Klubs - das liegt auch am DFL-Chef selbst

Viele Vereine planen nun vorsichtiger, manche hatten bislang erst noch zu erwartenden Einnahmen verpfändet, um schneller an Geld zu kommen. Seifert geht auch davon aus, dass nun auch die Spielergehälter deutlich sinken werden, um bis zu ein Fünftel. Zuletzt gaben die Erstligavereine zusammen immerhin 1,5 Milliarden Euro für ihre Kader aus, eine enorme Summe. "Zur Zeit sind sehr viele Spieler in der Bundesliga froh, dass sie einen Arbeitgeber haben", glaubt Seifert. Erste Auswirkungen sind bereits zu spüren: Einige Stars und Großverdiener wie André Schürrle oder Benedikt Höwedes haben gerade ihre Karriere früh beendet, Mario Götze ging in die Niederlande, Bayern-Abwehrspieler David Alaba konnte seine hohen Gehaltsforderungen nicht durchsetzen, und die Ablösesummen sinken auf breiter Basis.

Zugleich geht angesichts der deutlich steigenden Infektionszahlen inzwischen die Angst um, dass die Bundesliga nochmals ausgesetzt werden könnte. Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge warnte bereits: "Wenn die Bundesliga erneut unterbrochen werden würde, wenn also nicht mal mehr ohne Zuschauer gespielt werden dürfte, müssten nach und nach viele Vereine Insolvenz anmelden, und in der Folge würde dann sogar die Gefahr bestehen, dass die Bundesliga als Ganzes kollabiert." Das will die DFL natürlich verhindern. "Die Liga stand so intensiv zusammen wie noch nie", lobte Seifert vor Kurzem noch das Verhalten der Vereine bei der ersten Krise im Frühjahr.

Doch inzwischen bröckelt die Disziplin - und das liegt auch am DFL-Chef selbst. Der verkündete Ende Oktober überraschend, dass er seinen Vertrag, der Ende 2022 auslaufen wird, nicht verlängern will. Der Job bei der DFL sei "Ehre und Freude zugleich" gewesen, aber: "In zwei Jahren möchte ich ein neues berufliches Kapitel aufschlagen." Immerhin: Es ist ein Abgang auf dem Höhepunkt der Karriere, durch das Corona-Krisenmanagement hat Seifert an Statur gewonnen, die DFL war zuletzt ganz auf ihn zugeschnitten, er hatte die Zügel fest in der Hand.

Nun aber ist die Liga in Unruhe, ein Nachfolger dürfte schwer zu finden sein, und eine gemeinsame Linie ist nicht in Sicht. Die Vereine diskutieren vielmehr über die Verteilung der schwindenden Fernseheinnahmen von Mitte 2021 an: Die einen - einige Erst- und viele Zweitligavereine - wollen das Geld gleichmäßiger aufteilen, die anderen, besonders die großen Klubs, sind gegen solche Änderungen. Es gab bereits Krisensitzungen. In der Liga sind die wirtschaftliche Ungleichheit und damit auch die sportliche Diskrepanz schon lange ein Thema. Allerdings verzerren vor allem die hohen Einnahmen der Champions-League-Teilnehmer das Gefüge. Für Diskussionen ist also gesorgt. Fest steht nur, dass Seifert nicht mehr lange Pokale und Meisterschalen überreichen wird.

© SZ/sry
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