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Atomkatastrophe:Wut und Enttäuschung nach Fukushima-Urteil

Japan: Atomkraft-Gegner protestieren 2019 in Tokio vor einem Gericht

Vor dem Gericht in Tokio protestierten Opfer der Katastrophe und Anti-Atomkraft-Aktivisten.

(Foto: AFP)
  • Drei frühere Topmanager des Energieunternehmens Tepco sind in Japan von einem Gericht freigesprochen worden.
  • Sie waren wegen des Nuklearunglücks in Fukushima-1 angeklagt gewesen, bei dem es in dem Atomkraftwerk des Unternehmens zu Kernschmelzen gekommen war.
  • Opfer der Katastrophe und Anti-Atomkraft-Aktivisten halten das Urteil für falsch.

Es ist der Tag, an dem die Verantwortung für die Atomkatastrophe von Fukushima 2011 verteilt werden soll. Drei frühere Spitzenmanager des Energiekonzerns Tepco sitzen auf der Anklagebank des Landgerichts in Tokio. Miyakawa Yukirino, 68, Rentner und Atomkraftgegner, ist mit hohen Erwartungen aus der Präfektur Saitama gekommen. Er trägt eine gelbe Fahne mit Anti-Atomkraft-Botschaft und auf der Brust eine zerknitterte Pappe mit der Aufschrift: "No Nukes." Viele Kernkraftgegner sind da, viele Menschen, die wegen der Katastrophe umsiedeln mussten. Drinnen, im klobigen Gerichtsgebäude nahe dem Hibiya-Park, ergeht der Richterspruch. Jemand teilt das Ergebnis via Mikrofon mit. Ein Aufschrei geht durch die Menge. "Nicht schuldig", sagt Miyakawa Yukirino entsetzt. Er versteht das Urteil nicht, er möchte schreien wie die anderen. "Wir sind sehr, sehr wütend."

Der Prozess am Tokioter Landgericht gegen den früheren Tepco-Vorstand Tsunehisa Katsumata, 79, und seine beiden früheren Vizepräsidenten Ichiro Takekuro, 73, und Sakae Muto, 69, ist eine große Hoffnung gewesen für Japans Atomkraftgegner. Vor allem für die direkt Betroffenen der Katastrophe, bei der ein schweres Erdbeben mit anschließendem Tsunami das Kühlsystem dreier Reaktoren im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi so schwer beschädigte, dass es dort jeweils zur Kernschmelze kam. Seit 2017 lief der Prozess. Eine Bürgerinitiative hatte ihn erwirkt, nachdem die Staatsanwaltschaft in den Jahren davor zwei Mal beschlossen hatte, die Tepco-Chefs nicht anzuklagen.

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Auf fahrlässige Katastrophen-Vorsorge lautete die Anklage: Demnach hätte die Tepco-Spitze das Schlimmste verhindern können, wenn sie ihrer Verantwortung gerecht geworden wäre und sich richtig über die Risiken eines Kernkraftwerks an der Pazifikküste informiert hätte. Haftstrafen von fünf Jahren waren gefordert von den Anwälten der Anklage, die das Landgericht bestellt hatte. Für die klagenden Bürgerinnen und Bürger war das die Aussicht auf so etwas wie Gerechtigkeit im Unglück.

Das Gericht befasste sich dann vor allem mit der Frage, ob die Tepco-Chefs den Tsunami hätten voraussehen können, der mit einer Höhe von bis zu 15,7 Metern zur Katastrophe führte. Die Umweltorganisation Greenpeace sagt, sie hätten alle Informationen gehabt, um ihn voraussehen zu können. Aber aus finanziellen Gründen habe Tepco auf die Prognosen nicht reagiert. "Zwischen 2002 und 2008 wusste Tepco von dem Potenzial eines 15,7-Meter-Tsunamis. Das war zehn Meter höher als der existierende Schutzwall Fukushima Daiichi", erklärt Greenpeace in einer Pressemitteilung zum Urteil.

Die Verteidiger der Tepco-Manager bestritten diese Darstellung im Prozess. Und das Gericht folgte schließlich der Verteidigung. "Es wäre unmöglich, ein Atomkraftwerk zu betreiben, wenn die Betreiber verpflichtet wären, jedes erdenkliche Tsunami-Risiko vorherzusehen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen", sagte der vorsitzende Richter Kanichi Nagafuchi in seiner Urteilsbegründung.

Das Urteil stärkt im Grunde die Argumente der Kernkraftgegner, denn sie halten die Risiken der Kernkraft ja auch deshalb für unkontrollierbar, weil niemand immer alle Kräfte der Natur vorhersehen kann. Aber das änderte nichts daran, dass Kläger und Umweltschützer vor dem Gericht mit bitterer Enttäuschung reagierten. Die Kläger aus der Präfektur Fukushima enthüllten ein Protestplakat und ließen vor der versammelten Medienschar ein Mikrofon durch ihre Reihen gehen. Manche redeten mit leiser tränenerstickter Stimme, andere brüllten zornig.

Aktivisten vermuten politische Gründe hinter dem Urteil

"Ich hätte nie gedacht, dass ich Ihnen von so einem Ergebnis berichten muss", sagte eine Frau, die wegen der Nuklearkatastrophe nach Kyoto umsiedeln musste, "ich möchte weiter alles tun, was wir tun können. Für die Wahrheit in diesem Land. Damit sich unsere Kinder nicht schämen müssen." Ein Mann schimpfte: "Was macht das Gericht überhaupt? Habt ihr keine menschliche Moral?" Eine weitere Frau rief: "Vorsitzender Richter, ich verstehe nicht, warum Sie das Urteil gefällt haben, was haben Sie dabei gesehen?" Greenpeace warf dem Gericht vor, über Tatsachen hinweggegangen zu sein, und zog seine Schlüsse daraus: "Ein Schuldspruch wäre nicht nur für Tepco ein verheerender Schlag gewesen, sondern auch für die Regierung von Premierminister Shinzo Abe und die japanische Atomindustrie", sagte Shaun Bernie, ein Atomkraft-Experte von Greenpeace, "deshalb ist es vielleicht keine Überraschung, dass das Gericht nach den Fakten falsch geurteilt hat".

Und Tepco? Dass das Unternehmen ein Risiko unterschätzt haben könnte, scheint dessen Spitze irgendwie doch anzuerkennen. Der Schaden ist einfach zu groß. Der Wiederaufbau läuft, aber achteinhalb Jahre nach dem Desaster können viele immer noch nicht in ihre Heimat zurückkehren. Und die Probleme durch die strahlenden Ruinen des Kernkraftwerks bleiben. Kürzlich erst hat Tepco einräumen müssen, dass allmählich der Platz ausgeht, um das verstrahlte Kühlwasser für die geschmolzenen Reaktoren zu lagern. Nach dem Freispruch erklärte Tepco ausdrücklich, wie leid dem Konzern das alles tue: "Noch einmal entbieten wir unsere aufrichtigsten Entschuldigungen für die Probleme und Sorgen, die wir vielen Menschen bereiten, inklusive denen in der Präfektur Fukushima." Man bemühe sich sehr um Entschädigung. Nur schuld sein will Tepco auf keinen Fall.

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