Kraft Heinz:Ketchup ohne Margarine

Kraft Heinz: Animierte Leuchtreklame in Pittsburgh/Pennsylvania, dem Hauptsitz der Heinz Company vor der Fusion mit Kraft.

Animierte Leuchtreklame in Pittsburgh/Pennsylvania, dem Hauptsitz der Heinz Company vor der Fusion mit Kraft.

(Foto: Gene J. Puskar/AP)
  • Der Lebensmittelhersteller Kraft Heinz verzichtet auf einen Zusammenschluss mit seinem britisch-niederländischen Konkurrenten Unilever.
  • Der US-Konzern hatte Unilever für 143 Milliarden Dollar (134 Milliarden Euro) übernehmen wollen. Ein Grund für den Rückzug wurde zunächst nicht genannt.
  • Schon vorher gab es Zweifel, ob die Übernahme zustande kommen würde. Experten hatten dem Projekt große politischer Widerstände vorausgesagt.

Von Markus Balser, Berlin

Die britische Premierministerin Theresa May ahnte vor einigen Monaten sicher nicht, dass alles noch schlimmer kommen könnte: Der amerikanische Ketchup-Hersteller Kraft Heinz gebe ein prima Beispiel für eine Übernahme ab, die London unbedingt hätte blockieren müssen, wetterte May zu Beginn ihrer Kandidatur für den Vorsitz der Konservativen Partei im vergangenen Sommer.

Kraft habe das Versprechen nicht gehalten, bei der Übernahme der Schokoladenfirma Cadbury, einer britischen Institution, eine lokale Fabrik zu erhalten. May versprach den Briten, ihnen bei einem Brexit künftig mehr Kontrolle über ihr Leben zurückzugeben.

Hinter den Plänen stecken zwei mächtige Finanzinvestoren

Nun drohte der Kontrollverlust auf der Insel noch größer zu werden. Denn Kraft Heinz plante den nächsten Angriff auf der Insel: 143 Milliarden Dollar (134 Milliarden Euro) bot Kraft am Freitag für den deutlich größeren Konkurrenten Unilever aus Großbritannien und den Niederlanden. Doch nur zwei Tage später gab Kraft die Pläne auch schon wieder auf.

Zu groß waren nicht nur die politischen Widerstände gegen einen der größten Übernahmepläne der Wirtschaftsgeschichte. Beide Unternehmen erklärten am Sonntagabend in einer gemeinsamen Mitteilung, Kraft Heinz ziehe seinen Vorschlag für eine Fusion zurück. Ein Grund dafür wurde zunächst nicht genannt.

Laut Wall Street Journal hatte Unilever-Chef Paul Polman allerdings den Verwaltungsrat und große Investoren gegen Kraft Heinz in Stellung gebracht. Das WSJ schreibt unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Personen, Polman habe vor dem "Kostensenkungs-Ethos" der Amerikaner gewarnt, das die Unilever-Marken beschädigen könnte. Zudem hieß es, Kraft sehe den Deal als nicht mehr verhandelbar an, da das Vorhaben bereits in einem frühen Stadium bekannt geworden sei.

Unilever hatte die Offerte zudem bereits am Freitag als viel zu niedrig zurückgewiesen. Es gebe zudem strategische Bedenken, hieß es aus der Konzernzentrale. Auch Experten hatten dem Projekt viel politischen Widerstand aus ganz unterschiedlichen Gründen vorausgesagt: Wegen der schieren Größe der Transaktion müssten sich in einem solchen Fall die Kartellbehörden der beteiligten Länder einschalten, sagte Chef-Analyst Michael Hewson vom Wertpapierhändler CMC Markets.

Finanzinvestoren verändern Lebensmittelbranche radikal

Die wachsende Marktmacht der Konzerne dürfte Behörden unheimlich werden. "Die britischen haben schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht mit gebrochenen Versprechen, und ich gehe nicht davon aus, dass sie sich nochmals täuschen lassen", sagte er weiter. Dennoch kommt der Rückzug überraschend. Kraft und vor allem die Drahtzieher im Hintergrund lassen sich von Widerstand so schnell nicht beeindrucken.

Die treibende Kraft hinter den Plänen aus den USA sind Finanzinvestoren, welche die amerikanische Lebensmittelbranche bereits seit Jahren radikal verändern. Hinter Kraft Heinz stehen der Milliardär Warren Buffett und seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway sowie der so mächtige wie finanzstarke Finanzinvestor 3G Capital.

Beide schien das Veto von Unilever zunächst kaum zu beeindrucken. "Wir freuen uns darauf, eine Einigung über die Bedingungen einer Transaktion zu erreichen", teilte der Konzern mit. Eine Fusion der beiden Firmen mit Marken wie Rama, Knorr, Philadelphia-Frischkäse, Weight Watchers, Lipton und Dove wäre die größte gewesen, die es in der Lebensmittelbranche je gab.

Bislang galt die Fusion der zweitgrößten Brauereigruppe der Welt, Sab-Miller, mit der größten, Inbev, als kaum zu toppen. Der belgisch-brasilianische Konzern hatte für den Kauf fast 100 Milliarden Euro gezahlt. Aus Unilever und Kraft wäre eine neue Großmacht mit einem Umsatz von fast 80 Milliarden Euro entsanden. Nur der Schweizer Nestlé-Konzern mit gut 83 Milliarden Euro Umsatz wäre noch stärker gewesen. Dass Kraft Heinz nun seine Pläne aufgibt, durch große Übernahmen international weiter zu wachsen, gilt als unwahrscheinlich. Die Amerikaner dürften sich neue Ziele suchen.

Großkonzerne können Rohstoffpreise beeinflussen

Der Konzern war selbst erst 2015 aus der Fusion des Ketchup-Herstellers Heinz mit dem Philadelphia-Produzenten Kraft hervorgegangen. Mitgemischt hatte bereits damals der Finanzinvestor 3G - und es war nicht dessen erster Coup: 3G hatte zuvor bei der Fusion von Burger King und Tim Hortons und beim Bier-Zusammenschluss Anheuser-Busch Inbev bereits seine Finger im Spiel. Konzerne versprechen sich von diesen Zusammenschlüssen zwei Effekte: Zum einen könnten sie mit mehr Marktmacht Preise beim Einkauf drücken. Zum anderen könnten Produkte mit weniger Konkurrenz im Supermarkt teurer angeboten werden.

Auch wenn der Kauf von Unilever nun überraschend gescheitert ist: In Großbritannien wächst die Angst vor weiteren unfreundlichen Übernahmeversuchen, weil der Verfall des Pfundes wegen der Brexit-Pläne diese erleichtert. Der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses des Parlaments, Iain Wright, sagte, dass "eine Menge von sehr guten britischen Unternehmen den 'Feuerverkäufen' ohne Berücksichtigung auf ihre Leistung und Qualität ausgesetzt seien".

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