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Banken:Fußball und andere Risiken

Atletico de Madrid v Athletic Club - La Liga Santander

Bis nach Spanien zum Fußballclub Atletico Madrid reichen die Geschäftsbeziehungen der Volks- und Raiffeisenbank Bad Salzungen Schmalkalden.

(Foto: Angel Martinez/Getty Images)

Erst erregte eine Thüringer Bank Aufsehen mit spektakulären Deals und einem prominenten Mitarbeiter: Stefan Effenberg. Nun droht eine Sonderprüfung.

Von Harald Freiberger, München

Es war einmal eine kleine Volks- und Raiffeisenbank im ehemaligen Zonenrandgebiet, der ging es nicht gut. Dann kam ein neuer Chef, der sagte: So kann das nicht weitergehen. Er definierte einige neue Geschäftsfelder, mit denen er künftig Geld verdienen wollte. Dazu zählten Investitionen in Windkrafträder oder Immobilien, aber auch Kredite an bekannte Fußballvereine, zum Beispiel zehn Millionen Euro an Atletico Madrid. Als auch noch herauskam, dass die Bank den berühmten Ex-Fußballer Stefan Effenberg als Mitarbeiter eingestellt hatte, wurde sie über ihre Region hinaus bekannt.

Ende 2018 war das, und viele Leute fragten sich damals: Was ist das für ein Institut, die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden in Thüringen?

Dann zeigte sich auch noch, dass die Finanzaufsicht Bafin gegen die Bank ermittelte wegen einer Serie angeblicher Unregelmäßigkeiten. Die neueste Wendung ist nun, dass der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) gegen sein Mitgliedsinstitut eine Sonderprüfung durchgesetzt hat. Das Landgericht Berlin entschied, dass die Prüfungsgesellschaft Deloitte demnächst in die Bücher der Bank schauen darf. Am 12. April werden die Prüfer eintreffen.

Ist da Gefahr im Verzug?

Bei der Sonderprüfung soll ein besonderes Augenmerk auf "30 Kreditengagements mit einem Risikovolumen von mehr als 5 Mio. pro Kreditnehmereinheit" gelegt werden, steht im Schreiben das BVR an die Bank. Das Branchen-Fachblatt Bank intern interpretiert dies so: Man scheine sich beim BVR "große Sorgen zu machen hinsichtlich der Möglichkeit des Eintritts eines Sicherungsfalles", offenbar gehe man von "Gefahr in Verzug" aus. Die Sicherungseinrichtung des BVR ist ein Schutz für den Fall, dass eine der 814 Mitgliedsbanken in Schieflage gerät.

Bei der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden versteht man das Vorgehen des eigenen Verbands nicht. "Unsere Bücher werden aktuell gesetzlich geprüft, der Prüfbericht kommt in wenigen Tagen heraus", sagt ein Sprecher. Nichts deute darauf hin, dass es Unregelmäßigkeiten bei Krediten gebe.

Im Jahr 2018 gab es bei der Bank schon eine Sonderprüfung durch EY (früher Ernst & Young), veranlasst durch die Finanzaufsicht Bafin. Heraus kam nichts. Der Bank liegt sogar ein Schriftverkehr zwischen Bafin und EY vor, wonach die Aufsicht mit dem Prüfergebnis nicht zufrieden war und EY aufforderte nachzubessern; die Prüfgesellschaft wies dies entrüstet zurück.

Eine anonyme Anzeige als Auslöser

Die Skepsis von Aufsicht und Verband hat vermutlich mit einer zunächst anonymen Anzeige gegen die Bank zu tun, die 2018 bei der Bafin einging. Darin wurden mehrere schwere Vorwürfe erhoben, vor allem, was die Kreditvergabe betraf. Die Anzeige war Anlass für die Bafin, die Sonderprüfung durch EY einzuleiten.

Später stellte sich in einem Arbeitsgerichtsprozess heraus, dass die Anzeige vom Leiter der Immobilienabteilung der Bank kam. Er war ein altgedienter Mitarbeiter und offenbar nicht mit dem Kurs des neuen Chefs Stefan Siebert einverstanden, der 2004 kam und die Bank umkrempelte. Noch später wurde bekannt, dass der Mitarbeiter bei seiner Anzeige falsche Angaben gemacht hatte. Inzwischen musste er die Bank verlassen.

In der Tat ist es ungewöhnlich für eine kleine Regionalbank, Windparks und Photovoltaik-Anlagen im gesamten Bundesgebiet und dazu Fußballvereine wie Eintracht Frankfurt, den 1. FC Köln und sogar Atletico Madrid zu finanzieren. Zumal für Genossenschaftsbanken traditionell das Regionalprinzip gilt, wonach Geschäfte nur mit Partnern in der eigenen Region gemacht werden sollen.

Alle Geschäfte seien durch Gutachten abgesichert

Das Institut verteidigt sein Gebaren. "Wir waren nach 2004 über Jahre in den roten Zahlen, in unserer strukturschwachen Region gab es keine Aussicht darauf, dass sich das bessert, deshalb mussten wir Geschäft auch außerhalb unseres traditionellen Gebietes machen", sagt der Sprecher. So habe man sich entschlossen, in Immobilien, erneuerbare Energien und Fußballvereine zu investieren - und zwar stets durch Gutachten abgesichert.

Alle Sparten hätten sich als hoch rentabel herausgestellt. Man investiere in Immobilien wie Gerichtsgebäude mit sicheren öffentlichen Mietern. Die Kredite an Fußballvereine seien alles andere als riskant. 2017 hatte man 58 Millionen Euro an Clubs vergeben, 13 Prozent des gesamten Kreditbuchs. "Wir finanzieren keine Spielertransfers, sondern Projekte wie Tribünenerweiterungen, und jeder Kredit ist durch TV-Einnahmen abgesichert", sagt der Sprecher.

In diesem Zusammenhang hat die Bank auch Effenberg verpflichtet. Sie finanzierte ihm sogar eine 70 000 Euro teure Fortbildung an der Akademie Deutscher Genossenschaften (ADG) in Montabaur. Effenberg firmiert als regulärer Mitarbeiter der Bank, er taucht auch im Organigramm auf und ist der Kreditabteilung zugeordnet. "Seine Aufgabe ist es, Kontakte anzubahnen und Einschätzungen abzugeben, weil er das Fußballgeschäft als ausgewiesener Experte kennt", sagt der Sprecher.

Teure Sonderprüfung

Auch sonst will man sich nichts nachsagen lassen. Der Erfolg gebe der Bank schließlich recht: Erträge, Kreditvolumen, Kundenzahl und Jahresüberschuss seien über die letzten Jahre kontinuierlich gestiegen. 2019 betrug der Jahresüberschuss 3,9 Millionen Euro. "Wir ernten jetzt und in den kommenden Jahren die Früchte unserer Geschäftspolitik, die wir vor mehr als zehn Jahren eingeschlagen haben", sagt der Sprecher.

Umso mehr wundert man sich über die Sonderprüfung. "Das kostet uns einen Betrag im mittleren sechsstelligen Bereich", sagt der Sprecher, der fest davon ausgeht, dass wieder dasselbe herauskommen wird wie bei den letzten Prüfungen: nichts. Die Bank will sich Schadenersatzforderungen in alle Richtungen vorbehalten. Bafin und BVR wollten auf Anfrage nichts zu dem Fall sagen.

© SZ
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